Churchill: "Lasst Europa auferstehen!" - aber ohne uns Briten

Churchill: "Lasst Europa auferstehen!" – aber ohne uns Briten
Churchill wurde in Europa als Bezwinger der Nazis gefeiert(c) imago/United Archives Internatio (imago stock&people)

Eine Rede, die in die Geschichtsbücher einging, klingt nach bis heute. Im September 1946 entwarf Winston Churchill die Idee einer europäischen Union zur Rettung des Kontinents. Für ihn war klar: Großbritannien werde nicht dabei sein.

Im Herbst 1946 war Europa noch traumatisiert durch den Zweiten Weltkrieg, doch unbeirrt richtete Winston Churchill den Blick nach vorne. Er war damals Oppositionsführer im britischen Unterhaus und machte im September 1946 Urlaub in der Schweiz, er malte Bilder und wollte inkognito sein. Daran war nicht zu denken. Obwohl nicht mehr Regierungschef, war Churchill eine Kultfigur. Er wurde überall, wo er in der Schweiz hinkam, als der Retter Europas, der den Nazis die Stirn geboten hatte, gefeiert und ließ sich am Ende dieses Aufenthalts von der Universität Zürich einladen zu einer „Rede an die akademische Jugend“.

Es war seine zweite große, international beachtete Rede in diesem Jahr: Im März hatte er in den USA die Teilung Europas durch den „Eisernen Vorhang“ skizziert. Seine brillante Rhetorik hatte sich geändert: Sie zeugte in Kriegszeiten von harter Entschlossenheit, nun wurde sie durch Ironie und Humor bereichert, nicht zuletzt durch den Gruß an die Schweizer Zuhörer, die den Münsterhof der Universität bis zum letzten Platz füllten: Er steckte in einer ironischen Geste seinen Hut auf den Gehstock und grüßte das Auditorium, zeigte so seinen Respekt vor den Eidgenossen, die sich seit den Zeiten des Landvogts Gessler vor keinem Tyrannenhut verneigten.

"We must build a kind of United States of Europe"

Churchill sprach über die schreckliche Lage auf dem Kontinent, die Massen hungriger und verzweifelter Menschen, die zerstörten Städte, also zunächst war nichts Sensationelles zu hören. Doch dann kam der Appell, in die Zukunft zu schauen, den Schrecken der Vergangenheit den Rücken zuzuwenden, und er endete mit einer optimistischen Vision: „We must build a kind of United States of Europe.“ Die Vision eines vereinigten Europa war nicht neu, Churchill berief sich auch auf Richard Coudenhove-Kalergi, doch nun musste angesichts der Lage aus dem alten Traum Realität werden. Die wichtigste Voraussetzung dafür: Eine deutsch-französische Partnerschaft: „I am now going to say something that will astonish you. The first step in the re-creation oft he European Family must be a partnership between France and Germany.“

Churchill als Hobbymaler in der Schweiz 1946
Churchill als Hobbymaler in der Schweiz 1946(c) imago stock&people (imago stock&people)

Vorstellbar war dies damals nur unter der moralisch-kulturellen Führung Frankreichs. Der Gedanke war revolutionär, die beiden Staaten hatten seit 1870 drei Kriege gegeneinander geführt, die Wunden des letzten Kriegs bluteten noch. Die Gefahr, dass der Hass zwischen den beiden benachbarten Ländern unausrottbar fortglühen würde, war groß und eine ernste Gefahr für den Frieden.

Europa sollte durch eine starke Wirtschaft dauerhaften Wohlstand erhalten: „Großbritannien, das British Commonwealth of Nations, das mächtige Amerika und, ich hoffe, Sowjetrussland – denn dann wäre in der Tat alles gut – müssen die Freunde und Förderer (friends and sponsors) des neuen Europa sein und für sein Recht auf Leben und Glanz eintreten.“ Er zählte also Großbritannien nicht zu diesem europäischen Bund, der eine Art regionale Unterorganisation der UNO sein sollte. Dabei hatte sein Land große wirtschaftliche Probleme und musste an einer Kooperation mit dem Kontinent interessiert sein, doch staatliche Souveränität abzugeben, kam für ihn nicht in Betracht. Seine Gedankenwelt war zu sehr von der alten englischen Empire-Politik, von der Commonwealth-Welt und der Idee des Führen-Wollens geprägt.

