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Wortgeschichte: R-E-S-P-E-K-T! Aber halt, wovor eigentlich?

USA POPE FRANCIS VISIT
Franklin/ Papst Franziskus(c) APA/EPA/TONY GENTILE/POOL (TONY GENTILE/POOL)
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Ob Flüchtlingskrise, Wahlkampf oder Islamdebatte: Das Wort „Respekt“ erlebt eine verbale Inflation, ersetzt immer öfter die „Toleranz“.

Ganz gleich, ob Wahlniederlagen österreichischer Politiker, Rücktritte deutscher Konzernchefs, Flüchtlingskrise oder Islamdebatte – ohne dieses Wort scheint es kein Auskommen zu geben. Strache zollt Ungarns Premier Orbán „Respekt“ für seine Asylpolitik, der niederösterreichische Landeshauptmann dem amtierenden oberösterreichischen für seine Tapferkeit, Deutschlands Wirtschaftsminister dem VW-Chef für seinen Rücktritt. Die von der Flüchtlingskrise geforderte deutsche Polizei verdiene endlich eine „Respekt-Kultur“, verkündete zudem am Wochenende eine deutsche Zeitung. Und Gérard Biard, Chefredakteur der Satirezeitschrift „Charlie Hébdo“, erinnerte jüngst in einem Interview an eine Bemerkung Salman Rushdies: „Respekt“ – in diesem Fall vor religiösen Gefühlen – sei ein Codewort für Angst; eine ganze Gesellschaft lasse sich mit Begriffen wie diesem emotional erpressen.

Man könnte meinen, „Toleranz“ sei heute ein viel wichtigerer Begriff. Zumal „Respekt“ einen altmodischen, undemokratischen und unegalitären Touch hat: Respekt „schuldeten“ früher automatisch Kinder den Erwachsenen, Jüngere den Älteren, Amtsträger, Vorgesetzte, sozial Höhergestellte waren automatisch „Respektspersonen“. Das Wort wirkt auch akustisch streng mit seinen drei Plosivlauten. Trotzdem ist es in der deutschen Alltagssprache stärker verankert als die „Toleranz“: Viermal öfter kommt das Wort laut Google-Suche im Netz vor. Auch in Grundsatzdebatten wird immer öfter damit operiert. „Respekt! Kein Platz für Rassismus“, hieß schon vor Jahren eine deutsche Antirassismus-Initiative. Wo früher „Toleranz“ gefordert wurde, fordert man nun oft „Respekt“.

 

Von der „Toleranz“ zum „Respekt“

Bedenkt man, wer und was alles uns heute Respekt abnötigen soll – Menschen, Gefühle, Umwelt etc. –, dann erstaunt es, wie wenig Beachtung der Begriff auf Wikipedia findet, nicht nur in der deutschen Version; dem englischen und französischen „respect“ ergeht es im Onlinelexikon nicht besser. Einfach mickrig ist der englischsprachige Eintrag, während man über die „toleration“ (die traditionelle englische Entsprechung zu unserer „Toleranz“) eine ganze Abhandlung lesen kann. Dabei könnte dieser Begriff vermutlich einiges über den Subtext jener Debatten verraten, in denen er verwendet wird. Warum zum Beispiel diese Verschiebung von der „Toleranz“ zum „Respekt“? Warum zu einer Haltung, die immer etwas Geschuldetes, Erzwungenes hatte?

Toleranz wurde traditionell eher „gewährt“, Respekt war man schuldig. Er ist eine geistige Währung, mit der man (oft widerwillig) zahlt: Respekt wird „gezollt“, eine Person „verdient“ ihn („Respekt!“). Man „schuldet“ jemandem Respekt, etwas „nötigt einem Respekt ab“. Oft geht Respekt mit Furcht einher, man wahrt dann einen „Respektabstand“.

