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Pop

Der Nino aus Wien: Den Pop im Scheitern finden

Der wundersam poetische Nino aus Wien hat seine EP „Adria“ mit Paul Gallister, dem Erfolgsproduzenten von Wanda, aufgenommen.(c) seayou records
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Der Nino aus Wien präsentiert seine erste EP „Adria“. Der „Presse“ erzählte er von verbotenen Akkorden, Bob Dylan, vom Liederschreiben am Meer und im Stuwerviertel.

„Der Lehrer hat mir gesagt: ,Du darfst kein G spielen, wenn du vorher ein E-Moll gespielt hast.‘ Da hab ich zu ihm gesagt: ,Nein, ich will das aber. Das ist schön.‘ Und hab den Kurs verlassen.“ So beiläufig begann die Karriere des Nino aus Wien. Die sterilen, auf Absatz schielenden Strategien des Musikgeschäfts haben den 29-jährigen als Nino Mandl in Hirschstetten aufgewachsenen Singer-Songwriter nie interessiert. Nach sieben wundersam poetischen Alben – eines davon gemeinsam mit Ernst Molden – präsentiert er nun mit „Adria“ seine erste EP.

Das kleine, sechs Lieder umfassende Format habe ihn schon länger gereizt, sagt er im lauschigen Salettl an der Hauptallee. Seit sechs Jahren lebt Nino schon im Stuwerviertel, jenem Leopoldstädter Soziotop am Rande des Praters, das sich standhaft weigert, zum slicken Bobo-Viertel zu werden. Der Straßenstrich wurde zwar eingedämmt, geben tut es ihn aber immer noch. „Dann redn die de Madln au, du sogst na, gehst ham“, resümiert er in komplizenhaftem Plauderton im „Praterlied“. Es ist einer der wenigen unverstellt autobiografischen Songs des zur Rätselhaftigkeit neigenden Nino. In ihm besingt er das Lebensgefühl eines Prekariats, das das Scheitern zur Lebenskunst macht, ihm im Idealfall Poesie abringt. „Durch olle Augn fliagt da Tod, es Denken fiat daun gern zur Depression“, heißt es da zu fröhlich hoppelndem Rhythmus.

Nino schwärmt von der Weisheit der Praterfee und davon, auf der Donauinsel „da Sun beim Woamwern“ zuzuschauen. Als Chronist des wüsten Grätzels erwähnt er auch Fürsorglichkeit von unerwarteter Seite: „Geh Musikant, rauch ned so vü, sagt mei Trafikant, waun i wos wü. I sog eam, ollas mit Genuss, a Packl schwarze Players, auf de hätt i jetzt Lust.“ Der gute Mann in der Ybbsstraße hat sie ihm noch nie verwehrt, aber ihm trotzdem die Bypass-Narben gezeigt, die seine zwei Herzinfarkte als Fanal hinterlassen haben.

 

Gelassenheit trotz Liebeskummers

Wie Ambros damals mit seinem famosen „Wie im Schlaf“ erweist auch Nino dem großen Bob Dylan seine Reverenz. Dessen „Simple Twist of Fate“, tränentreibendes Liebeslied an die damals frisch verflossene Langzeitfrau Sara, übertrug er mit lockerer Hand ins lokale Idiom. Bei ihm heißt es „Der Mai ist vorüber“. Die Protagonisten irren zwischen Donaupark, dem Flex und dem Hotel Orient herum. Die Liebe hat sich verloren, trotzig wird dennoch Gelassenheit demonstriert. Amouröser Misserfolg mag sich ins emotionale Gedächtnis einbrennen, aber bitter will darob niemand werden. „Der Mai ist vorbei, also lassen wir das Schicksal halt allein“, probiert der Protagonist im Schlusssatz die Abkoppelung von den eigenen Emotionen. Dazu spielen Raphael Sas und Ernst Molden Rücken an Rücken glühende E-Gitarren, als schrieben wir noch 1975.

Das Meer wird im Titelsong „Adria“ zum Spiegelbild der sturmgepeitschten Seele. „Du bist gefährlich und nass, du bist Salz, du bist wild, dein Herz ist ein Geheimnis.“ Die neuen Lieder hat Nino mit Paul Gallister, im Brotberuf Erfolgsproduzent von Wanda, aufgenommen. Die ersten Versuche mit dem Overdub-Verfahren, bei dem jedes Instrument einzeln aufgenommen wird und die Spuren erst am Ende zusammengeführt werden, glückten. „Adria“ klingt erstaunlich organisch. Von besonderer Anmut ist das von einer wehen Klarinette geadelte „Natalie“. Spontan ist es in Opatija entstanden. Ein serbokroatischer Straßenmusiker spielte Gilbert Becauds „Natalie“. Das berührte Nino so, dass er ins Hotel eilte und sein eigenes „Natalie“ ersann. In der Geborgenheit einer Rauchwolke flogen bald die ersten Noten über die in den Süden mitgebrachte Kindergitarre. Schwärmerisch singt er davon, wie die schönen Hände, die die Wolken falten, auch die schmucken Schiffe auf dem Meer schlichten. Selbst im mediterranen Liebestaumel hält Nino an elegisch-melancholischer Perspektive fest. Das muss sie aushalten, seine Natalie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2016)