Churchill zeichnete Sonderweg vor

Wer sonst sollte 1946 einer aus den Fugen geratenen Welt den Weg weisen, als jenes Land, das infolge seiner Weltmachtrolle vor dem Krieg die außenpolitische Kompetenz und Erfahrung hatte? Er zeichnete so den Sonderweg vor, den Großbritannien in Zukunft angesichts des europäischen Einigungsprozesses absolvieren werde, den einer „special relationship“ zu den USA mit Großbritannien als gleichberechtigtem Partner, dem zugleich eine Vermittlerfunktion zwischen den beiden Großmächten USA und Sowjetunion zufallen sollte.

Von einer aktiven Teilnahme an der europäischen Integration war keine Rede, nur von Begleitung und Förderung dieses Prozesses in Englands kontinentalem „Vorfeld“. Churchill war eben „kein überzeugter Befürworter eines vereinten Europa, sondern der Interessenspolitiker instrumentalisierte diesen Gedanken, um die britische Position als Moderator zwischen den Supermächten aufzuwerten und das Überleben Großbritanniens als Weltmacht zu sichern“ (Michael Gehler).

Schon 1930 hatte Churchill in einem Aufsatz geschrieben, Großbritannien werde nie zu den Vereinigten Staaten von Europa gehören, das Land habe seine „eigenen Träume und Aufgaben“. „Wir gehören zu keinem einzelnen Kontinent, sondern zu allen.“ Dass Churchill das Vereinigte Königreich auf Augenhöhe mit den Supermächten sah, entsprach 1946 bereits nicht mehr der geopolitischen Realität. Jedenfalls war er nicht bereit, sein Land auf eine Ebene mit den kontinentaleuropäischen Staaten zu stellen, eine Integration in ein supranationales Europa schloss er aus, auch 1951, als er mit 77 Jahren als Premier nach Downing Street zurückkehrte. Aus diesem Jahr stammt der folgende Dialog mit dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer. Churchill: „Sie können beruhigt sein, Großbritannien wird immer an der Seite Europas stehen.“ Darauf Adenauer: „Herr Premierminister, da bin ich ein wenig enttäuscht. England ist ein Teil Europas.“

Der niederländisch-amerikanische Historiker Felix Klos hat in seinem jüngst erschienen Buch „Churchill on Europe“ freilich darauf hingewiesen, „es wäre jedoch hochgradig irreführend, wenn man behauptete, Churchill hätte niemals gewollt, dass Britannien sich an Europa beteiligt.“ (FAZ 13.6.2016) Churchills Rede von 1946 sei im Rahmen seiner taktischen Manöver zur Beruhigung der Sowjetunion zu sehen, die sich gegen einen von England dominierten europäischen Block wenden würden.

Als „Taufpate“ der europäischen Vereinigung spielte er aber eine bedeutende Rolle, bei der Gründung des Europarats, der Europäischen Menschenrechtskonvention und der Aufnahme Deutschlands, seine Abneigung richtete sich aber vor allem gegen die Vorstellung, dass sein Land ein „gewöhnliches“ Mitglied der Union sein sollte. Nicht verwunderlich also, dass im Vorfeld der Brexit-Abstimmung sich sowohl Befürworter wie Gegner des Austritts aus der Europäischen Union auf den großen Staatsmann berufen.

Befürworter und Gegner der EU-Mitgliedschaft berufen sich auf Churchill
Befürworter und Gegner der EU-Mitgliedschaft berufen sich auf Churchill(c) REUTERS (© Stefan Wermuth / Reuters)

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