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Duftende Keimkiller

Mikrobiologie. Aromastoffe aus der Natur könnten dazu beitragen, dass Lebensmittel länger halten. Das Grazer Start-up Roombiotic steht kurz vor der Markteinführung.

Wenn es nach Kaffee riecht, dann riecht es auch nach Pyrazinen. Die Aromastoffe bilden sich beim Erhitzen von Lebensmitteln, sind aber auch für den Geruch von Gemüse verantwortlich. Dort, genauer am steirischen Ölkürbis, haben Forscher rund um Umweltbiotechnologin Gabriele Berg von der TU Graz die Stoffe – buchstäblich – für ihr Unternehmen entdeckt: Hagel hatte die Früchte schlimm beschädigt, sie schimmelten. Die Wissenschaftler wiesen nach, dass Pyrazine aus dem Kürbis den Schimmel selbst bekämpften. Dieses Prinzip wollten sie nutzen, um Lebensmittel länger haltbar zu machen und gründeten das Start-up Roombiotic. Mit Jahresende will man nun in die Serienreife gehen.

Starten will man mit Backwaren. Dabei werden aber keine Pyrazine in Lebensmittel gemischt. „Viele Nahrungsmittel erreichen den Kunden gar nicht, die Probleme entstehen bereits bei der Produktion“, sagt Stefan Liebminger. Der Mikrobiologe ist Gesellschafter und wissenschaftlicher Leiter von Roombiotic. Pyrazine sind flüchtige Stoffe, das heißt, sie breiten sich über die Luft aus. Im Produktionsbetrieb könnten sie also einfach eingeblasen werden und so auch Ritzen und Rillen erreichen, die händisch nicht zu reinigen sind.

Dazu wird im Labor zunächst untersucht, wann ein Lebensmittel Schimmel tötet oder Keime hemmt. Die Substanzen werden genau bestimmt, nach und nach ihre Struktur entschlüsselt. Ist sie verstanden, werden die Stoffe nach dem Vorbild der Natur nachgebaut.


Gegen Keime am Lippenstift

Das Prinzip klingt einfach, tatsächlich ist die Gruppe dieser Aromastoffe aber sehr groß. So kommen sie etwa auch in Parfums vor. „Daher gibt es bereits Interesse aus der Kosmetikindustrie“, so der Forscher. Schließlich sollen sich auch auf Lippenstiften oder in Lidschatten keine Keime bilden.

Aber auch medizinische Anwendungen sind denkbar: Krankenhäuser könnten von Keimen befreit werden. Die Forscher fanden heraus, dass Pyrazine gegen für den Menschen gefährliche Staphylokokken oder E.-Coli-Bakterien wirken. Eine große Chance sieht Liebminger auch in der Wasseraufbereitung für Entwicklungsländer: Selbst um sehr große Mengen Wasser zu reinigen, brauche man nur wenig Wirkstoff. Doch zunächst liegt der Fokus auf Lebensmitteln für den europäischen Markt: In der Fleischproduktion ließen sich Salmonellen und Listerien bekämpfen, so Liebminger.

Die Unternehmensgründung gelang mit Unterstützung der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws). Der Weg aus dem Labor in die Wirtschaft ist für ihn durchaus ein Wagnis: Man müsse sich zuerst trauen und zugleich bereit sein, zu scheitern. Ihm sei aber wichtig, dass seine Ideen den Markt, und damit die Menschen, auch erreichen, sagt er.

Als Nebeneffekt soll durch die längere Haltbarkeit außerdem viel Müll vermieden werden: „Je nach Branche verderben bis zu zwölf Prozent der Ware“, so Liebminger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2015)