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Julian Baumgartlinger: "Ich bin ein ganz schlechter Verlierer"

Julian Baumgartlinger geht als Kapitän von Mainz voran. In dieser Spielzeit entdeckte er auch das Toreschießen (zwei Treffer).
Julian Baumgartlinger geht als Kapitän von Mainz voran. In dieser Spielzeit entdeckte er auch das Toreschießen (zwei Treffer).(c) APA/AFP/DANIEL ROLAND
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Mittelfeld-Dauerläufer Julian Baumgartlinger nimmt bei Mainz und im Nationalteam eine entscheidende Rolle ein. Eineinhalb Monate vor Beginn der Europameisterschaft spricht der 28-jährige Salzburger über den Umgang mit Niederlagen, die Rolle als Kapitän und erläutert den Ursprung seiner physischen Stärke.


Ihr Klub Mainz 05 spielt eine starke Saison und um die internationalen Startplätze. Aber wie erklären Sie sich das letzte Spiel gegen Köln? Nach 2:0-Führung verlor Mainz noch 2:3 . . .

Julian Baumgartlinger: Man hinterfragt so ein Spiel noch während es läuft, danach sowieso. Ich habe mir die entscheidenden Szenen nochmals angesehen, die Zusammenfassung ist simpel: Wir haben Köln das Toreschießen viel zu einfach gemacht. Unsere Mannschaft definiert sich stark über die Laufarbeit, genau in diesem Bereich haben wir in der zweiten Hälfte entscheidend nachgelassen.


Sportler verlieren nie gern, aber: Sind Sie ein guter oder schlechter Verlierer?

Bei der Mannschaftsbesprechung am Tag nach dem Spiel hat mich diese Niederlage noch sehr, sehr genervt. Ehrlich gesagt, bin ein ganz schlechter Verlierer. Ich kann das nicht. Unmittelbar nach einer Niederlage bin ich richtig angefressen.


Wie verarbeiten Sie Niederlagen?

Mir persönlich hilft es, viel darüber zu sprechen, zu analysieren. Mit Kollegen, Familie und Freunden. Nach dem Köln-Spiel war das nicht anders. Man bekommt dann einen differenzierten Blick auf das Spiel. Auf dem Rasen sieht man vieles anders, manchmal extremer, manchmal weniger extrem. Da ist ein Realitäts-Check ganz gut, um wieder auf den Boden zu kommen.


Rund um Marko Arnautović und Marc Janko hat sich im Nationalteam eine Pokergruppe etabliert. Packt Sie auch dabei der Ehrgeiz?

Ich habe es mir abgewöhnt, irgendetwas zu spielen. Auch nicht im Bus mit Kollegen, sonst würde ich in der Beliebtheitsskala relativ schnell sinken.


Ihr Spiel definiert sich stark über die Physis. Sind Sie mit 28 Jahren fit wie nie zuvor?

Das ist schwierig zu beurteilen. 90 Minuten durchzupowern, ohne müde zu werden, das hat früher auch schon funktioniert. Aber es geht immer mehr. Ich durchlebe Phasen in einem Spiel, da denke ich mir: Es geht noch ein Sprint, und noch einer. Aber ja, ich fühle mich sehr, sehr fit für die 90 Minuten. Auch in Anbetracht des Fortschritts in der laufenden Saison.

 

Würde ein Fußballspiel regulär länger als 90 Minuten dauern, hätten Sie wohl kein Problem damit, oder?

Es wäre okay für mich. Obwohl: Die eine oder andere Verlängerung habe ich schon gespielt. Es tut dann trotzdem weh. Momentan bin ich darauf trainiert, zweimal 45 Minuten zu marschieren. Und würde ein Spiel in der Regel länger dauern, würde auch die Verletzungsgefahr steigen. Es müsste also nicht sein, aber ich würde mich nicht darüber beschweren.


Pro Spiel spulen Sie rund zwölf Kilometer ab, Sie zählen damit zu den Dauerläufern der Liga. Legen Sie Wert auf solche Zahlenspiele?

Es ist nicht so, dass ich sofort nach dem Spiel wissen möchte, wie viele Kilometer ich diesmal gelaufen bin. Wenn einmal 700 Meter auf meinen Normalwert fehlen, dann hinterfrage ich es, suche nach Gründen, aber ich bewerte es nicht über. Außerdem habe ich mittlerweile ein gutes Gefühl dafür entwickelt, in welchen Spielen mehr Laufarbeit vonnöten ist. Etwa gegen die Bayern oder Dortmund. Da weiß ich, dass ich mindestens um die 13 Kilometer brauche, um die Räume zumachen zu können und meine Position zu finden.


