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Wie das Geld die Gier und den Geiz zeugt

Nur ein Klischee, geboren aus Neid? Michael Douglas geht (im Film „Wall Street“, 1987) als Gordon Gekko über jede Leiche, um seine Profitgier zu stillen. So etwas ist natürlich überzeichnet.
Nur ein Klischee, geboren aus Neid? Michael Douglas geht (im Film „Wall Street“, 1987) als Gordon Gekko über jede Leiche, um seine Profitgier zu stillen. So etwas ist natürlich überzeichnet.(c) Twentieth Century Fox
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Reiche neigen zu mangelnder Generosität und Rücksicht, auf Menschen und Moral. Aber sie tun das nur dann, wenn sie in Gesellschaften leben, in denen extreme ökonomische Ungleichheit herrscht. In egalitären sind sie spendabel.

Der Reiche ist kein Guter, darüber sind sich Dichter und Denker aller Zeiten und Kulturen einig, Religionsgründer auch: Eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als Charles Dickens' Scrooge in das Reich Gottes, Onkel Dagobert und Gordon Gekko werden es auch nicht schaffen. Ihr Herz ist aus Geld bzw. der Gier danach, und im Katechismus der katholischen Kirche rangiert die unter den Todsünden weit oben (avaritia). Aber sind die Genannten nicht Karikaturen, ersonnen von einem anderen unguten Charakterzug, dem Neid, auch er eine Todsünde? Gilt nicht gerade für die, die viel haben – an Herkunft und/oder Geld – die selbst auferlegte Devise „noblesse oblige“? Und sollte nicht ganz selbstverständlich mit dem Reichtum auch die Generosität wachsen, die sich Arme nur mit Entbehrungen leisten können?

Erkundet wird das seit den letzten Jahren von Soziologen und Psychologen vor allem in den USA, etwa mit dem „Diktator-Spiel“. Das hat zwei Teilnehmer, der eine erhält vom Spielleiter Geld und kann dem anderen davon abgeben soviel er will, auch überhaupt nichts. So oft dieses Experiment wiederholt wurde, so monoton war der Befund: Reiche geben weniger als Arme, im Labor sogar absolut, und Statistiken etwa in Kalifornien zeigen, dass sie es auch im wirklichen Leben tun, dort relativ. Und es geht nicht nur um Geld, es geht auch um Macht bzw. die mit ihr verbundenen Verhaltensweisen.

 

Reich? Vor dem Zebrastreifen aufs Gas!

Etwa die des Sich-Einfühlens in andere und die der Rücksichtnahme auf sie: Wenn Testpersonen im Labor erzählt wird, dass jemand Krebs hat, dann stellt sich bei Reichen weniger Mitgefühl ein. Oder, außerhalb des Labors, hinter dem Steuerrad: Ein Psychologen-Team um Paul Piff (Berkeley) hat an Straßen San Franciscos Stellung bezogen und die Augen bzw. Kameras darauf hin offen gehalten, wie Fahrer bestimmter Autos mit anderen und mit Fußgängern umgehen: Die mit teuren Karossen schnitten andere häufiger und neigten bei Zebrastreifen zum Gasgeben, die in Rostlauben taten das Gegenteil. Wieder im Labor zeigte sich, dass diese Selbstsucht und die korrespondierende Geringschätzung anderer breit durchschlägt, etwa in gespielten Bewerbungsgesprächen: Werden die Personalchefs von Reichen verkörpert, sehen sie viel häufiger auf das Handy oder die Uhr, sie haben auch weniger Scheu, ihr Gegenüber zu belügen und zu verschweigen, dass der als langfristig ausgeschriebene Job demnächst gestrichen wird.

„Individuen mit Oberklassen-Hintergrund verhielten sich sowohl in der realen Welt wie im Labor unethischer“, schloss Piff, ergänzte allerdings, dass genug Ausnahmen die Regel bestätigen, an der Spitze der Bekanntheit Bill Gates und Warren Buffet („Pnas“ 109 S. 40482). Und natürlich gibt es auch Arme, die voller Gier sind und Geiz für geil halten. Aber auch die anderen erliegen der Verführung, das zeigte ein Experiment, bei dem es, wieder im Labor, etwas zu gewinnen gab, Francesca Gino (University of North Carolina) hat es durchgeführt: Testpersonen sollten würfeln, für die Ergebnisse gab es Geld, um so mehr, je höher die Würfe ausfielen. Dabei waren die Testpersonen allein und meldeten ihr Erwürfeltes im Nachhinein.

Wie das ausfiel, hing – bei Arm wie Reich – von der Ausstattung des Labors ab: Einmal war es ein trostloser Raum, das andere Mal ein üppig ausgestatteter, in dem auch massenhaft Geld herumlag: Das verleitete zum Betrug („Organizational Behavior and Human Decision Processes“ 109, S. 142). Es geht offenbar weniger um den Charakter von Personen und mehr um das Verhalten, das sie unter der Macht des Geldes annehmen, der Philosoph Karl Marx hat das gesehen und den Terminus „Charaktermaske“ geprägt: Der Kapitalist ist nicht böse, er spielt die vom Geld bzw. seinem Hecken geschriebene Rolle.

Aber auch diese Rolle ist kein Diktat, und bei der Entscheidung über die Großzügigkeit einer Gabe kann noch etwas ganz anderes hineinspielen: die Verteilung von Reichtum und Armut in der jeweiligen Gesellschaft bzw. das Wissen darum. Diesen Verdacht hegte Stéphane Cóte (University of Toronto), seit ihm aufgefallen war, dass viele der einschlägigen Studien, die Piffs etwa, in Kalifornien gemacht worden waren. Andernorts zeigte sich das Phänomen der geizigen Reichen nicht, etwa in den Niederlanden und Deutschland.

 

Egalität fördert Großzügigkeit

Das mag daran liegen, dass die Vermögen dort egalitärer verteilt sind, während in Kalifornien die Schere extrem auseinanderklafft. Also lud auch Cóte Testpersonen zum Diktator-Spiel, aber nicht nur in Kalifornien, sondern quer durch die USA. In Kalifornien und vergleichbaren Bundesstaaten war das Ergebnis wie gehabt: Die Reichen gaben weniger. Aber in egalitäreren Bundesstaaten taten sie das nicht, dort gaben sie eher mehr, Arme hingegen gaben immer gleich viel. Auch quer über das Land verfügbare Statistiken bestätigten den Befund („Pnas“ 23. 11.).

Und wie erklärt er sich? Es kann einfach daran liegen, dass generöserere Reiche die Zentren der Ungleichverteilung meiden und lieber dort leben, wo es egalitärer zugeht. Oder die Psychologie kann ins Spiel kommen: In ungleichen Gesellschaft ganz oben zu stehen, kann stolz machen – oder Angst vor dem Absturz, beides kann verhärten, Cóte will es in Folgeversuchen klären.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2015)