Darf eine Dame auf das Fahrrad, und wenn ja, wie kommt sie hinauf?

Berliner Radfahrschule / W.Zehme 1896 - Berlin bicycle school / W.Zehme 1896 -
Berliner Radfahrschule / W.Zehme 1896 - Berlin bicycle school / W.Zehme 1896 -(c) akg-images / picturedesk.com

Das Fahrradfahren vermittelte in Wien um 1900 und hier vor allem den Frauen ein Gefühl von Freiheit. Doch zunächst galt es Widerstände zu überwinden. Eine Leseprobe aus dem neuen "Presse"-Geschichte-Magazin zum Thema Verkehr.

Zum ersten Mal auf ein Fahrrad zu steigen, nach einigen erfolglosen Balanceversuchen schließlich ein Gefühl für die neue Art der Bewegung zu erlangen, die einem nunmehr gelungen ist, das kann mitunter, wie Thomas Bernhard in seiner Kindheitserinnerung schreibt, mit zu den „größten Entdeckungen“ des Lebens gehören. Er setzt fort: „Ich hatte meiner Existenz eine neue Wendung gegeben, möglicherweise die entscheidende der mechanischen Fortbewegung auf Rädern. So also begegnet der Radfahrer der Welt: von oben! Er rast dahin, ohne mit seinen Füßen den Erdboden zu berühren, er ist ein Radfahrer, was beinahe soviel bedeutet wie: ich bin der Beherrscher der Welt.“ Dieses Erlebnis hatten die Menschen erstmals im 19. Jahrhundert und es war für eine ganze Gesellschaft genauso einschneidend, wie es für das Salzburger Kind war, von dem der Autor hier in seinen Erinnerungen berichtet.

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Wie stellt man sich das Wien des Fin de siècle vor? Wohl am ehesten als das Wien des Ringstraßenkorsos, der Fiaker und Pferdetramways, aber um Himmels willen nicht als das Wien der Velociped-Fahrer! Im letzten Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende jedoch begeisterten sich Tausende für das Radfahren, es entstanden in kürzester Zeit 271 Radfahrerclubs, das Wien des Fin de siècle mutierte zum Fin de cycle. An keiner Person rund um 1900 lässt sich das so exemplarisch darstellen wie an Arthur Schnitzler. Am 21.6. 1893 leidet der 31-jährige bereits erfolgreiche Schriftsteller offenbar das erste Mal in seinem Leben an einem veritablen Muskelkater, denn er schreibt in einem Brief an Theodor Herzl: „Im übrigen habe ich mich jetzt auf den Sport geworfen u fahre seit ein paar Tagen auf dem Bicycle. Ich schreibe diese Zeilen mit steifem Arm und steifem Bein.“ Mitten in einer Lebenskrise und Phase „dumpfer Lebensunlust“ – der Vater war verstorben, eine Liebschaft schlimm ausgegangen, das Kaffeehaustreiben langweilig – hatte er mit seinem neuen Hobby begonnen, es war „der Strohhalm, mit dem ich mich an die Lebensfreude klammere“.

Es dauerte nur ein Jahr, da waren auch schon seine Freundinnen Adele Sandrock, Marie Reinhard, Olga Waissnix und wie sie alle hießen mit ihm per Fahrrad unterwegs, ein paar „Pneumaticmalheurs“ konnten den Enthusiasmus nicht trüben. Besonders stolz war er auf seine ausgedehnten Touren quer durch das damalige Österreich, etwa gemeinsam mit Felix Salten, seine Lieblingsorte waren der Semmering, das Salzkammergut und der Wienerwald. Radfahren war kein Stadtsport (Kopfsteinpflaster!), da waren die Behörden noch allzu prohibitiv, eher ein Freizeitvergnügen für Landtouren. Von eigens gebauten Radwegen konnte damals noch nicht die Rede sein. Es gab zwar Versuche, aber die schnell festgefahrenen Sandpfade wurden bald von neidischen Fußgängern, Reitern und sogar Wagenfahrern okkupiert. Man ersparte sich daher oft den Weg aus der oder in die Stadt, indem man sich kurzerhand in einen Fiaker setzte, das Rad fuhr auf dem Kutschbock mit.

Schnitzler hatte genug Geld, um sich ein neues Fahrrad aus London schicken zu lassen,und er war eitel und snobistisch genug, um sich der „Dreß-Ordnung“ entsprechend eine dandyhafte Radfahrkleidung zu leisten, mit eingeschlossen die „Bic-Peitsche“ zur Vertreibung von Passanten und lästigen Hunden. War das Radfahren so gefährlich? Schnitzler schreibt einmal in seinem Tagebuch „Bic. Wien – Heiligenkreuz. Von Fleischhauern beinahe geprügelt.“ Es gab offensichtlich eine eingefleischte Aversion von Fußgängern und Kutschern gegen den neuen Trendsport der eleganten Innenstädter. Die Geschichte des Velocipeds ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Anfeindung der Radfahrer. Die aktuellen Konflikte zwischen Radlern und Nichtradlern waren vom ersten Tag der Erfindung an da. Kutscher und Radler waren natürliche Feinde; die Lohnfuhrwerker merkten, wie ihnen der Fahrradboom die Kundschaft wegnahm; die Gastwirte beschwerten sich, dass der Alkoholkonsum zurückgehe und so weiter, bald gab es keinen Berufsstand, der nicht Nachteile sah.

