Die vergessene "Völkerwanderung"

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Symbolbild.(c) REUTERS (MICHAEL DALDER)

Der größte Migrationsstrom führt langfristig von Ost- nach Westeuropa. Eine demografische Zeitbombe für die Auswanderungsländer.

Einzelne Landstriche, die schleichend entvölkert werden; Menschen, die ihre Heimat verlassen für ein besseres Leben jenseits der Grenze; noch mehr Junge, die darauf warten, die Koffer zu packen. Der Traum vom Westen grassiert vom waldigen Estland an der Nordspitze des Baltikums bis hinunter an Bulgariens Schwarzmeerküste und weiter westlich im Herzen des Balkans. Die Aufregung über die Flüchtlingskrise überlagert das Phänomen. Doch der langfristig größte Migrationsstrom nach Westeuropa entspringt nicht irgendwo in Afrika oder im Nahen Osten, sondern in Europa selbst, wie Tomáš Sobotka vom Vienna Institute of Demography sagt. Und dieser Strom kennt meist nur eine Fließrichtung: von Osten nach Westen.

Knapp 14 Millionen Menschen haben seit dem Fall des Eisernen Vorhangs die Region um Zentral-, Ost- und Südosteuropa gen Westen verlassen, schätzt Sobotka. Ein weiterer, kleinerer Teil ging nach Russland. Die niedrige Geburtenrate beschleunigte den Bevölkerungsschwund zusätzlich: Heute leben Sobotkas Schätzungen zufolge um 23 Millionen Menschen weniger in der Region als zur großen Zeitenwende 1989. Damals waren es 214 Millionen.

Die Zahlen sind eine Annäherung. Mehr nicht. Wer mit Experten wie Sobotka spricht, staunt, wie wenig brauchbares Material es gibt. Denn die offiziellen Daten seien meist „Schrott“, sagt Sobotka. Die Statistik der Emigrationsländer setze die Auswanderungszahl notorisch zu niedrig an. Damit sind auch die wichtigsten Indikatoren falsch: die Wirtschaftsleistung pro Kopf, die Geburtenrate, die Sterberate, ein Rattenschwanz an Schlüsselzahlen, der an der Einwohnerzahl hängt. „Die osteuropäischen Staaten sind einfach nicht gut darin, Auswanderung zu erfassen“, erklärt Sobotka. Das hat technische Gründe, mitunter liegt es auch daran, dass Migranten oft glauben, nur für ein halbes Jahr zu gehen, und dann doch nie oder erst viel später heimkehren. In einigen Fällen könnte die Bevölkerungszahl mit Absicht künstlich hochgehalten werden, vermutet der Experte: Die Höhe von EU-Fördergeldern etwa ist teilweise auch an die Einwohnerzahl gekoppelt.

Man kann sich dem Phänomen über die Statistik der Zielländer annähern. Sobotka hat das am Beispiel ausgewanderter Rumänen getan. Das Ergebnis ist einigermaßen beunruhigend: Von der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen lebten 2014 noch 77,2 Prozent im Land. Der Rest versuchte sein Glück im Ausland. In Österreich wohnten im Vorjahr 778.000 Menschen, die in Zentral-, Ost- oder Südosteuropa geboren wurden, darunter 89.000 Rumänen.

Junge gehen. Auch auf dem Westbalkan droht der große Exodus. Mazedonien zum Beispiel: Der Kleinstaat hat zwei Millionen Einwohner. Auf dem Papier. Eine Diplomatin in der Hauptstadt Skopje muss über die Zahl schmunzeln, man könne da ruhig ein paar Hunderttausend Menschen abziehen, sagt sie. Mehr als die Hälfte, 52,8 Prozent, der befragten Jugendlichen in Mazedonien gaben in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung an, „das Land sehr oder ziemlich wahrscheinlich verlassen“ zu wollen. Nur in Albanien waren es mit zwei Drittel noch mehr. Die Hoffnung auf bessere Ausbildungs- und Beschäftigungschancen treibt die Jugendlichen vom Balkan über die Grenzen. Zugleich haben sie kaum Vertrauen in die eigenen oft vom Filz der Korruption befallenen Institutionen. In östlichen EU-Staaten gaben auch Finanzkrise und später die viel diskutierte Arbeitsmarktöffnung der Auswanderung Schub.

