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"Ich bin Tschetschene": Seele in Aufruhr

(c) Ammann Verlag
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Ein Buch über Russen und Tschetschenen, über den Krieg und das lange Leiden danach. German Sadulajews "Ich bin Tschetschene" überzeugt – größtenteils.

Ein Tschetschene darf nur ein einziges Mal in seinem Leben weinen: dann, wenn seine Mutter stirbt. Das schreibt German Sadulajew, Sohn einer Russin und eines Tschetschenen. Doch der Autor wird auch nach dem Tod seiner Mutter am Krankenbett der Schwester, die durch eine Rakete im Tschetschenienkrieg schwer verwundet wurde, Tränen vergießen; er wird – für einen Tschetschenen – ungebührliche Gefühle zeigen, als ihn sein Vater nach langer Zeit in Sankt Petersburg besucht.

Sadulajew, der das „Wanderleben“ eines Tschetschenen in Russland führt und das Gemetzel in der Heimat aus der Ferne betrachtet, wird sich durch den Krieg seiner Herkunft bewusst – teils aus freien Stücken, teils erzwungen von der russischen Bürokratie, die ihm die Wohnungssuche erschwert, von Ordnungshütern, die ihn zu Kontrollen anhalten.

„Ich bin Tschetschene“ ist vielgestaltig – nicht einfach ein Bekenntnis, wie man aus dem Titel schließen könnte. Es ist weder Biografie noch Roman: „Ich habe immer Schwierigkeiten mit einer durchgehenden Handlung, besonders jetzt, wo ich von innen heraus detoniere und mein Schmerz in alle Richtungen auseinandersprengt.“

Es sind 58 hitzige Kapitel, die zwischen Verwünschung des eigenen Schicksals und Stolz schwanken; sie reichen von blutrünstigem Nationalisten-Pathos, der vom Busen des Mutterlandes träumt, über die Leiden der Familie bis hin zur treffenden Beschreibung Sadulajews' Generation – der „Verweichlichten“ und Tschetschenen wider Willen. som

German Sadulajew: „Ich bin Tschetschene“, Ammann Verlag, 155 Seiten, 18,50 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2009)