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Mittelmaß und Mayonnaise: Ein kulturgeschichtlicher Ausflug

Eine Geschichte der Mayonnaise zu erzählen, halten viele wohl für bloßen Bildungsmüll. Denn die Normierung der Unterrichtsinhalte schreitet munter voran.

Belgien, so lese ich im Kleingedruckten, streitet um ein Kulturgut: die Mayonnaise. Seit einem halben Jahrhundert schreibt die Lebensmittelvorschrift einen Fettgehalt von 80 Prozent vor. Die Herstellung einer kalorienärmeren Mayonnaise ist den Saucenherstellern in Belgien untersagt. Sie klagen, dass das ihren Absatz schmälert.

Das Ganze klingt nach Staatsoperette. In meinem Leben spielt die Mayonnaise keine besondere Rolle. Wenn ich ab und zu eine kaufe, greife ich nach der Tube von Kuner. Gelegentlich fällt mir dabei Loos ein oder Quentin Tarantino. Und manchmal denke ich an Livius und die Punischen Kriege.

Tarantino ist klar. In „Pulp Fiction“ gibt es den legendären Dialog zwischen zwei Killern, die im Auto zu einem Auftragsmord fahren. John Travolta: „You know what they put on French fries in Holland instead of ketchup? Mayonnaise!“ Samuel Jackson: „Goddamn.“ Travolta: „Man, they fuckin' drown 'em in that shit.“

Adolf Loos und Khuner sind kulturhistorisch interessanter. Paul Khuner – für seine Produkte wie „Kunerol“ oder die Mayonnaise ließ er das „h“ weg – war ein Lebensmittelproduzent und Kulturmensch. Sein Briefwechsel mit dem Sozialanthropologen Bronisław Malinowski liegt, unbeachtet von der österreichischen Wissenschaft, in einer US-Universität. 1927 widmete Malinowski Khuner das Werk „Sex and Repression in Savage Societies“, eine profunde Kritik an Freud und seiner Lehre. Paul Khuner war auch mit Loos bekannt und beauftragte ihn mit dem Bau seines Landhauses in Payerbach. Das „Haus Kreuzberg“ ist eines der letzten Werke des Jahrhundertarchitekten.

Komplizierter ist die Geschichte mit den Punischen Kriegen. Den Stowasser in der schweißfeuchten Hand mussten wir Livius und seine Geschichte der Punischen Kriege übersetzen. Karthagische Quellen, die es gegeben hat, sind leider verschollen. Livius beschreibt dramatisch, wie der neunjährige Hannibal mit seinem Vater Hamilkar Barkas vor den Opferaltar tritt und schwören muss, immer ein Feind der Römer zu sein. Ob Mago, der jüngste der drei Söhne des Hamilkar, dabei war, wissen wir nicht. Sicher jedoch nahm er an den Feldzügen seines Bruders Hannibal gegen die Römer teil. Nach der Schlacht von Cannae 216 v. Chr. war er es, der die Nachricht von der vernichtenden Niederlage der Römer nach Karthago brachte.

Später wurde er Oberbefehlshaber der punischen Truppen in Spanien. 205 v.Chr. nahm er neuerlich den Kampf gegen das römische Reich auf. Das bedrohte Karthago in Nordafrika. Mago plante eine Front im Rücken Roms. Dazu segelte er nach Ligurien, musste jedoch in Menorca überwintern. Dessen heutige Hauptstadt heißt Maó, Kastilisch: Mahón, und führt ihren Namen auf den Punier Mago zurück. Karthago unterlag Rom, und Mago fand den Tod. Die Insel Menorca aber wurde jahrhundertelang zum Spielball der Großmächte. Als sie einmal kurz an die Franzosen fiel, entdeckten Feinschmecker im Port Mahón die „salsa mahonesa“. Sie brachten sie als Mayonnaise nach Frankreich.

Auch wenn manche Berichte darüber spekulativ sind – die Mayonnaise im Regal ist real. Die mehr als zweitausendjährige etymologische Herleitung ihres Namens ist reizvoll.

Warum ich das erzähle? Weil es aus der Mode gekommener Bildungsmüll ist. Würde ich es heute in einer Schule erzählen, wäre ich ein Dinosaurier. Geschichten wie diese passen nicht in eine taylorisierte Pädagogik. Der Zug der Zeit sind reglementierte Prüfungen und kontrollierte Durchschnittlichkeit. Das Kreative, Herausfordernde, Fantasieanregende und Ungewöhnliche wird als Ballast abgetan.

Sollte der Begriff „Mayonnaise“ irgendwann einmal das Licht eines Unterrichtsbehelfes erblicken, was ziemlich unwahrscheinlich ist, dann wohl nur im Zusammenhang mit der Ernährungskunde. Mein Pech, dass ich Tarantino, Loos, Paul Khuner, Bronisław Malinowski, Livius, die Römer, Hannibal und Mago spannender finde.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2015)