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Fred gegen die All-Stars aus dem Norden

Fred Vargas
Fred Vargas(c) Bettina Flitner / laif / picture (Bettina Flitner)
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Große Nationen, die gut Fußball spielen, schreiben auch die besten Krimis. Nur die skandinavische Auswahl putzt alle vom Platz. Mit Fred Vargas, Grande Dame des europäischen Krimis, hätte Frankreich aber gute Chancen auf den Sieg.

Sehr viele Skandinavier haben es diesmal nicht in die Endrunde der Fußball-EM geschafft: Nur Schweden und Überraschungsteilnehmer Island verteidigen die Ehre der nordeuropäischen Ballesterer. Ginge es bei dieser Europameisterschaft allerdings nicht um das Runde in Leder, sondern um das Eckige in Papier, den Krimi, hätte wohl kaum eine Nation Chancen gegen die Auswahl der Scandinavian All-Stars. Mit Größen wie Jø Nesbo, Jussi Adler-Olsen, Arne Dahl, Åke Edwardson, Håkan Nesser, Stig Larsson, Sjöwall und Wahlöö und vor allem Henning Mankell putzen sie die Konkurrenz nur so vom Platz.

Auch wenn der Hype rund um das Morden im Norden bereits etwas abflaut. Die Zeiten, als Verlage Unsummen für die Manuskripte jedes Thriller-Jungautors zahlten, solange der nur ein „æ“ oder ein „ø“ im Namen hatte, sind vorbei, doch beeindrucken die Skandinavier nach wie vor mit der schieren Zahl ihrer nachhaltig erfolgreichen Krimischreiber. Nicht nur die kriminalistische Starter-Elf ist mit Kurt Wallander, Harry Hole, Martin Beck und Carl Mørck vom Feinsten, auch die Ersatzbank strotzt nur so vor psychisch angeschlagenen Ermittlern voller moralischer Skrupel, gutem Herzen und scharfem Verstand – alle subtil im Aufbau, trickreich im Überdribbeln der Gegner und skrupellos im Absch(l)uss.

Die anderen europäischen Kriminationen geben sich allerdings nicht so leicht geschlagen. Grundsätzlich gilt, wenn auch mit Ausnahmen: Große Fußballnationen schreiben gute Krimis. Gastgeberland Frankreich spielt eine Sonderrolle. Es punktet nicht mit Masse, sondern mit Klasse. Lokalmatadorin Fred Vargas, die derzeitige Grande Dame des europäischen Krimis, hat bereits alle wichtigen Preise für ihre Bücher rund um die Kommissare Kehlweiler und vor allem Jean-Baptiste Adamsberg gewonnen und findet sich regelmäßig auf den ersten drei Plätzen der Krimi-Welt-Bestenliste. Weshalb Les Bleus nicht nur Favoriten für den Titel auf dem Rasen sein dürften.

England, das Mutterland des Krimis, schafft nach wie vor den Spagat zwischen dem klassischen Whodunit und innovativen Neuinterpretationen einer Romanform, die für eine Genrebezeichnung längst viel zu breit geworden ist. Da schreiben unermüdliche Altmeister wie Ian Rankin oder Quereinsteiger wie „Harry-Potter“-Autorin J.K. Rowling – unter dem Namen Robert Galbraith –, gleichzeitig loten andere die Grenzen des Krimis aus: Kate Atkinson etwa oder Oliver Harris. Bemerkenswert ist auch die Emanzipation Nordirlands, das vielversprechende Krimiautoren wie Adrian McKinty aufstellt.

Deutschland, derzeit fußballerisch vielleicht nicht in Höchstform, wird auf dem Gebiet des Krimis immer selbstbewusster. Viele deutsche Autoren haben sich auf eine Melange aus Geschichte, Politik und Moral spezialisiert, die sie geschickt mit kriminalistischen Elementen verbrämen: Friedrich Ani, Oliver Bottini, Ulrich Ritzel oder Horst Eckert. Autorinnen wie Petra Hammesfahr oder Nele Neuhaus haben sich hingegen auf die Psychologie verlegt. Die Welle der Regionalkrimis flaut wieder ab, nachdem mittlerweile jedes deutsche Dorf seinen Mörder hat.

Italien hat mit Andrea Camilleri nicht nur einen Altmeister im Krimiteam, sondern auch eine Reihe von Autoren, die eine nationale Taktik entwickelt haben: Sie mischen hochpolitische Fakten mit Fiktion, wobei Erstere durchaus schockierender sind als Zweiteres. Nicht selten werden italienische Krimis daher auch von Richtern, Staatsanwälten oder Journalisten geschrieben. Besonders gut: Carlo Lucarelli, das Duo de Cataldo/Bonini oder Gianrico Carofiglio.

Spanien hingegen, fußballerisch einer der Favoriten, ist bei den Krimis eher noch in der Außenseiterposition zu finden. Zwar spielt auf Seiten von La Selección mit Manuel Vázquez Montalbán ein ganz Großer, doch sickern Autorinnen wie Teresa Solana oder Rosa Ribas erst sukzessive ins Bewusstsein deutscher Leser. Ähnliches gilt für die osteuropäischen Länder, die für eifrige Krimileser noch viel Potenzial bereithalten.

Und Österreich? Eindeutig ein Außenseiter – auf dem Rasen wie auf dem Papier. Wolf Haas spielt in einer Klasse für sich, Bernhard Aichner reüssierte mit seiner „Totenfrau“ international, andere österreichische Krimiautoren ermitteln entweder in der Ledernen oder haben das schräge Eck fest im Blick. Aber Underdogs hatten's schon immer gut: Sie können eigentlich nur gewinnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2016)