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Mountainbike: Ein Husarenritt über Stock und Stein

Osl
(c) APA/MOUNTAINBIKE WELTCUP SCHLADM (MOUNTAINBIKE WELTCUP SCHLADMING)
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Mountainbike-Mania in Schladming: Die 23-jährige Tirolerin Elisabeth Osl sicherte sich im Cross-Country-Bewerb den Gesamtweltcup. Ein kleiner Meilenstein für den österreichischen Radsport.

Mountainbiker sind wilde Hunde. Und manchmal nehmen sie auch einen ganzen Ort in Beschlag. Bis zum heutigen Sonntag ist in Schladming der Bär los, da donnern die tollkühnen Athleten die Planai hinunter. Der Downhill, wie die Mountainbiker sagen, schließe das Weltcupfinale ab. Von der Mittelstation aus geht es hinunter ins Olympiastadion, die Strecke befindet sich zum größten Teil im Wald, die Wurzelpassagen, Sprünge und Steilkurven verlangen den gepanzerten Pedalrittern alles ab.

Wo im Winter die Slalomperfektionisten wie Benjamin Raich oder Mario Matt unter Flutlicht ihr Können zeigen, dort suchen die Mountainbike-Cracks die Herausforderung. Die Planai gilt als Kultstrecke – auch im Sommer. Downhill, das ist die Formel 1 der Furchtlosen. Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 70Stundenkilometern sind keine Seltenheit, Sprungweiten von 20Metern werden gemessen. Der Höhenunterschied beträgt 1000 Meter und ist damit die längste permanente Strecke Österreichs. Atemberaubend für die Zuseher vor allem der mächtige Sprung im Zielhang. Er hat fast Streif-Dimensionen.

Die Veranstalter profitieren aber vor allem von einer jungen Österreicherin, die es schon bei der Geburt eilig hatte. Die kleine Lisi, wie sie von Freunden genannt wird, konnte es nicht erwarten, das Licht der Welt zu erblicken. Und so kam Elisabeth Osl nach eigenen Angaben im Krankenwagen „irgendwo zwischen Kirchberg und Kitzbühel“ zur Welt. Am Samstag ging sie als Führende des Gesamtweltcup ins Cross-Country-Finale. Die 23-jährige Tirolerin radelte der Konkurrenz auf und davon; sie feierte einentriumphalen Heimsieg. „Die Strecke hat mir sowohl technisch als auch konditionell alles abverlangt.“ Der Anstieg auf den Zielhang der Planai ist der härteste auf der gesamten Weltcuptour.

Aufgewachsen ist Elisabeth Osl als viertes von fünf Kindern in Kirchberg. Die Naturverbundenheit wurde ihr in die Wiege gelegt. Sport spielte von Kindesbeinen an eine große Rolle. Vater Philipp war schließlich selbst einmal Rennfahrer. „Ohne ausreichende Bewegung an der frischen Luft kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen“, sagt Osl.

Im Hauptschulalter hatte es „Lisl“ eher das Volleyballspiel angetan, das Mountainbiken war eher Liebe auf den zweiten Blick. Die ältere Schwester Maria bekniete sie, doch an einem Staffelrennen mitzumachen. Die Leidenschaft am Wettkampf war geweckt und ließ sie nicht mehr los. Das junge Tiroler Mädchen quälte sich Woche für Woche bei lokalen Bergläufen, bis endlich auch die passende Disziplin für sie gefunden wurde. Hildegard Embacher, die damalige Staatsmeisterin, empfahl Cross Country. Genau das Richtige für Elisabeth Osl, wie sich später herausstellen sollte.

Die sportliche Karriere begann im Eilzugstempo. Bei der Weltmeisterschaft 2002 in Kaprun eroberte Osl Silber bei den Juniorinnen und schrieb damit ein Stückchen heimische Mountainbike-Geschichte. Erstmals gab es Edelmetall für Österreich. Als Heeressportlerin lief es anfangs nicht so gut, das sind die Rückschläge, die junge Sportler noch besser machen. Der Umstieg in die Elitekategorie fiel ihr schwer, aber 2007 war das Tief überwunden. Bei der U23-WM gab es zum Lohn Bronze, bei der U23-EM Silber. Ein Jahr später löste sie das Ticket für die Sommerspiele in Peking, Rang elf bei Olympia war respektabel.

Aber einer Elisabeth Osl war das alles zu wenig. Die drahtige Tirolerin, die bei einer Größe von 1,65 m nur 44 kg wiegt, wollte die Beste werden. Im April dieses Jahres schaffte sie, was davor in Österreich nur Gerhard Zadrobilek gelungen ist. Osl feierte den ersten Weltcupsieg, der allerdings kaum beachtet wurde. Die frohe Kunde von ihrem Triumph in Pietermaritzburg in Südafrika erreichte offenbar nicht alle Redaktionsstuben. Also musste der Erfolg wiederholt werden, im schweizerischen Champery stand die Kirchbergerin nach einem Start-Ziel-Sieg erneut auf dem obersten Treppchen.

Schon vor der abschließenden Königsdiziplin, dem Downhill-Bewerb, konnte Veranstalter Werner Madlencnik neue Rekorde vermelden. Insgesamt waren beim sechsten Weltcup-Event rund 600 Mountainbiker aus allen Kontinenten und über 35 Nationen in Schladming und ritterten um ein Preisgeld von 30.000 Euro. Auch die Medienpräsenz hat eine neue Dimension angenommen. Über 220 akkreditierte Journalisten dokumentieren das Saisonfinale mit fast 230 TV-Stunden weltweit.

„Jeder gibt sein Bestes, aber wir stoßen erstmals an unser Grenzen“, behauptet Veranstalter Werner Madlencnik. „Viel mehr geht jetzt nicht mehr.“ Die Planai wurde in diesen Tagen bis zu 4000 Mal befahren, im Zielraum zählte man bis zu 3500 Mountainbikes, 30.000 m Absperrbänder wurden benötigt, um den Zielhang in der Nacht zum Tag werden zu lassen, braucht es 700.000 Watt.

„Mountainbike ist ein Sport der Zukunft“, glaubt Werner Madlencnik. „In Zeiten wie diesen werden immer mehr auf das Radl umsteigen.“ Es ist allerdings dringend angeraten, es nicht ganz so schnell wie eine Elisabeth Osl anzugehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2009)