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Das Geheimnis des muslimischen Erfolgs

Moschee / Ill. einer Koran-Handschrift - Mosque / Cover of a Koran Manuscr./ C8 - Mosquée / Illust. d'un Coran manuscrit
Kostbares Relikt: Illustration einer Koranhandschrift aus dem 8. Jh. im Stil der Umayyaden.Jean-Louis Nou/akg-images/ picturedesk.com
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Nach Mohammeds Tod eroberten seine Anhänger blitzartig weite Teile der Welt, wie passierte das scheinbar Unmögliche? Lutz Bergers Buch "Die Entstehung des Islam" gibt eine überraschende Antwort.

Man stelle sich eine moderne Umfrage im Jahr 632 nach Christi Geburt vor, unter gebildeten Syrern, Arabern oder Byzantinern: Glauben Sie, dass in ein paar Jahren Araber Syrien, den Irak und Ägypten beherrschen und dort statt des Christentums eine neue Religion an die Macht bringen werden? Niemand hätte dies auch nur im Entferntesten für möglich gehalten, argumentiert der Kieler Islamwissenschaftler Lutz Berger in seinem fantastischen neuen Buch „Die Entstehung des Islam“ glaubhaft. Und fügt im Gespräch mit der „Presse“ hinzu: „Das Wahrscheinlichste war, dass die Araber Christen werden.“ Monotheismen, die anders als frühere lokale Polytheismen ein Leben nach dem Tod verhießen, waren damals en vogue. „Und überall rundum war das Christentum der Trend“, sagt Berger. „Es gibt keinen Grund, warum es bei den Arabern anders hätte sein sollen. Allenfalls hätte man sich vorstellen können, dass sich der Zoroastrismus durchsetzt.“ Also die ebenfalls monotheistische Religion von Ostroms großem Rivalen, dem persischen Sassanidenreich.


Mekkas Macht half Mohammed. Doch hätte nicht auch statt des Christentums sich einer der vielen anderen Menschen durchsetzen können, die damals im arabischen Raum als Propheten eines einzigen Gottes auftraten? Mohammed war nur einer unter vielen. „Ein Nicht-Mekkaner hätte das wohl kaum geschafft“, sagt Berger. Die ältere Forschung habe geglaubt, dass der Islam eine Bewegung der sozial Schwachen war. Tatsächlich seien die Anhänger vor allem „jung und männlich“ gewesen, „sozial aber ging es quer durch die Bevölkerung“. Und ohne die spätbekehrten führenden Mekkaner hätte Mohammed nie reüssiert. „Sie hatten als bedeutende Händler Geld, Macht, Know-how und Beziehungen bis in weit entfernte Regionen. Sie waren führend in der westarabischen Region.“

Doch auch das Christentum war mächtig, hatte mit Ostrom ein Weltreich hinter sich. Wie war das scheinbar Unmögliche möglich, warum konnten die Kalifen so rasch über ein Weltreich herrschen? Als Mohammed 632 starb, hatte er die Araber geeint, doch die Big Player der Welt vom Indus bis zum Atlantik waren andere: die Sassaniden – das letzte persische Großreich der Antike – und Ostrom. Um 600 hätten die Perser die Römer fast vernichtet. Nur zehn Jahre nach Mohammeds Tod 632 aber hatten die Muslime die oströmischen Regionen des heutigen Syrien und Irak erobert, das Sassanidenreich zu Fall gebracht. 80 Jahre nach Mohammeds Tod standen sie in Spanien.

Die schwindende Loyalität. Diese erstaunliche Erfolgsgeschichte schildert Lutz Berger mit klarem Blick für das Wesentliche und Konzentration auf die Zeit bis 750 in „Die Entstehung des Islam“. Viele wichtige Arbeiten arabischer und westlicher Wissenschaftler der vergangenen Jahre hätten ihm geholfen. „Wir sehen jetzt vieles klarer.“

Unter anderem die entscheidende Rolle der örtlichen Eliten in den attackierten Gebieten. Das Geheimnis des muslimischen Erfolgs liegt für Berger darin, dass diese Führungsschichten ihrer Zentrale immer weniger loyal waren. Macht und Geld konzentrierten sich zunehmend in den Hauptstädten, die Sicherung der bedrohten Außengrenzen verschlang immer mehr Ressourcen; die lokalen Eliten verloren dadurch an Macht und erhofften sich immer weniger von der Reichsherrschaft. Treue lohnte sich nicht mehr.

In dieser Situation gelang es den muslimischen Eroberern, sie auf ihre Seite zu ziehen. „Sie haben sich mit den jeweiligen Eliten arrangiert“, erklärt Berger deren geringen Widerstand, „forderten zwar Tribut, beließen sie aber auf ihren Posten. Anders als die Herrscherklasse der Großreiche mischten sie sich auch nicht groß in deren Angelegenheiten – vor allem nicht in die Religion.“ Die lokalen Eliten waren damit eher freier als vorher. Das galt nicht nur für die von den Sassaniden und Römern beherrschten Gebiete, sondern auch für das von den Westgoten beherrschte Spanien, das die Muslime ab 710 eroberten. Auch dort war die Macht auf einen zugleich schwachen Königshof konzentriert, die Eliten waren untereinander zerstritten, der König gerade gestürzt worden. „Für viele gotische Adelige war die Zusammenarbeit gegen Gegner aus den eigenen Reihen attraktiver als ein gemeinsamer Widerstand. Und bei den Muslimen wussten sie ihren Besitz garantiert.“

