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Der Tod des Terrorexporteurs nach Europa

FILES-SYRIA-CONFLICT
(c) APA/AFP/YOUTUBE/HO
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Abu Mohammad al-Adnani wurde mittels gezielten Raketentreffers exekutiert. Er plante die Anschläge von Brüssel und Paris und war als Propagandachef des Islamischen Staates für grausame Mordclips verantwortlich.

Kairo. Die Rakete der amerikanischen Drohne traf den Wagen in der Nähe der syrischen Ortschaft al-Bab. Dort liefern sich seit Wochen arabische und kurdische Rebellen Gefechte mit dem Islamischen Staat (IS), um dessen letzte Nachschubwege in die Türkei zu kappen. Wenige Stunden später gab die IS-nahe Website Amaq bekannt, der Sprecher des Islamischen Kalifats und Terrorplaner von Brüssel und Paris, Abu Mohammad al-Adnani, sei beim Angriff getötet worden. „Er starb als Märtyrer, während er Operationen inspizierte, mit denen Militärangriffe gegen Aleppo zurückgeschlagen werden sollten“, schrieb Amaq und kündigte Rache an. Das Pentagon dagegen gab sich zurückhaltend – man werte die Wirkung des Präzisionsschlages noch aus.

Al-Adnani war einer der meistgesuchten Terroristen der Welt. Sein Ende dürfte gewiss sein, da alle bisher über offizielle IS-Kanäle bekannt gegebenen Tode von Führungskadern der Wahrheit entsprachen. Zuvor waren bereits die Nummer zwei, Abd ar-Rahman Mustafa al-Qaduli, und einer der besten Kommandeure, der Tschetschene Omar al-Shishani, durch Luftangriffe gestorben. Auch wenn al-Adnani schnell durch einen Nachfolger ersetzt werden wird, ist sein Tod ein weiterer schwerer Schlag für die Extremisten. Zudem zeigt der Drohnen-Erfolg, wie präzise der amerikanische Geheimdienst und die Spezialkräfte vor Ort mittlerweile über IS-Interna informiert sind. Dies könnte damit zusammenhängen, dass in den Reihen der Terrormiliz nach der verheerenden Serie von Niederlagen die Frustration genauso wie die Bereitschaft zum Verrat wächst.

Al-Adnani, der mit bürgerlichem Namen angeblich Taha Sobhi Falaha hieß, wurde 1977 im Städtchen Binnish in der nordsyrischen Provinz Idlib geboren. Nach Angaben ehemaliger Nachbarn waren seine Eltern äußerst arm, die Kinder mussten zum Lebensunterhalt in Olivenhainen reicher Bauern die Bäume wässern. Er selbst ging 2003 in den Irak, wo er von Anfang mit der al-Qaida im Irak gegen die US-Invasion kämpfte. Dort soll er zeitweise auch im südirakischen Camp Bucca gewesen sein, wo damals 24.000Iraker eingesperrt waren. Viele aus der heutigen IS-Führung lernten sich in dem Komplex kennen. 2011 kehrte er nach Syrien zurück und schloss sich zunächst der al-Nusra-Front an. Drei Jahre später gehörte er zu den Mitbegründern des IS, nachdem sich der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi mit der al-Qaida-Führung in Afghanistan überworfen hatte. Im IS stieg er schnell zum Propagandachef auf, verantwortlich für Videos von Enthauptungen und Massakern.

 

42 Minuten lange Tirade

Gleichzeitig war al-Adnani Chef der hochkonspirativen IS-Abteilung für Auslandseinsätze, wie verhaftete Genossen aussagten. Diese Spezialzentrale soll vor allem in Europa Attentate organisieren oder Sympathisanten vor Ort zu Bluttaten anstiften. Schon im September 2014 rief der Drahtzieher des Terrors in einer 42 Minuten langen Tirade alle Muslime der westlichen Länder auf, Europäer und Amerikaner zu töten, vor allem Franzosen, „wo immer und wie immer ihr könnt. Schlagt ihnen mit einem Stein den Schädel ein, stecht sie mit einem Messer ab, überfahrt sie mit eurem Auto, werft sie von einem hohen Ort, erwürgt sie oder vergiftet sie“, hetzte er – eine hasserfüllte Saat, die dann etwa bei den Massakern in Paris und Brüssel, Nizza und der Normandie, Orlando und Istanbul, in Würzburg und Ansbach aufging.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2016)