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„1001 Nacht“: Geschichten gegen den Untergang

Portugiesen träumen zu Krisenzeiten von gestrandeten Walen: Regisseur Miguel Gomes mischt Fakt und Fiktion, um von den Nöten seiner Heimat zu erzählen.
Portugiesen träumen zu Krisenzeiten von gestrandeten Walen: Regisseur Miguel Gomes mischt Fakt und Fiktion, um von den Nöten seiner Heimat zu erzählen.(c) Stadtkino

Im dreiteiligen Epos „1001 Nacht“ erzählt Miguel Gomes von Portugal in Zeiten der Sparpolitik: ein abenteuerliches Werk aus wahren, verdrehten, ziemlich abstrusen Episoden.

Wie hat das Kino in Zeiten der Krise auszusehen? Wie geht man als politisch bewusster Regisseur damit um, wenn das Land, in dem man lebt und arbeitet, einer kräftezehrenden Austeritätspolitik unterworfen wird? Stürzt man sich mit dem Eifer eines unermüdlichen Dokumentaristen ins Getümmel des prekarisierten Alltags, um die Kämpfe, die dort ausgefochten werden, auf die Leinwand zu bringen? Oder setzt man umso mehr auf die unbegrenzten Möglichkeiten der Fiktion, damit die Träume, Fantasien und Hoffnungen der Menschen Bilder haben, an denen sie sich wärmen können? Die Antwort des portugiesischen Filmemachers Miguel Gomes lautet: Alles auf einmal, so viel, wie nur geht.

„1001 Nacht“ heißt sein neuestes Werk, oder besser gesagt: seine drei neuen Werke. Denn ein Film hätte nicht gereicht, um alles unterzubringen, was Gomes im Laufe der Dreharbeiten zu- und eingefallen ist. Das Konzept des Projekts ist so unorthodox wie ergiebig: Von August 2013 bis Juli 2014 schickte der Regisseur eine Gruppe von Journalisten auf die Suche nach gewöhnlichen und außergewöhnlichen Geschichten, die etwas über die Gegenwart des gebeutelten Portugals erzählen sollten. Diese wurden vom Filmteam aufgegriffen, nachverfolgt, in verschiedene künstlerische Formen gebracht und zu einem kaleidoskopischen Triptychon („Der Ruhelose“, „Der Verzweifelte“, „Der Entzückte“) verknüpft. Der übergreifende Titel verweist auf die lose Rahmung, die den gesammelten Wirklichkeiten eine mythisch-metaphorische Dimension verleiht: Scheherazade (Crista Alfaiate) tischt ihrem König Fabeln über ein „trauriges Land unter allen Ländern“ auf, um den Untergang hinauszuzögern.

Das Endresultat dieses wahnwitzigen Unterfangens, das heuer in Cannes im Zuge der Nebenschiene „Quinzaine des Réalisateurs“ seine viel beachtete Premiere feierte – für den Wettbewerb war es zu abenteuerlich –, ist ebenso schwer auf einen Punkt zu bringen wie die Krise selbst. Es sprengt in seiner Vielgestaltigkeit sämtliche Kategorien und Konventionen. Schon das erste Kapitel stiebt in alle Richtungen: Es beginnt einigermaßen unscheinbar als Filmessay über die Schließung einer Werft, mit persönlichen Berichten von entlassenen Arbeitern auf der Tonspur. Plötzlich eine Unterbrechung: Regisseur Gomes zieht sein eigenes Vorgehen in Zweifel, flüchtet vom Set. Dann geht es weiter, als wäre nichts gewesen – doch nun gesellt sich ein zweiter Erzählstrang (über die Bekämpfung einer Hornissenplage) zum Ersten. Unterdessen wurde der Chef von seiner Crew eingeholt, die ihn für seine Fahnenflucht bestrafen will. Also erzählt er ihnen von Scheherazade, die ihrerseits zu erzählen beginnt . . .

 

Das Prinzip „Zerstreutheit“

Schachtelgeschichten, Spielereien und Selbstreflexion, die Vermischung von Realitätsebenen und Narrationsformen, Mehrstimmigkeit, Entgrenzung und Überfluss als Antwort auf ein Diktat der notwendigen Entbehrung. Das Grundprinzip „Zerstreutheit“ hat natürlich zur Folge, dass die Filme stottern, manchmal überfordern und bei Weitem nicht jeder Einfall stimmig wirkt; aber Ordnung ins Chaos zu bringen ist das Letzte, was Gomes interessiert. Wie in seinem kaum weniger ausgefransten Durchbruch „Our Beloved Month of August“ folgt er Intuitionen und lässt das Land für sich sprechen, der Krisenabgrund wird zum Füllhorn umgestülpt.

Dabei sind die Episoden für sich genommen durchaus kohärent. Im abwechslungsreichen „Ruhelosen“ etwa findet sich eine heitere Satire über die Troika-Verhandlungen, in der die Beteiligten dank magischer Dauererektionen kurzzeitig das Defizit vergessen. Das Kernstück des „Verzweifelten“ bildet eine tragikomische Gerichtsverhandlung in einem Amphitheater, die aus realen, teils völlig abstrusen Verbrechen einen „Rosenkranz des Unglücks“ ohne klaren Schuldigen spinnt, bis die rechtschaffene Richterin sich gezwungen sieht, das Handtuch zu werfen. Davor: die Kolportage eines Mörders auf der Flucht, inszeniert als gemessener Western mit Laiendarstellern, bei dem die Breitwandkompositionen des thailändischen Kameramanns Sayombhu Mukdeeprom besonders schön zur Geltung kommen (wobei sich die Unstetigkeit sogar im Trägermaterial spiegelt – die Scheherazade-Passagen sind auf 35 mm, der Rest auf „ärmlichem“ 16 mm gedreht). Und immer wieder erklingt Musik: Von Klassik bis Hardcore-Punk ist alles dabei, als Leitmotiv fungiert der Latino-Standard „Perfidia“, den man in zahllosen Fassungen zu hören bekommt.

Man darf nicht in Schubladen denken, wenn man „1001 Nacht“ etwas abgewinnen will. Man darf sich nicht davon irritieren lassen, dass Gomes authentische Erzählungen von Langzeitarbeitslosen neben Märchen von sprechenden Tieren stellt. Ohne die Realität auszublenden, zeigt er so, dass Portugal seine Liebe und Fähigkeit zur Poesie noch lange nicht verloren hat. Der Abschluss des ungleichmäßigen Epos ist einer klassischen Dokumentation am nächsten, aber dennoch ziemlich unglaublich: Ruppige Ex-Häftlinge und Randexistenzen veranstalten in ihrer Freizeit Gesangswettbewerbe mit leidenschaftlich abgerichteten Buchfinken. Ein Wunder, diese Wirklichkeit!

„1001 Nacht“. Im Wiener Stadtkino im Künstlerhaus starten die Filme ab heute der Reihe nach im Wochentakt. Heute und morgen sind sie dort auch hintereinander zu sehen, im Moviemento in Linz laufen sie am Sonntag an. Empfehlenswert ist aber – der Vorlage gemäß – eine Sichtung mit Unterbrechungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2015)