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"Next To Normal": Musical kann auch anders

Pia Douwes kämpft im Musical
Pia Douwes kämpft im Musical "Next To Normal" mit einer psychischen Störung.(c) Stadttheater Fuerth (Guenter Meier)

In dem Musical „Next To Normal“ versucht eine Familie mit den psychischen Störungen der Mutter zurecht zu kommen. Pia Douwes und Kollegen begeistern im Museumsquartier.

Wie sehr es gut tut, in einem Musical zu sitzen, das ein heutiges Thema ehrlich behandelt, in dem jeder sich wiederfinden kann, hat man im Musical-Wien der Vereinigten Bühnen schon fast vergessen. „Next To Normal“, das mit Pulitzerpreis und Tony-Awards ausgezeichnete Musical ist noch bis Sonntag im Wiener Museumsquartier in der Inszenierung der deutschsprachigen Erstaufführung von Fürth zu sehen.

Und die Handlung könnte dem Musical-Klischee nicht ferner liegen: Das Vorstadt-Idyll der Familie Goodman zerbricht an der bipolaren Störung der Mutter, die den Tod ihres Sohnes als Kleinkind nicht verarbeiten kann. Es geht um Medikamente, Depressionen, Elektroschock-Therapie, Verzweiflung, Suizid - und das alles mit Musik und sogar Humor. Und es funktioniert als Musical.

Eine fast normale Familie

Da wird in einem Moment noch mit großen bunten Pillen getanzt, während die kranke Mutter Diana Goodmann (Pia Douwes) sich vom Psychiater mit Wiener Sprachfärbung (Ramin Dustdar) massenhaft Medikamente erklären lässt. Es wird über Nebenwirkungen gesungen. „Ich spüre gar nichts mehr“, sagt Diana. „Patient stabil“, sagt der Arzt. Die Tochter (Sabrina Weckerlin) sieht sich als Ersatz-Kind für ihren toten Bruder. Ihr Freund Henry (Dominik Hees) ist bodenständiger Ausgleich, wenn auch sein Faible für Marihuana sie auf schlechte Ideen bringt. Familienvater Dan (Felix Martin) versucht seine Frau zu verstehen, stößt dabei jedoch an seine Grenzen. Wie soll man als Ehemann die psychische Krankheit seiner Frau auch nachvollziehen können?

Komponist Tom Kitt greift in alle möglichen musikalischen Kisten, neigt generell zu eher rockigeren Tönen ohne Gitarren-Klischees. Die sechsköpfige Band kommt ohne Bläser aus, dafür mit gut arrangierten Streichern und ohne allzuviel synthetischem Sound. Die Songs haben Schwung und die nötige Tiefe, gehen vielleicht nicht direkt ins Ohr. Und sie treiben die Handlung weiter. Müssen sie auch, denn 90 Prozent des Stücks werden gesungen. Das Ensemble wird in anspruchsvollen Duett- und Chor-Passagen gefordert.

Buch und Texte von Brian Yorkey sind von Regisseur Titus Hoffmann mit viel Liebe zum Detail übersetzt worden. Die klare Sprache blieb erhalten, die Pointen kommen an, wenn auch etwas Bundesdeutsch. Und das Publikum braucht auch „Zeit zum Aufatmen“, wie Hoffmann in Interviews immer wieder betont. Als Bühnenbild fungiert ein zwei-geschoßiges Konstrukt ähnlich einem Gerüst, das vor einer Videowand steht. Die Effekte darauf kommen in gezielter Dosis zum Einsatz. Die Ausstattung ist schlicht und effektiv.

Ein Ensemble, das Spaß macht

Auch über die Besetzung kann man sich nicht beschweren. Pia Douwes und Wien - das ist seit der Welturaufführung von „Elisabeth“ eine herzliche Beziehung. Sie schafft es, die Sorgen und Hoffnungen der psychisch kranken Mutter dem Publikum glaubhaft nahe zu bringen. Gesanglich wird sie weniger an ihre Grenzen gebracht, manchmal hätte ein klarerer Ton in leiseren Stellen dem Text mehr Aussagekraft und Intensität verliehen.

Man muss ohnehin dem gesamten sechsköpfigen Ensemble gratulieren. Wenn die mehrstimmigen Chöre perfekt abgestimmt über die Rampe kommen, das ist Gänsehaut-Feeling. Stimmlich kann man Sabrina Weckerlin (Tochter Natalie) und Dirk Johnston (Sohn Gabe) hevorheben. Für Freunde des klassischeren Musical-Gesangs mag der Klang der Vokale von Weckerlin vielleicht zu poppig sein, doch sie schafft es in allen Nuancen ihrer Partien, zu glänzen. Johnston singt die Pop/Rock-Tenor-Stellen mit einer bewundernswerten Leichtigkeit, knackig in den Höhen, zart in den intensiven Stellen. Nicht umsonst sind beide gut gebuchte Musical-Stars im deutschsprachigen Raum.

Man findet natürlich immer ein Haar in der Suppe. So war der Text nicht in allen Parts einwandfrei zu verstehen, doch es war auch die erste Show vor Publikum, gut möglich, dass nachgebessert wird. Die Handlung hat gegen Ende durchaus auch einen fraglichen Moment und am Ende muss man dann auch etwas Kitsch ertragen, wenn das Publikum im Song „Licht“ direkt von den Schauspielern – nicht mehr in ihren Rollen - angesungen wird, damit man positiv gestimmt nach Hause geht. Denn es ist ein und bleibt ein Musical. Standing Ovations.