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Brasiliens Talfahrt als Fanal für Schwellenländer

BRAZIL ECONOMY
(c) APA/EPA/Fernando Bizerra Jr. (Fernando Bizerra Jr.)
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Die Herabstufung durch eine Ratingagentur hat im angeschlagenen Brasilien die Alarmglocken schrillen lassen. Die Regierung reagiert mit Sparen und höheren Steuern. Anderen Schwellenländern steht Ähnliches bevor.

Wien. Die Antwort der brasilianischen Regierung folgte auf dem Fuß: Angesichts der Wirtschaftskrise plane man Einsparungen und Steuererhöhungen in einem Volumen von 15 Mrd. Euro, kündigte Planungsminister Nelson Barbosa noch am Montag an. Ein Viertel der 39 Ministerien werde aufgelöst. Die Löhne im öffentlichen Dienst sollen eingefroren, soziale Ausgaben gekürzt werden. Ebenso Investitionen in die Infrastruktur. Finanzminister Joaquim Levy sprach von „wichtigen Korrekturen“. Einige von ihnen bedürfen jedoch noch der Zustimmung im Parlament, die keineswegs sicher ist.

 

Gipfel der Negativnachrichten

Die Notwendigkeit der „Korrekturen“, die auch soziales Sprengpotenzial bergen, war spätestens Ende der Vorwoche offensichtlich geworden. Zu diesem Zeitpunkt nämlich hatte die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) die Bonitätsnote des südamerikanischen Schwellenlandes auf BB+ und damit auf Ramschniveau herabgestuft. Sollte nach S&P eine weitere der großen Ratingagenturen brasilianische Bonds auf Ramsch setzen, könnten Anleger aus Angst vor Zahlungsausfällen Anleihen im Volumen von über 20 Mrd. Dollar (17,66 Mrd. Euro) auf den Markt werfen, schätzen die Experten der US-Bank JP Morgan. Vor allem Lebensversicherer und Pensionsfonds trennen sich von den Papieren, da sie meist nur Bonds mit dem Gütesiegel Investment Grade halten dürfen.

Brasiliens Probleme sind freilich nicht ganz neu. Schon bevor S&P der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt mangelnden Reformeifer attestierte, hatte Brasilien mit Negativnachrichten aufhorchen lassen. Aufgrund der Korruptionsaffäre um den halb staatlichen Ölkonzern Petrobras, in die auch Staatschefin Dilma Rousseff verwickelt sein soll, herrscht eine politische Krise. Dies vor dem Hintergrund, dass das Land in eine Rezession geschlittert ist, die auch 2016 anhalten dürfte.

 

Schwellenländer bangen

Dabei gibt Brasilien nur eine Ahnung davon, was bald schon in anderen Schwellenländern folgen könnte. Vor allem die Türkei oder Südafrika müssten um ihre Bonitätsnoten bangen, so Analyst Simon Quijano-Evans von der Commerzbank. Darauf deute der Preisanstieg bei den Kreditausfallversicherungen hin. Anleger sehen skeptisch auf Kolumbien, Bahrain, China, Malaysia, Indonesien, Thailand, Israel und Saudiarabien. Bisher ist die Zahl der Schwellenländer mit einem negativen Ratingausblick – deren Bonität also auf dem Prüfstand steht – überschaubar. Und die Finanzlage vieler Staaten ist deutlich besser als vor Jahren. Allerdings hatten es viele in den vergangenen Jahren leicht gehabt, zur Wachstumsfinanzierung an ausländisches Kapital zu kommen. Nun, da die US-Geldschwemme beizeiten abflauen soll, werden Anleger dank der Aussicht auf steigende US-Zinsen wieder verstärkt die als sicher geltenden US-Treasuries kaufen.

Für Schwellenländer hingegen wird die Aufnahme neuer Kredite teurer, da Geldgeber oft für ein schlechteres Rating höhere Zinsen verlangen. Der drohende Ausverkauf auf dem Bondmarkt könne auch auf die Aktien übergreifen, warnt Volkswirt Manolis Davradakis vom Vermögensverwalter Axa Investment Managers. (ag./est)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2015)