Woher kommt Ihre auffällige physische Stärke?

Sie ist nicht nur der alltäglichen Arbeit geschuldet. Vieles basiert auf meiner Kindheit und Jugend. Ich habe viel und variabel trainiert, nicht nur Fußball, auch Leichtathletik. Es war mir immer wichtig, meinen Körper für den Sport funktionell und perfekt fit zu halten. Jeder weiß: Wer oben zu schwer und unten zu leicht ist oder dort zu viele beziehungsweise da zu wenige Muskeln hat, wird in der Körpermitte Probleme bekommen. Mein Training in der Kraftkammer ist heute gar nicht konträr zu dem vieler anderer Profis, vielleicht nur etwas gezielter und feinfühliger.


Wie hoch ist Ihr Körperfettanteil?

Zwischen neun und zehn Prozent.


Seit dieser Saison sind Sie Mainzer Kapitän. Hat die Binde am Oberarm an Ihrem Selbstverständnis etwas geändert?

Ja und nein. Es macht mich stolz, Kapitän dieser Mannschaft zu sein. Und es ändert manches. Als Kapitän wird man anders wahrgenommen. Man muss immer vorangehen, selbst wenn man vier schlechte Wochen am Stück haben sollte. Ich fordere es von mir selbst ein, diesem Anspruch gerecht zu werden, immer voranzugehen. Als Kapitän vielleicht noch mehr als davor.


In Ihrer Position sind Sie über die gesamte Spieldauer in Zweikämpfe verwickelt. Wie schmal ist der Grat zwischen sauberem Tackling und Foul?

Bei diesem hohen Tempo, das im Spitzenfußball angeschlagen wird, entscheiden oft nur Zentimeter und Millisekunden. Dann scheppert es ab und zu schon einmal. Ich versuche immer alles im Stehen zu lösen, nicht auf den Boden gehen zu müssen. Meist gelingt mir das.


Unter Trainer Martin Schmidt agieren Sie diese Saison offensiver. Er meinte, Sie hätten lange Zeit einen defensiven Ansatz mit sich getragen. Ist Ihnen diese Umstellung schwergefallen?

Ich musste diesen defensiven Ansatz nicht austreiben, sondern meine Anlagen nur um eine Nuance erweitern. Jetzt liegt mein Spiel nicht ausschließlich auf der Defensive, es gibt auch eine offensive Komponente. Eine Umstellung in unserem Spiel mit der Doppel-Sechs hat es gefordert, dass ich mich vermehrt in die Offensive einbringe. Jetzt bin ich viel öfter in Strafraumnähe zu finden. Mir gefällt das.


Und Sie schießen plötzlich auch Tore. Ihr erster Bundesligatreffer gelang nach 112 Spielen. Hat Sie diese Unserie belastet?

Ja, schon. Es hat mich nicht im Spiel selbst oder im Alltag belastet, aber die negativ behafteten Gedanken waren da. Wieder und wieder war ein Bundesligaspiel vorbei, in dem ich nicht getroffen hatte. Ich habe mir dann immer gedacht: Komm, die Saison dauert noch lang, da geht noch was. Das habe ich mir in den vergangenen zwei Saisonen immer wieder gedacht – bis mir endlich ein Tor geglückt ist.

Steckbrief

Julian Baumgartlinger wird am 2. Jänner 1988 in Salzburg geboren.

Schon in jungen Jahren entscheidet sich Baumgartlinger für ein Engagement in München. Er schließt sich dem Nachwuchs von 1860 an und kommt in weiterer Folge auf 13 Einsätze für die erste Mannschaft der „Löwen“.

2009 zieht es ihn zurück in die Heimat zur Wiener Austria. Mit starken Leistungen empfiehlt sich Baumgartlinger 2011 für einen Transfer in die deutsche Bundesliga zu Mainz 05.

Bei den Mainzern ist der 28-Jährige im Mittelfeld gesetzt, seit dieser Saison zudem Kapitän. Auch im Nationalteam bildet Baumgartlinger eine wichtige Stütze. Bisher absolvierte er 43 Spiele (ein Tor) im ÖFB-Trikot.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2016)