Lateinisch „respicere“ hieß unter anderem „zurückschauen“, „bedenken“, „Rücksicht nehmen“. Erst seit der Neuzeit wurde im Französischen, Englischen und Deutschen der Sinn von Wertschätzung, Hochachtung dominant, bis hin zur Ehrfurcht – oder Furcht: wenn Personen den Respekt nicht aufgrund von Eigenschaften oder Handlungen „verdienten“, sondern aufgrund ihres äußeren Status beanspruchten und mit Gewalt durchsetzten. „Ich muss Sie nicht schätzen, weil Sie ein Herzog sind, aber ich muss Sie grüßen“, schrieb Blaise Pascal, er unterschied den Respekt für innere Verdienste vom „respect d'établissement“. Letzterer diente für Pascal vor allem der Erhaltung der (hierarchischen) Ordnung.

Das ist die Respektvariante, die eher in Verruf ist. Über die Wurzeln einer anderen Variante hätten die Kantianer, die sich kürzlich beim Internationalen Kant-Kongress in Wien versammelten, wohl einiges zu erzählen gehabt. Kant hat den „Respekt“ ins Zentrum seiner Moralphilosophie gerückt – freilich ohne dieses Wort zu verwenden. Der Philosoph schrieb von „Achtung“ – einer Achtung der Person als vernunftbegabtem Wesen, die nicht an bestimmte Verdienste geknüpft ist. Einen Menschen zu respektieren, heißt in diesem Sinn, ihn als Selbstzweck, nicht Mittel zum Zweck zu behandeln. Im Englischen wurde Kants „Achtung“ teilweise mit „reverence“ (Verehrung, Hochachtung) übersetzt, teilweise mit dem nüchterneren „respect“.

Von dort ist es nicht mehr so weit zum „R-E-S-P-E-C-T“, den in den Sechzigerjahren selbstbewusst die schwarze US-Sängerin Aretha Franklin einforderte. In ihrem gleichnamigen Lied sang sie „All I'm asking for is a little respect“. Sie forderte als Frau, als Schwarze die Anerkennung als Mensch, mit gleichen Grundrechten. Eben diese Sängerin ist ein halbes Jahrhundert nach ihrem Hit nun in den USA für Papst Franziskus aufgetreten, ein symbolträchtiges Aufeinandertreffen: Wenn er soziale Ungerechtigkeit kritisiert, spricht Franziskus lieber von „Respekt“ als von christlicher Nächstenliebe. Liebe klingt halt doch immer nach Geschenk, Respekt ist man schuldig. Welch ein Fortschritt, dass heute Menschen(gruppen) darauf pochen können, die früher keine Chance gehabt hätten, dass aus der elitären eine egalitäre Tugend würde.

 

Merkels Verbalflucht: „Respekt vor“

Trotzdem ist die derzeitige verbale Inflation des Worts „Respekt“ schädlich. Weder Kants „Achtung“ noch Franklins „respect“ zielten darauf ab, bestimmte Überzeugungen, Gefühle und Lebensweisen per se unter Schutz (vor Kritik) zu stellen. Was meint zum Beispiel Angela Merkel, wenn sie von Flüchtlingen, die bleiben wollen, „Respekt vor den Regeln und Werten der deutschen Verfassung“ verlangt? Im Französischen meint „ein Gebot respektieren“ („respecter“), dass man sich daran hält, das deutsche „Respekt vor“ ist viel vager. Erspart sich Merkel mit diesem Begriff die klare Botschaft, dass es „Regeln und Werte“ gebe, an die man sich zu halten habe?

In Foren kann man auch sehen, wie Islam-Diskutanten von „Respekt“ reden, aber völlig aneinander vorbei: weil konservative Muslime das Wort gern so verstehen, wie man es bei uns früher verstand – als Kniefall vor der Autorität (in diesem Fall der Religion und dem Propheten). Wenn Politiker also mit dem Schlagwort Respekt hantieren, sind Missverständnisse programmiert.

Kein Wunder aber auch: Das deutsche Wort „Respekt“ hat seine elitäre Bedeutungsgeschichte bis heute nicht abgestreift, wie der Alltagsgebrauch zeigt – und genau das macht ihn problematisch. Leicht wird er so zum Werkzeug, um kritiklose Anerkennung und Hochachtung dort zu beanspruchen, wo nicht weniger, aber auch nicht mehr zu gewähren ist als – Toleranz. Wenn überhaupt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2015)