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Berufe mit Anleitung zum Selbermachen

Arno Aumayr machte sein Hobby zum Beruf.
Arno Aumayr machte sein Hobby zum Beruf.Die Presse
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Arno Aumayr leitet die offene Wiener Werkstätte Maker Austria, Amber Riedl betreibt von Berlin aus die digitale Bastelschule Makerist. Beide haben Erfahrung mit dem Scheitern – und dem handgemachten Neubeginn.

„Ich bereue es nicht eine Minute, dass ich neu gestartet habe – eher, dass ich es nicht schon früher getan habe“, sagt Arno Aumayr, Leiter der offenen Werkstätte Maker Austria. Der Name seines Vereins ist vielseitiges Programm: In Aumayrs Reich auf der Wiener Schönbrunner Straße wird seit einem Jahr gewerkt, gebastelt, gestrickt, gemalt und gefräst. Der „Do it yourself“-Trend (DIY) schaffte es zwar schon vor einigen Jahren über den Atlantik nach Wien, doch nie zur vollständigen Zufriedenheit des 43-Jährigen. Schon während seiner Zeit als Chef einer kleinen IT-Firma schielte er auf die Wiener Fabrikationslabore, besser bekannt als Fab Labs. Dort sah er immer nur einen kleinen, technologielastigen Teil der amerikanischen Maker-Bewegung umgesetzt. Aber Privaten den Zugang zu industriellen High-End-Maschinen wie 3-D-Druckern, CMC-Fräsern oder Laserkarten zu eröffnen war in seinen Augen nicht alles. 2014 bekam Aumayr die Gelegenheit, seine eigene Vorstellung eines zünftigen Maker-Spaces umzusetzen: Nach zu vielen 80-Stunden-Wochen, einem stressbedingten Burn-out und einer anschließenden beruflichen Auszeit wollte er sich neu orientieren. Der oberösterreichische Hobbybastler sah in seiner Wahlheimat Wien akuten Nachholbedarf – eine ordentliche Werkstätte musste her. Darunter verstand er einen Ort, der nicht nur alle technologischen Kunststücke spielt, sondern auch eine Werkbank, Nähmaschinen, Bohrer und Sägen beheimatet. Eben einen Ort, an dem es auch einmal staubt und die Späne fliegen. „Einer meiner Onkel war Spengler, der andere Tischler, als Kind war das ein Traum.“

Also bereiste er monatelang Europa, sammelte von Norwegen bis Griechenland Ideen für Finanzierung, Mitgliedschaft und Beitragsmodelle und verwirklichte seine eigene Idee von einer themenübergreifenden Werkstatt, die den Offenheits- und Gemeinschaftsgedanken – seiner Meinung nach die Quintessenz der Maker-Bewegung – lebt. „Das Schöne an einer offenen Werkstätte: Jeder kann hereinspazieren und mitmachen.“ Bisher folgten dieser Einladung in seine mehr als 500 Quadratmeter große Bastelstube 90 fixe Mitglieder, die über ein Pay-as-you-wish-Modell in die Vereinskassa einzahlen.


Brutkasten für Gründer und Fachkräfte.
Unter den Besuchern finden sich verschiedenste Typen und Altersstufen: von semiprofessionellen Hobbybastlern über junge Start-ups in ihrer Frühphase, die erste Prototypen entwickeln, bis hin zu Studenten, Pensionisten und Familien mit kleinen Kindern. Aumayr, selbst Vater eines Sohnes im Kleinkindalter, ist überzeugt: „Man muss so früh wie möglich anfangen, Kinder zum Basteln und Werken zu bringen.“ Einerseits sei das für ihre Entwicklung wichtig, andererseits sieht er darin ein Mittel, um Österreichs Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen.

Auch einige Industriefirmen haben seine Werkstatt schon als dringend nötige Kaderschmiede erkannt. Vor allem die Elektronikbranche unterstützt seinen Maker-Space mittlerweile mit Ausrüstung. Teils stehen Werbezwecke dahinter, teils Ideologie oder schlicht Sympathie für die offene Werkstatt und ihren engagierten Leiter. Trotz Sponsoring, Mitgliedsbeiträgen und nach und nach anlaufenden öffentlichen Förderungen wird Maker Austria aber großteils nach wie vor von Gründer Aumayr finanziert, der vor rund einem Jahr mit seiner Idee ohne finanzielle Unterstützung „in die grüne Wiese hinaus“ startete. Aber er lenkt ein: „Wozu sollte ich mein Geld aufheben? Worauf warten?“ Mit der Sponsorensuche, Buchhaltung und allem, was sonst anfalle, arbeite er zwar auch heute 60 Stunden in der Woche. „Aber das sind noch immer 20 weniger als früher“, gibt er schmunzelnd zu bedenken.


Basteln im digitalen Zeitalter.
Würde man Amber Riedl von den Eigeninvestitionen und dem Herzblut erzählen, das Aumayr in Maker Austria steckt, würde sie sich nach ihrer eigenen Vorgeschichte vermutlich an den Kopf greifen. Die 34-jährige Kanadierin ist Mitgründerin des Berliner Handarbeit-Start-ups Makerist. 2013 sprang man auf den „Do it yourself“-Zug auf und bietet seitdem erfolgreich Bastelanleitungen im Internet an. Doch Makerist ist nicht Riedls erste Berührung mit der deutschen Gründerszene.

