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Pop

Frank Sinatra: Schatten in der Nacht

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(c) APA/AFP/FREDERIC J. BROWN (FREDERIC J. BROWN)

Existenzielle Meisterwerke: Alben von Frank Sinatra, die man (nicht nur) heute, an seinem 100. Geburtstag, hören sollte.

Auf seine seelische Disposition zu schließen, war nicht leicht. Intime Kenner erkannten sie an der Art, wie er seinen Hut trug. Saß der Hut im Nacken, so symbolisierte das Verletzlichkeit. War die Krempe tief in die Stirn gezogen, dann wollte er seine Mitmenschen einschüchtern . . .

Nuanciertere Auskünfte über sein Seelenleben gab sein Gesang. Schon in frühen Jahren war er ein Meister des Mikrofons. Rudy Vallée, sein Vorgänger als Matinee-Idol der Teenager, musste seine Gefühle noch in ein ordinäres Megafon schmachten, der 14 Jahre jüngere Sinatra war in der glücklichen Lage, das elektrische Mikrofon zu seiner Waffe zu machen. „Die meisten Sänger lernen nie, damit spielerisch umzugehen“, resümierte er selbstbewusst. Während seine damaligen Kollegen starr in ein Standmikrofon sangen, durchmaß Sinatra die Bühne tänzelnd, bog sich seinen weiblichen Fans entgegen.

Ein anderes Alleinstellungsmerkmal war sein intensives Interesse am Aufnahmeprozess. Mit dieser Haltung wurde er zum Miterfinder des Konzeptalbums, das 1948 durch die Erfindung der Langspielplatte technisch möglich wurde. Sinatra war der erste Sänger, der die Macht eines durchgängigen Themas erkannte. Erst nach dessen Festlegung wählte er nach Kompositionen, aus denen sich ein stimmiger Songzyklus bilden ließ.

 

Auf den Arrangeur kam's an

Er suchte sich auch die Arrangeure gezielt aus. Mit Nelson Riddle glückten die meisten Erfolgsalben, Quincy Jones leitete die locker swingenden Platten. Doch vielleicht am nächsten kam ihm Gordon Jenkins: Mit keinem anderen konnte sich Sinatra tiefer in die Melancholie graben. „Gordon und ich sind die traurigsten Männer der Welt“, stellte er zufrieden fest.

Jenkins befeuerte Sinatras Weltschmerz mit mysteriösen Marimbasounds und tief im Moll schwelgenden Holzbläsern; seine Orchesterarrangements verstärkten die existenzielle Ausweglosigkeit der Songs. Ihre erste gemeinsame Arbeit, das wehmütige „Where Are You?“, entstand 1957. Es war nicht Sinatras erster Versuch im tragischen Fach. Zwei Jahre vorher realisierte er mit Nelson Riddle „Only The Lonely“, einen luxuriös instrumentierten Exkurs in bohrende Einsamkeit.

 

Krisen mit Ava Gardner

Auslöser für Sinatras seelische Krise waren ein Karrieretief und seine destruktive Liebe zur Schauspielerin Ava Gardner: „Wie waren einander einfach zu ähnlich“, so resümierte sie die von gewalttätigen Ausbrüchen und zwei Selbstmordversuchen Sinatras gekennzeichnete On-&-Off-Beziehung. Sein katastrophales Privatleben stachelte ihn zur Ballade „I'm a Fool to Want You“ an. Sie ist Herzstück des Albums „Where Are You?“ und der einzige Song, den er je mitkomponiert hat. Jüngst hat ihn Bob Dylan für sein Jazzstandardalbum „Shadows in the Night“ aufgenommen, gemeinsam mit drei anderen Liedern von „Where Are You?“. Auch die von Sinatra verehrte Jazzsängerin Billie Holiday hat diese Hymne der Selbstzerknirschung, in der Selbstmitleid, Nostalgie und Bedauern verfließen, mit einer Interpretation geadelt. Sie sprach von „sugar-coated misery“.

Kaum vorstellbar, aber Sinatras nächstes Album mit Jenkins, „No One Cares“ (1959), klang noch schmerzhafter, noch verschatteter: Lieder wie „Why Try to Change Me Now“ – auch derzeit im Repertoire Bob Dylans – und „I'll Never Smile Again“ locken in eine Trostlosigkeit, wie sie später nur große Poptragöden wie Scott Walker und David Sylvian erreichten. Dass „All Alone“ aus dem Jahr 1962 auch nicht gerade ein Gemütsaufheller ist, sagt schon der Titel.

 

„My Way“ hasste er

Der Weltschmerz dieser Arbeiten passt weder zum berüchtigten Humor Sinatras, den er später in Las Vegas pflegte, noch zum allgemeinen Image, das ihn zum Wohlfühltroubadour der Hautevolee stigmatisierte. Dabei hegte er eine gar nicht so versteckte Abneigung gegen einige seiner größte Hits. „Strangers in the Night“ galt ihm als „piece of shit“, das mit Selbstzufriedenheit prahlende „My Way“ fand er abstoßend. Die finsteren Alben mit Jenkins hingegen liebte er.

1981 kamen die beiden Beladenen ein letztes Mal im Studio zusammen, um „She Shot Me Down“ aufzunehmen. Der Horror des Alterns und der körperliche Verschleiß durch jahrzehntelanges Kampftrinken halfen dieses späte Meisterwerk mitzuformen. „I've seen what the street corners do to things like love and dreams, seen what a bottle can do to a man with his hopes and his schemes“, ächzt Sinatra in „A Long Night“, in dessen Atmosphäre von Agonie kein Sonnenstrahl dringt.

„Musik ist die Zuflucht der vom Glück angewiderten Seelen“, befand der Aphoristiker Emile Cioran einmal. Der späte Sinatra hätte ihm wohl recht gegeben. Es mag gut sein, dass die Meilensteine, die er mit Jenkins gesetzt hat, von künftigen Generationen als das Wesentliche angesehen werden, was diese lange Karriere hergegeben hat. Am schönsten sind sie sowieso.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2015)