Schmutzige Rocksäume. Gutbürgerliche Fußgänger, die, an die gemütliche alte Zeit gewöhnt, plötzlich jugendlich fitte Körper schnell und mit gespenstischer Geräuschlosigkeit an sich vorbeisausen sahen, reagierten zornig. Das und die enorme Kraftanstrengung, bei der man gehörig ins Schwitzen geriet, führte bei der Damenwelt in der Anfangszeit des Radfahrens zu einer gewissen Zurückhaltung: Die gerade erst auftauchende Eisenbahn war eine nicht minder spektakuläre Alternative sich fortzubewegen, ohne dass ständig die Rocksäume vom Straßenkot beschmutzt wurden. Ein ganz besonderer Kulturkampf wurde dann um das Thema ausgetragen: Darf eine Frau, die Wert auf gesellschaftliches Ansehen legt, das Fahrrad besteigen und wenn ja wie?

Ein grundsätzliches Problem war sicherlich die damals übliche Bekleidung der Damenwelt, so musste ein Radfahrerinnenkostüm entwickelt werden, an dem auch ein „Philister“ nichts Unschickliches finden konnte. Kein Wunder, dass also ganz am Anfang eher Frauen, deren Ruf ohnehin schon etwas gelitten hatte, sich nichts scherten und auf das Fahrrad stiegen. Andere verkleideten sich als Männer. Doch das war keine Lösung des Problems, auch der Damensitz analog zur Reithaltung stellte Frauen vor ein schier unlösbares Dilemma: Entweder sie verletzten die Kleidungsvorschriften oder sie verwendeten eigene Radkonstruktionen. Die Gefahr, dass ihnen ein „Pfui, wie gemein“ entgegentönte, wenn sie etwa kurz Einblick auf ein unter dem Kleid getragenes Wäschestück gewährten, war auf jeden Fall sehr groß.

Tabuzone Knöchel. Hatten sie es endlich geschafft und den Sattel erobert (weiß der Himmel wie?), lauerten weitere Gefahren: Der Rock konnte sich in den Speichen verheddern, der Fahrtwind wirbelte das Kleid auf, die Tabuzone des Knöchels wurde durch das Treten enthüllt, die Kopfbedeckung verrutschte und die Frisur löste sich auf. Was hat nun also das Fahrrad zur Emanzipation der Frauen um die Jahrhundertwende beigetragen? Am häufigsten zitiert wird der Satz von Rosa Mayreder: „Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen.“ Zweifellos war das Korsett, das den weiblichen Körper in eine „Wespentaillenform“ brachte, gänzlich ungeeignet für das Rad fahren, es verursachte schon beim gewöhnlichen Tragen Schäden.

So gelang dem Rad allmählich das, was den Mahnungen der Ärzte verwehrt blieb, nämlich eine vernünftige Kleidung durchzusetzen und sich von unsäglichen Modetorheiten zu verabschieden. Blieb als einzige Konzession an die gute alte Zeit: Die Damen mussten auf dem Fahrrad auf jeden Fall Handschuhe tragen. 1894 wurde in Wien der „Erste Wiener Damen-Bicycle-Club“ gegründet, kurz darauf trug bereits ein Drittel der Radfahrerinnen Hosen, das Korsett landete in der Rumpelkammer.

Die neue Sportmode sprengte allmählich die veraltete und unpraktische Kleiderordnung, Das Rad fahren der Frauen, so ein Internationaler Kongress 1896, „wird voraussichtlich einen größeren Einfluss auf die Reform der weiblichen Kleidung ausüben, als all die berechtigten Gründe, welche von frauenrechtlicher, ärztlicher und künstlerischer Seite dafür geltend gemacht worden sind.“ Im selben Jahr jubelte die Schriftstellerin Elsbeth Förster-Meyer: „Was hat man aber auch jahrelang für ein Leben geführt, man hat nicht springen, laufen, jagen dürfen, man ist Dame, Fräulein, Frau gewesen, ein Ding ohne bewegliche Gliedmaßen, aufrecht gemessen und gezirkelt in einem Schlepprock verpuppt ... eine Lebensfreude kriegt man vom Radeln! - gar nicht wieder umzubringen!“

Donau-Radweg

„Das Reisen zu Rad, in vernünftiger Weise betrieben, ist ein so eigenartiges, genussreiches, dass es nichts herrlicheres mehr gibt“, wird 1910 in der Zeitschrift „Der Fremdenverkehr“ festgestellt, allerdings würde der Radfahrer von der Tourismusindustrie zu Unrecht vernachlässigt. Die Wachau wird bereits 1910 von vielen Radtouristen frequentiert, aber „wie herrlich wäre eine Wanderfahrt längs der Donau von Passau nach Wien“. Gute Idee! 70 Jahre später, in den frühen 1980-er Jahren, war es dann soweit, und heute ist der Donauradweg eine der beliebtesten und meistbefahrenen Radrouten Europas.

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