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Bilderbuch: Verstörendes aus Oberösterreich

(c) Bilderbuch / Nikolaus Ostermann
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Kein Unterhaltungsmedium für Kleinkinder, sondern heimischer Indie-Rock: Das Quartett Bilderbuch spielt auf seinem Debütalbum „Nelken & Schillinge“ in charmanter Weise mit Klischees und ausgeklügelten Absurditäten.

„Songschreiben ist bei uns Schwerstarbeit" sagt Andreas Födinger, Schlagzeuger der Band Bilderbuch, im Interview mit "DiePresse.com". Die Band aus der Umgebung Kremsmünsters veröffentlicht am 28. August ihr Debütalbum „Nelken & Schillinge". Denn bis sich die vier ehemaligen Klosterschüler auf eine Textpassage, einen Titel oder das Design der CD geeinigt haben, kann schon mal ein halbes Jahr vergehen. „Ich habe nie einen fertigen Text, eher Ideen und Anstöße. Genauso kommen dann einzelne Beats oder ein Thema für die Gitarre. Es gibt oft Meinungsverschiedenheiten", erklärt Sänger und Gitarrist Maurice Ernst den langwierigen Prozess. Das Ergebnis ist dann - meistens - nicht nur demokratisch legitimiert sondern steckt auch voller ausgeklügelter Absurditäten, Metaphern und Wortwitze.

Bilderbuch spielen mit Klischees, erlauben sich Hirngespinste und paranoide Gedanken. Sie singen mit Ironie und Augenzwinkern, der Surrealismus scheint ihr täglich Brot zu sein. Das eigene Leben hat da ebenso wenig Platz wie Weltpolitisches. „Wir sind alle Wohlstandskinder aus Österreich, das gibt autobiografisch wenig her. Wir könnten über die Trennung unserer Eltern singen und ein bisschen Rebellen sein, aber das wäre dann fast schon wieder politisch, was wir nicht unbedingt anstreben", sagt Ernst.

Da zwinkert das Äuglein!

Größere Inspiration für die stellenweise abstrakten Texte lieferte hingegen der Zivildienst, den Ernst in einer Pflegeanstalt für Geisteskranke absolvierte. „Halluzination / Der Raum ist leer, doch ein Tiger ist da / Er stinkt nach Schnaps und er arbeitet hart" heißt es in der ersten Singleauskoppelung „Calypso". Für noch mehr Verwirrung sorgt der schnelle Perspektivenwechsel, singt Ernst doch anfangs in der Ich-Form, lässt er später „sie" und „die Leute" sprechen.

Weitere Absurditäten und Klischees werden in "Joghurt auf der Bluse" serviert: Ein klassischer Samstagabend in der Diskothek samt Beach Boys, tropfender Decke, bebendem Boden und „zuviel Rouge", einem „absoluten No-Go". So lebensnah und allseits bekannt die Szene beginnt, Bilderbuch kehrt sie um, macht aus einem Fleck eine Katastrophe, bringt alltägliche Wörter in einen neuen Kontext: „Joghurt auf der Bluse, eine Katastrophe / so geht das nicht, so geht das nicht". Für die Band, die in ihren Anfängen Märchen vertonte und den Namen von damals beibehalten hat, „eine kleine Spielerei".

Zweiten Blick wagen

Trotz ihrer jungen Jahre - das Durchschnittsalter der Band liegt knapp unter 20 - meistern Bilderbuch die Hürde der großen Gefühle problemlos. In „Tennisverein", dem ältesten Stück des Albums, wird eine kitschige Liebes-Phrase an die andere gereiht, nur um sie im nächsten Atemzug wieder zu Nichte zu machen: „Ich liebe alles an dir. Nur deine Nase nicht" singt Ernst schmachtend wie lächelnd, eingebettet in Tennis-Jargon. Vom Zurückgewiesen-Werden („Kopf Ab") bis zum schmerzhaften Scheitern einer Beziehung („Auf Sand gebaut"), obwohl das Debüt nicht als Konzeptalbum geplant war, zieht sich das Thema Liebe durch den Großteil der Lieder - wenn auch nicht in seiner offensichtlichsten Art.

„Freie Interpretation ist ein großes Thema bei uns", sagt Ernst. Das Quartett möchte mit seinen Texten keine bestimmten Gedanken vorgeben, sondern Raum für eigene lassen. Soviel sei aber schon verraten: „Auch wenn es auf den ersten Blick teilweise recht banal aussieht, beim zweiten oder dritten Mal merkt man, dass mehr dahinter ist", so der Sänger. Wie wahr.