Skigebiete: Zusammen ist man weniger allein

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THEMENBILD: WINTERSPORT / SKIFAHREN / BERGEAPA/BARBARA GINDL
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Der Fusionstrend unter Österreichs Skigebieten reißt nicht ab. Dahinter steht mehr als Größenwahn. Wirtschaftliche, klimatische wie gesellschaftliche Veränderungen treiben die Wintertouristiker an zusammenzurücken.

Die Sonne strahlt. Der Schnee glitzert. Kornel Grundner lacht. Der Chef der Leoganger Bergbahnen ist gern im eigenen Skigebiet unterwegs. Vor allem seit Dezember, als es durch die Fusion mit Fieberbrunn zum größten Österreichs anwuchs und den unhandlichen Namen Saalbach Hinterglemm Leogang Fieberbrunn annahm.

270 Pistenkilometer – eine Autostrecke vom Salzburger Skiort bis nach Liechtenstein – kann der Gast nun befahren. Angesichts dieser Dimensionen drängt sich einem die Frage auf: Wann hört der hart umkämpfte Winterurlauber auf, die zusätzlichen Hänge wahrzunehmen, wann werden die vielen zu leeren Kilometern? Ulrike Pröbstl-Haider, Professorin für Landschaftsentwicklung an der Universität für Bodenkultur in Wien, schlägt gerne eine gedankliche Brücke zu einer Princeton-Studie aus dem Jahr 2010: Diese wies nach, dass das Glücksgefühl bei Gehaltsanstiegen ab 5000 Euro stagniert. Es wäre doch, so sinniert sie, folgerichtig, dass auch der Magnetkraft ewiger weißer Hänge eine natürliche Grenze gesetzt ist.

Ein Gedanke, den wohl die wenigsten der Anwesenden auf der von Pröbstl-Haider Mitte März in Saalfelden ausgerichteten Tagung gern fortspinnen würden. Vornehmlich Seilbahnunternehmer und Wintertouristiker sind zugegen, um das Thema der Skigebiet-Zusammenlegungen zu diskutieren. Unter ihnen ist der Fusionskampf nach wie vor im Gang. Manchmal bekomme man das Gefühl, so Tirols Umweltanwalt Johannes Kostenzer, alles laufe auf das große Skigebiet „Die Alpen“ hinaus.


Federschau und Leidensdruck
. Doch es ist zu einfach, das Schmieden von Allianzen und Sesselliftverbindungen allein auf den Wettlauf um die Auszeichnung als Größter des Landes herunterzubrechen. So stand auch im Fall von Fieberbrunn, das sich vormals als kleiner Geheimtipp für Freerider positionierte, ein starker Konsolidierungsdruck hinter dem Zusammenschluss. Fieberbrunn, so heißt es in der Gegend, hätte ohne die Partnerschaft mit dem großen Nachbarn nicht mehr lange überlebt. Doch viele warnen vor überzogenen Erwartungen an die heilende Kraft des Zusammenschlusses. „Es ist ein Märchen, dass man mehrere Kranke gemeinsam ins Bett legen und einen Gesunden herausbekommen kann“, sagt Roland Zegg. Der Schweizer hat in seiner Laufbahn als Alpintourismusberater schon mehrere Fusionen begleitet. Eine Faustregel nahm er mit: „Die Nettoverschuldung darf nicht größer sein als die Cashflows der folgenden sechs Jahre.“ Zukünftige Abschreibungen und Erneuerungen seien sonst trotz bester Synergieeffekte nicht finanzierbar. Zeggs Fazit: „Fusionen können niemals Selbstzweck sein.“

Pröbstl-Haider hat dieser wirtschaftlichen Innenschau in ihrer jüngsten Studie das Außenbild gegenübergestellt. Am Beispiel des prominenten Tiroler Zankapfels Brückenschlag erhob sie, ob der neue, größere Player das Zeug hätte, die Gäste der benachbarten Skigebiete abzufischen. Denn dass es heute auf dem gesättigten Markt durch Fusionen nicht zu Steigerungen, sondern lediglich zu Wanderungen der Touristenströme kommen kann, darüber sind sich alle in der Branche einig.

Zurück zum Brückenschlag: Der von den örtlichen Bürgermeistern und Liftbetreibern geplante Zusammenschluss der nahe Innsbruck gelegenen Skigebiete Axamer Lizum und Schlick 2000 rief Naturschützer auf den Plan. Die Touristiker argumentierten mit der Lebensgrundlage der Region, die Kritiker mit dem Bruch der völkerrechtlichen Alpenkonvention im dortigen Naturschutzgebiet. Das Thema drohte zwischenzeitlich die junge grün-schwarze Landesregierung zu sprengen. Auch nach einem externen, abschlägigen Gutachten im vergangenen Frühling hat der Streit das Land nicht endgültig losgelassen.