Zwei Zahlen verschärfen die Demografie-Krise, die über weite Teile Osteuropas hereingebrochen ist: Erstens verlassen fast ausschließlich Junge ihre Heimatländer. Die Älteren bleiben. Das droht kombiniert mit der niedrigen Geburtenrate massive Lücken in die Sozialsysteme zu reißen. Zweitens sind Hochqualifizierte unter den Auswanderern überrepräsentiert. Aber nicht nur: Der „polnische Installateur“ (Polish plumber) in Großbritannien hat sogar einen Wikipedia-Eintrag. Auch die „litauische Krankenschwester“ wurde zum geflügelten Wort auf der Insel.

Experten warnen vor Alarmismus wegen des Schrumpfens im Osten Europas. Erstens gibt es massive Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Je nach Region würde die Emigration auch den Arbeitsmarkt entlasten, auch für hoch qualifizierte Auswanderer gebe es oft zu wenig geeignete Arbeitsplätze in der Heimat. Zweitens kämen junge Auswanderer mit den Werten der westlichen Demokratie und den vergleichsweise gut funktionierenden Institutionen in Berührung. Ihre Expertise soll ihren Staaten, so die Theorie, im Fall einer Rückkehr nutzen. Und schließlich sind die Auslandsüberweisungen der Emigranten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sagt Experte Sobotka. Die Republik Moldau zum Beispiel ist mit den drei baltischen Staaten und Bulgarien am schlimmsten von der Auswanderungswelle betroffen. Das korrupte Armenhaus Europas hängt am Tropf von Transferzahlungen. Diese machen 26,2 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Mindestens. In einer Weltbank-Statistik rangiert die Republik damit zwischen Tonga und Liberia.

Ausblick negativ. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) räumt ein, dass Migration und Mobilität grundsätzlich „positiv“ seien – und zwar für die EU als Ganzes. Für die Auswanderungsländer zeichnet der IWF in einer aktuellen Studie ein eher düsteres Bild: Der Schwund an Menschen im Erwerbsalter würde das (trotzdem robuste) Wirtschaftswachstum bremsen, genauso wie die Angleichung der Löhne an westeuropäisches Niveau. Der Ausblick ist negativ. Der Trend zum Bevölkerungsschwund dürfte sich je nach Region „fortsetzen oder sogar verschlimmern“, so der IWF.

Experte Sobotka berät von den Auswanderungswellen betroffene Länder. Sie seien mitunter „sehr besorgt“, sagt er. Papiere zirkulieren, die staatliche Maßnahmen zur „Bevölkerungssicherheit“ vorschlagen. Weißrusslands Autokrat Alexander Lukaschenko hat drei Kinder pro Familie als Ziel ausgegeben.

Auch in Ungarn, das wie Tschechien zunächst kaum betroffen war, macht man sich Gedanken über den zunehmenden Brain-Drain. Für Auswanderer wurde das Programm: „Kommt nach Hause, junge Leute“ entworfen, das die Heimkehr mit finanziellen Staatszuschüssen versüßen soll.

Ärztemangel. Konkret macht Ungarn etwa der Ärztemangel in ländlichen Regionen zu schaffen. Die Regierung hat zwar die noch immer niedrigen Gehälter aufgebessert. Eine 27-jährige Ärztin in Budapest erzählt, sie bringe es nun mit Zulagen für vier Nachtschichten pro Woche auf 800 Euro im Monat: „Aber es gibt noch ganz andere Probleme. Die Arbeitszeiten sind länger als im Westen, es gibt kaum Aufstiegschancen und dafür jede Menge Korruption. So verdienen mitunter ältere Ärzte viel Geld durch den Verkauf vorgezogener Operationen. Die Jungen lassen sie nicht heran. Auch die medizinischen Geräte sind oft nicht auf dem neuesten Stand.“ Auszuwandern sei daher ein Dauerthema unter jungen Ärzten, sagt sie.

Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass just jene Länder, die am vehementesten gegen die Aufnahme von Flüchtlingen protestieren, am stärksten auf Einwanderung angewiesen sind. Tatsächlich aber verstärkt die Auswanderungswelle in diesen meist homogenen, mit anderen Kulturen kaum in Berührung geratenen Staaten eher noch die Sorge vor Migranten, vor einem „Bevölkerungsaustausch“. „Diese kleinen Länder haben Angst, von der Landkarte zu verschwinden“, wie es Ivan Krastev einmal formulierte. Für das Heimatland des bulgarischen Politologen hält die UNO eine düstere Prognose bereit: Bis 2050 könnte es 27 Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Die Zahl ist eine Annäherung. Mehr nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2016)