Boxen: Das Ende der Ära eines Unbesiegbaren

Wladimir Klitschko
Wladimir KlitschkoAPA/dpa/Rolf Vennenbernd

Wladimir Klitschko unterlag in seiner 19. Titelverteidigung Tyson Fury nach Punkten. "Ungewohnt nicht in der Haut des Siegers zu stecken."

Eigentlich war es eine Pflichtaufgabe für Wladimir Klitschko, genau wie die meisten der letzten 18 Titelverteidigungen des Boxchampions. Doch nach elf Jahren und sieben Monaten trat in der Düsseldorfer Esprit-Arena das für beinahe unmöglich Gehaltene ein: Klitschko verlor gegen Tyson Fury und damit seine Schwergewichtstitel nach IBF, WBO, WBA und IBO. „Er hat den Sieg verdient – Gratulation“, erklärte der 39-Jährige, der nicht nur durch das Cut aus Runde fünf gezeichnet war. Die vierte Niederlage im 68. Kampf ließ den 1,98 m großen Modellathleten zu einem Häufchen Elend schrumpfen.

Beim Schrillen der Ringglocke hatte Klitschko noch die Hände nach oben gerissen, mehr ein Akt der Verzweiflung denn der Überzeugung. Kurz darauf machte Ringsprecher Michael Buffer die Sensation amtlich: Die Punktrichter kürten Herausforderer Fury nach zwölf Runden einstimmig zum Sieger (115:112, 115:112, 116:111). „Es ist ungewohnt, nicht in der Haut des Siegers zu stecken“, sagte der Ukrainer in der anschließenden Pressekonferenz. „Das war eine dieser Nächte, in denen die Sterne auch mal schlecht stehen“, beruhigte Manager Bernd Bönte, Bruder Vitali fällte hingegen ein hartes Urteil: „Heute war weder seine Technik noch seine Kondition gut.“

Unorthodoxes „Boxtier“

Zwei Plätze weiter links saß Fury und starrte immer wieder ungläubig auf die vor ihm liegenden Gürtel. Auf den großen Coup des 27-Jährigen, der auch im 25. Profikampf unbesiegt blieb, hätte wohl nicht einmal sein eigenes Team gewettet. „Niemand hat es ihm zugetraut“, wurde Vater und Mentor John, der einst als Bare-knuckle-Fighter mit bloßen Fäusten in Pubs gekämpft hatte, nicht müde zu betonen. Doch sein Sohn, das „Boxtier“, ließ den markigen Sprüchen im Vorfeld, die mitunter Sorge um seinen geistigen Zustand hatten aufkommen lassen („die Welt wird bald vom Teufel heimgeholt werden“), Taten folgen.

Dabei gilt der 2,06 m große und 115,5 kg schwere Fury weder körperlich („ich trainiere unheimlich hart, aber mein Körper ist wie Gelee“) noch technisch als Vorzeigeathlet. Doch mit seinem unorthodoxen Stil der wechselnden Auslage und seinen flinken Bewegungen stellte er Klitschko vor ein undurchschaubares Rätsel. In Runde drei erlaubte sich der Engländer sogar die Provokation schlechthin und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken.

„Er war schnell mit seinen Händen und seinem Körper. Ich konnte den richtigen Schlüssel einfach nicht finden“, meinte Klitschko, der lange Zeit zu passiv agierte. Den Jab, mit dem sich „Dr. Steelhammer“ jahrelang seine Gegner vom Leib hielt, brachte er aufgrund der geringeren Reichweite diesmal nicht an. Generell war es kein Kampf für Boxästheten, klare Treffer mit Wirkung blieben auf beiden Seiten Mangelware.

Fury zeigte nach dem Triumph seine zarte Seite und bedankte sich mit dem Ständchen „I Don't Want to Miss A Thing“ bei seiner Gattin, die ihn am Vortag hinsichtlich ihrer dritten Schwangerschaft eingeweiht hatte. „Alkohol und große Partys – diesen Quatsch brauche ich nicht mehr. Gott hat mir den Sieg geschenkt, ein Traum ist wahr geworden“, erklärte der neue Weltmeister mit Tränen in den Augen.

Fortsetzung folgt

Ob sich Klitschkos Karriere dem Ende zuneigt? „Es ist zu früh, um das zu sagen“, meinte der Geschlagene, Bruder Vitali legte sich hingegen fest: „Die Show geht weiter. Er wird stärker zurückkommen als je zuvor.“ Beim letzten Mal, als Klitschko 2004 gegen Lamon Brewster verloren hatte, war ihm das gelungen. Allerdings ging er damals noch nicht auf die 40 zu.

Klitschkos TV-Vertrag mit RTL sieht vier weitere Auftritte vor, der Rückkampf gegen Fury ist vertraglich bereits fixiert. Die Details sind noch offen, für den Engländer aber ohnehin nebensächlich: „Egal, ob ich in Usbekistan, Japan oder wieder in Deutschland gegen ihn boxe – ich gewinne sowieso.“ Für Spannung ist erstmals seit langem wieder gesorgt.

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