Pröbstl-Haiders Analyse dieses hypothetischen Fusionsfalls zeigt, dass bei der Umsetzung nur bestimmte Besuchergruppen aus bestimmten Gebieten angezogen würden – andere zögen aufgrund von Faktoren wie Anbindung, Preisgestaltung und Schwierigkeitsgraden das Altgewohnte vor. „Das Thema ist viel zu komplex, um es auf die Größe zu begrenzen, da die Zielgruppen so differenziert sind“, so ihr Resümee. Die Ausgangsfrage müsse immer lauten: „Sind die, die kommen, die, die ich haben will?“

Aber kommen überhaupt noch genug Skifahrer? Diese Frage stellt sich, führt man sich die demografische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte vor Augen. „Was viele Unternehmen nicht begriffen haben, ist, dass der demografische Wandel unaufhörlich fortschreitet“, so Zegg. Aus der gesunden Bevölkerungspyramide werde bis 2040 eine umgekehrte Vase, illustriert er die Alterung Westeuropas am Beispiel Deutschland. Auch wenn Österreich durch die Zuwanderungsströme der Neunziger im Vergleich um ein, zwei Dekaden besser dasteht, ist der Wandel nicht zu übersehen. Dazu kommt ein verändertes Freizeitverhalten. Standen Ende der 1980er-Jahre 47 Prozent der Österreicher nie auf Bretteln, sind es heute bereits knapp zwei Drittel. Der Winterurlaub ist zu einem Minderheitenprogramm für weniger als 15 Prozent der Einheimischen geschrumpft.

Neben all dem trägt nicht zuletzt der Klimawandel zum Konsolidierungsdruck bei, der auf Österreichs Wintertouristikern lastet. Seit 1900, rechnet Geograf Robert Steiger von der Universität Innsbruck vor, stieg die durchschnittliche Wintertemperatur in Österreich beinahe um zwei Grad an. Bis 2050 ist eine Erwärmung um zwei weitere Grad nach derzeitigen Prognosen realistisch. Das träfe vor allem tiefer gelegene Skigebiete in Nieder- und Oberösterreich oder Oberbayern, die nur mehr die Hälfte der Saison mit einer durchgehenden Schneedecke aufwarten könnten. Und das Pendel schwingt in beide Richtungen: So gehen mit den sinkenden Betriebstagen steigende Beschneiungskosten einher. Der Schulterschluss der Touristiker muss vor diesem Hintergrund betrachtet werden: Die acht Milliarden, die Österreichs Seilbahnen seit der Jahrtausendwende investierten, lassen sich im Kollektiv doch leichter schultern als allein. Und großflächigere Skigebiete lassen tendenziell ein einfacheres Ausweichen der Gäste in Gletscherlagen oder auf Nordhänge zu.


Teufelskreis.
Andererseits wächst mit steigenden Liftpreisen, die ihre Berechtigung unter anderem auf die angebotenen Pistenkilometer stützen, auch der Erwartungsdruck. Steiger warnt: „Man darf nicht in eine Spirale kommen, in der man den Preis immer weiter mit Größe rechtfertigen muss.“ Auch Pröbstl-Haiders Forschung in Tirol ergab: Ab Preissteigerungen von mehr als 47,50 Euro bleiben manche Gästegruppen fern. Viel Luft gibt es in einer Branche, in der die großen Skischaukeln oftmals heute schon mehr für ihre Tagespässe verlangen, also nicht.

Österreichs Seilbahnunternehmen konnten ihr Gästevolumen mithilfe ihrer Fusions- und Investitionspolitik in den vergangenen zehn Jahren zwar nicht steigern, aber doch halten. Die 253 Betriebe setzten jährlich rund 1,25 Milliarden um. Die Wintersportler, die mit den Bergbahnen fahren, generieren in den ländlichen Regionen wiederum einen Bruttoumsatz von rund 7,2 Milliarden, wovon knapp vier Milliarden ins BIP fließen. „Bei aller Zukunftsunsicherheit – sprich Klimawandel – der der Tourismus ausgeliefert ist, hat er sich in den Alpen als bestes Szenario behauptet“, sagt Karl-Heinz Zanon, der in der Branche beratend tätig ist. Die Seilbahnunternehmer von heute seien längst nicht mehr die stereotypen, bösen Betonierer der 1970er-Jahre, betont Zanon. Dieses oft bediente Feindbild müsse man abtragen und die Diskussion mit der kritischen Bevölkerung suchen.

Irgendwann könnte es sein – das will keiner in der Branche ausschließen –, dass man sich im Alpintourismus nach Alternativen zum Skisport umsehen muss. Schneeschuhwandern, Mountainbiken, Erlebnisurlaube mit Schlittenfahrten sind nur einige Vorschläge an diesem Märztag. Bis es so weit ist, wird munter weiterfusioniert.

IN Zahlen

253Seilbahnunternehmen
und

550Schleppliftunternehmen betreiben knapp 3000 Liftanlagen in Österreich. Diese setzten im Winter 2014/15 rund 1,25 Milliarden um.

Um

2Grad ist die durchschnittliche Wintertemperatur im Alpenraum seit 1900 angestiegen. Studien schätzen die Erwärmung in Österreich bis 2050 auf weitere zwei Grad.

Hinweis

Die Autorin wurde von der Universität für Bodenkultur Wien nach Saalfelden eingeladen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2016)


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