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Libanon: Anschlagswelle in Christendorf

(c) APA/AFP/STRINGER

Acht Selbstmordattentäter sprengten sich in Al-Kaa in die Luft. Premier Salman befürchtet, dass die Angriffe erst der Anfang waren.

Beirut. Das erste vierköpfige Selbstmordkommando kam vor der Dämmerung in das Dorf Al-Kaa, nur wenige Kilometer von Syriens Grenze entfernt. Einer nach dem anderen zündete den Sprengstoffgürtel. Fünf Dorfbewohner starben, knapp 20 wurden verletzt. Spätnachts brach die zweite Terrorwelle über den Ort herein: Wieder kamen vier Selbstmordattentäter, von denen sich mindestens einer vor der Kirche in die Luft sprengte, dort also, wo die Dorfbewohner die Bestattung der Opfer vorbereiteten. Diesmal gab es Verletzte, aber keine Toten wie Stunden zuvor.

Premierminister Tamman Salam warnte am Dienstag in überraschend deutlichen Worten vor „einer neuen Welle von Terrorangriffen in mehreren Regionen des Libanons“.

Der Anschlagsort Al-Kaa liegt in der Bekaa-Hochebene, dort also, wo Hunderttausende Syrer in Zeltlagern und Rohbauten gestrandet sind. Mindestens vier der acht Selbstmordattentäter waren Syrer, erklärte Innenminister Nohad Machnouk am Dienstag. Die Jihadisten seien aber direkt über die Grenze gekommen und nicht aus den Flüchtlingslagern. Der Angriff droht dennoch die Spannungen zwischen Syrern und Lokalbevölkerung zu verstärken. Über syrische Flüchtlinge in der Region war nach der Tat eine Ausgangssperre verhängt worden.

Die Anschlagsspur führt zur Terrororganisation IS. Bestätigung gab es zunächst nicht. Doch schon länger wird befürchtet, die in Syrien und dem Irak in Bedrängnis geratene Jihadisten-Miliz könnte ihren Terror verstärkt in den Libanon tragen, diesen zerbrechlichen Kleinstaat, der seit mehr als zwei Jahren ohne Präsidenten ist und den der Syrien-Krieg gespalten hat: Die schiitische Hisbollah-Miliz kämpft an der Seite des alawitischen Assad-Regimes, die Sunniten unterstützen mehrheitlich die Rebellen. Die Christen stehen zwischen den Stühlen. Hinzu kommen Korruption und Flüchtlingskrise, die das Land an seine Kapazitätsgrenze treiben: Mehr als eine Million Syrer hat der Libanon aufgenommen, der flächenmäßig so groß wie Oberösterreich ist. (strei/ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2016)