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Die teuflische Saat der Terrormiliz IS

Die teuflische Saat der Terrormiliz IS
IS-FlaggeAPA/AFP/AHMAD AL-RUBAYE
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Analyse Der Nizza-Attentäter war möglicherweise inspiriert vom IS. Die Jihadisten intensivieren weltweit ihre Anschläge, denn in Syrien und im Irak ist ihre Herrschaft dem Ende nah.

Sein wahnwitziger Aufruf zum Mord hallt auch noch 22 Monate später nach. „Wenn ihr einen ungläubigen Amerikaner oder Europäer töten könnt“, beschwor der Sprecher der IS-Terrormiliz, Abu Mohammed al-Adnani, seine Anhänger, „dann tötet ihn auf welche Weise auch immer. Zertrümmert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer oder überfahrt ihn mit eurem Auto.“

War der Attentäter von Nizza inspiriert von dieser oder einer ähnlichen Audiobotschaft? Für den Islamischen Staat war schon der Ramadan der Monat des Todes. Jihadisten mordeten auf drei Kontinenten im Namen des IS. Den Anfang hatte der 29-jährige Omar Mateen in einem Nachtclub in Florida gemacht. Darauf folgten Anschläge in Frankreich, im Libanon, Jordanien, der Türkei, in Malaysia, Bangladesch, im Irak und in Saudiarabien. Der Ramadan ist vorbei, und das Morden geht weiter.

Globales Terroristennetzwerk

„Wir glauben, der Islamische Staat wird seine globale Terrorkampagne intensivieren“, sagte der Geheimdienstchef unlängst bei einer Anhörung des US-Senats. Rund 30.000 Kämpfer mit über 70 verschiedenen Nationalitäten sollen sich dem IS angeschlossen haben. Damit besitzt die Terrororganisation weltweit Kontakte – lokal eingebettet und vertrauenswürdig. Es ist kein Aufwand nötig, um neue Strukturen aufzubauen. Wahrscheinlich genügt es, Tippszur Waffenbeschaffung oder Handlungsanleitungen per Video zum Bombenbau zu schicken – vorausgesetzt, dieses Wissen sollte tatsächlich noch nicht vorhanden sein. In einigen Fällen, wie das bei den Paris-Attentaten und in Brüssel der Fall war, schickt man direkt aus Syrien Fußsoldaten und ausgebildete Kommandoführer.

Profis und einsame Wölfe

Einer dieser Führungsleute war Abdelhamid Abboud, der in seinem Pariser Versteck, einer Wohnung in Saint-Denis, von der Polizei erschossen wurde. Er soll in einer Spezialeinheit in Syrien für den Auslandseinsatz vorbereitet worden sein. Nach Schätzungen sollen in syrischen Trainingslagern zwischen 400 und 600 Terroristen ein Auslandstraining erhalten haben. Genaue Zahlen gebe es leider nicht, sagte die französische Senatorin Nathalie Goulet, Ko-Vorsitzende des Komitees für Jihad-Netzwerke. Bestandteil des Ausbildungsprogramms sind der Umgang und Zusammenbau von Sprengkörpern.

War der Nizza-Attentäter instruiert vom IS, oder agierte er als einsamer Wolf? Der Terrormiliz wird es einerlei sein, solange die Morde bei ihr verbucht werden. Ihr bleibt als Propaganda nichts weiter übrig, als weltweit möglichst spektakuläre Attentate zu begehen. Denn sonst droht der Terrorgruppe das schnelle Vergessen. Im Irak und in Syrien befinden sich die Jihadisten auf der Verliererstraße. Im Irak haben sie nur noch eine einzige Stadt, nämlich Mossul, unter ihrer Kontrolle. Sie soll spätestens im Herbst befreit werden. Sehr wahrscheinlich erfolgt zur gleichen Zeit eine Offensive auf Raqqa, die Hauptstadt des IS in Syrien. Damit ist derWeg in die militärische Bedeutungslosigkeit unausweichlich.

Und so hat es auch al-Adnani gesehen. „Der IS kann kein Territorium verteidigen“, meinte der IS-Sprecher bereits in einer Audiobotschaft im Mai. „Der IS geht in den Untergrund und wird wiederkommen, wenn die Zeit reif dafür ist.“ Den Guerilla-Krieg kennt al-Adnani nur zu gut. Er soll mit Abu Musab al-Zarqawi gekämpft haben. Das ist der Gründer des Vorläufers des IS im Irak und besser bekannt unter dem Namen: der Schlächter.

Laut Informationen von ehemaligen syrischen Rebellenkämpfern soll der IS bereits begonnen haben abzutauchen. „In den türkischen Grenzstädten sind jetzt viele IS-Mitglieder und Sympathisanten unterwegs“, erzählt ein ehemaliger Kämpfer aus Aleppo, der in Kilis wohnt. „Der IS ist dabei, seinen Abgang vorzubereiten.“ Jedenfalls werde Material über die Organisation aus Syrien in die Türkei geschafft, um es irgendwo an einem sicheren Ort zu bunkern. „Einige IS-Kämpfer wollen auch herausfinden“, so der junge Mann weiter, „ob sie ihr Wissen über die Gruppe als Tauschpfand benutzen könnten, um in ihr altes Leben zurückzukehren.“ Deshalb suchten sie über Mittelsmänner Kontakt zu den Geheimdiensten ihrer Heimatländer. „Sie wollen einen Deal.“

Apokalyptischer Untergang

In Raqqa und Mossul wird man das in der IS-Führungsetage nicht gern hören. Dort sind die Anschläge der vergangenen Wochen so richtig nach apokalyptischem Geschmack. Wenn schon Untergang, dann möglichst spektakulär. Dazu ist dem IS bekanntermaßen jedes Mittel recht. Die große Frage bleibt allerdings: Wie lang reichen die menschlichen Ressourcen für diese internationale Terrorkampagne?

Wie viele lokale Schläferzellen hat der IS wirklich? Wie viele Kämpfer wurden unter Kriegsflüchtlingen in den Libanon, nach Jordanien, in den Irak und auch nach Europa geschleust? Selbst Geheimdienste werden darauf kaum eine Antwort haben. Man weiß nur eines, je schneller der IS seinem Untergang entgegengeht, desto häufiger und brutaler werden seine Anschläge. Ihre teuflische Saat wird noch länger aufgehen.

AUF EINEN BLICK

Die Terrormiliz IS rief ihre Anhänger zum ersten Mal am 22.September 2014 öffentlich auf, weltweit Anschläge zu verüben. Die Audiobotschaft setzte der Sprecher der Organisation, Abu Mohammed al-Adnani, ab. Er fordert die Jihadisten auf, Ungläubige auf jede erdenkliche Weise zu töten, auch durch das Überfahren mit einem Auto.

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Die Presse Community-Team (mkf)

 


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(Print-Ausgabe, 16.07.2016)