2008 lancierte sie im Alleingang das Online-Hochzeitsplanungsportal 1001 Hochzeiten. Die Kanadierin wollte ihrem Wiener Freund, mit dem sie in Berlin lebte, in Griechenland das Jawort geben – das stellte sich als logistische Tour de Force heraus. Riedl fasste daraufhin den Plan, künftigen Brautpaaren die Arbeit zu erleichtern: „Ich sah ein tolles Beispiel in Amerika und dachte: ,Vielleicht bin ich diejenige, die das nach Deutschland bringt.‘“ Nach Unmengen an verbrauchten Ersparnissen, der Geburt ihrer zwei Söhne und fehlendem Nachfragezuwachs gab sie sich 2013 geschlagen. Seit 2014 läuft ihr Erstversuch unter neuem Namen, mit neuer Geschäftsführerin und finanzieller Investorenspritze wieder. Sie selbst kann mit ihrer Online-Handarbeitsschule mittlerweile ein 29-köpfiges Team und einen Kundenstamm von 250.000 registrierten Usern vorweisen, die ihre bezahlpflichtigen Videokurse im Internet abonnieren, Materialboxen bestellen und Anleitungen zum Stricken, Häkeln und Nähen herunterladen. Den Erfolg ihres Zweitversuchs sieht sie vor allem darin begründet, dass sie aus ihrer Bauchlandung wichtige Lehren gezogen hat.

„Ich war damals relativ allein mit meinen Ambitionen“, sagte sie, angesprochen auf ihr Hochzeit-Start-up. Das sollte ihr kein zweites Mal passieren: Sie gründete mit einem ebenso motivierten Partner, holte sich früh große private und öffentliche Investoren an Bord und fixierte mit diesen die Key Performance Indicators, an denen Makerist von da an sein Ziel und Wachstum maß. Die Unterstützung großer Investoren wie des renommierten deutschen Handarbeitszeitschriftenverlags OZ ließe einen nicht nur finanziell leichter atmen, sondern bringe auch einen ständigen Ideenaustausch mit sich, sagt Riedl. So startet auf Initiative des OZ-Verlags diesen Oktober mit dem „Makerist Mag“ ein Magazin, das mit dem Klischee verstaubter Strickanleitungen für Hausfrauen aufräumen will. In fünf Jahren möchte Riedl mit dem Start-up international sein, ein auf weitere Hobbys ausgedehntes Kursangebot anbieten und die Gewinnschwelle erreicht haben.


Abendfüllend scheitern.
Neben ihrer Geschäftsführungs- und Redakteurstätigkeit ist Riedl, die als junge Person sowohl Erfahrung mit dem Scheitern als auch dem Erfolg gemacht hat, gern gesehener Gast bei Veranstaltungen zum Thema Start-up-Gründung. So beim Tiroler Forum Alpbach oder der Berliner Veranstaltungsreihe mit dem plastischen Namen Fuck-up-Night – einem laut Riedl „supergehypten Event, bei dem alle Leute einen Abend lang nur vom Scheitern erzählen“. Auch in Wien gibt es davon einen Ableger.

Die Berufswege von Riedl und Aumayr haben einiges gemeinsam. Ganz abgesehen davon, dass beide den boomenden DIY-Markt rechtzeitig als solchen erkannten, sind Maker Austria und Makerist die zweiten Gehversuche von Menschen, die mit ihrem ersten Beruf scheiterten und die Kraft hatten, wieder aufzustehen. Mit der Rückbesinnung auf das Gemeinsame am Basteln, das Selbstgemachte und Handwerkliche haben sie sich und einer stetig wachsenden Community – ob offline wie in Wien oder online wie in Berlin – einen neuen Markt- und Begegnungsplatz geschaffen. Riedl wird oft gefragt, was es für ein erfolgreiches Start-up braucht. „Viel Kraft und Flexibilität“, antwortet sie dann, „und die Fähigkeit, an seine Idee auch in den Momenten zu glauben, in denen es nicht gut läuft.“ Eine starke Ansage. Besieht man sich die beiden Lebensgeschichten, scheint es aber, als läge der wirkliche Mut im Scheitern.

Lexikon

DIY. Die DIY-Bewegung, kurz für Do it yourself, ist grundsätzlich nichts Neues. Mit dem Trend der letzten Jahre hin zu mehr Nachhaltigkeit erkannten einige Werkstätten und Onlineblogs die Marktlücke und bieten seither Raum und Anleitungen zum Selbermachen und Austauschen an.

Fab-Labs, kurz für Fabrikationslabore, verfolgen das Ziel, dem interessierten Laien Zugang zu avancierten Technologien wie beispielsweise 3-D-Druckern zu verschaffen. Die erste offene Werkstätte dieser Art, die den Schwerpunkt stark auf Wissensvermittlung und Gemeinschaftssinn legte, wurde 2002 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA gestartet.

Maker-Space. Der Maker-Space ist eine andere Bezeichnung für eine offene Werkstätte. Der Begriff ist inhaltlich sehr eng mit jenem der Fab-Labs verwandt.

Die Bastler

Arno Aumayr (43) wechselte 2014 von der IT-Branche zu den Bastlern und Handwerkern und eröffnete vergangenen Oktober mit Maker Austria eine der ersten offenen Werkstätten Wiens.

Amber Riedl (34) ist Mitbegründerin des Berliner Start-ups Makerist. Seit 2013 führt sie die Online-Handarbeitsschule, die mittlerweile eine Viertelmillion User hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2015)