Geld blieb in der Gegend. Die örtlichen Eliten hatten von den neuen Machthabern also entweder wenig Nach- oder sogar Vorteile. Und das, obwohl die Muslime keineswegs weniger Geld als die früheren Herrscher forderten. „Ägyptische Papyri zeigen, dass die Araber dort mehr Steuern verlangten als davor die Römer“, sagt Lutz Berger. „Aber anders als davor ist das Geld vor Ort geblieben und ausgegeben worden. In Rom dagegen flossen die Steuergelder stark an Zentralregierung, Spitzenbeamte, die Armee an den bedrohten Reichsrändern.“

Erfolg – auch aus Schwäche. Die nur indirekte muslimische Herrschaft ist für Berger das Geheimnis des muslimischen Erfolgs. Es war auch ein Erfolg aus Schwäche. Im ersten Jahrhundert nach Mohammeds Tod konnten die Muslime zwar erobern, aber keine zentrale Verwaltung aufbauen, das zwang zur Zusammenarbeit mit den lokalen Eliten. Da die Armeen sich selbst ernährten, solange es immer neue Eroberungen und damit Beute gab, mussten die Eroberer auch nicht maßlos Steuern eintreiben. „Die Steuerschraube musste erst angezogen werden, als die Eroberungen nachließen.“

Diese kamen im Lauf des 8. Jahrhunderts zum Stillstand, zum Teil naturbedingt, weil es nicht mehr viel zu holen gab. „In der Sahara erobern Sie Sand. Spanien war verglichen mit Ägypten oder Irak auch kein gutes Geschäft; und bei den gallischen Strohhütten war schon gar nichts zu holen.“ Dasselbe galt für den Steppenraum im Osten.

Bei den zentralasiatischen Steppenvölkern wie bei den Berbern in Nordafrika scheiterten die Muslime Berger zufolge aber auch deshalb, weil sie es nicht mit zunehmend zentralistischen Großreichen in der Krise zu tun hatten, das erkläre den viel heftigeren Widerstand: „Wo die Muslime scheiterten, gab es keine Krise.“

Mit dem Ende der Eroberungen kamen auch Normierung, Bürokratisierung und Uniformierung, sowohl politisch als auch religiös. Auch die detaillierte Definition von Rechtgläubigkeit wurde innerhalb der muslimischen Gemeinschaft nun wichtiger und mit Machtkämpfen verbunden. Und man begann etwas völlig Neues: nämlich die eigene Religion zu propagieren.

Vor dem 8. Jahrhundert hatte man genau das Gegenteil getan, nämlich zu verhindern versucht, dass etwa Christen Muslime würden; das hätte ihnen mehr Rechte gegeben. „Gerade die Apartheid machte den Erfolg aus“, betont Lutz Berger. „Als dann im 9. Jahrhundert große Teile der örtlichen Eliten Muslime wurden, kam es denn auch zu Konflikten, weil die Konvertierten neue Ansprüche stellten.“

Wie im Spätrömischen Reich. Zentralisierung, Normierung – im Lauf des 8. Jahrhunderts wurde die muslimische Herrschaft ihren Vorgängern ähnlich. Syrische Eliten um den Kreis der Umayyaden – der zu Mohammeds Stamm gehörigen ersten Herrscherdynastie der islamischen Geschichte – wurden überall als Elitetruppen eingesetzt, um das Reich zusammenzuhalten. „Dieser Prozess verlief wie im Spätrömischen Reich“, sagt Berger. Er endete ebenfalls, zumindest teilweise, mit dem Zerfall; das islamische Weltreich schrumpfte massiv. Ab 750 gingen die äußeren Provinzen verloren, ab 800 blieben nur noch die Kernbereiche.

Das Reich aber überlebte – wie das geschrumpfte Oströmische und anders als das persische Reich. Warum das Oströmische Reich den muslimischen Ansturm – mit massiven Gebietsverlusten – überlebte und das Sassanidenreich nicht, diese Frage hat sich schon der 1406 verstorbene nordafrikanische Gelehrte Ibn Chaldun gestellt. Seine Antwort: Bei den Sassaniden fiel die Hauptstadt Ktesiphon, die oströmische Hauptstadt Konstantinopel hingegen war für die Muslime uneinnehmbar. Auch Lutz Berger hält diesen Umstand für entscheidend. „Wenn es keinen Ort gibt, wo Sie noch reicher, noch mächtiger werden und Hilfe bekommen können, arrangieren Sie sich mit den derzeit Erfolgreichen.“ Die persischen Eliten hätten auch nicht geglaubt, dass die Eroberer lang bleiben würden, sagt er. „Sie schlossen Friedensverträge und dachten, die sind bald wieder weg.“

Sie irrten sich gewaltig: Die Muslime blieben. Doch die iranische Kultur genoss unter ihnen weiterhin höchstes Prestige, Iranertum galt als Inbegriff von Herrschertum und Vornehmheit. Die nichtarabische Herkunft war für einheimische Aristokraten sogar eher von Vorteil, wenn es um Macht, Geld und Ehre ging. So blühten die iranischen Traditionen weiter – und das Persische wurde neben dem Arabischen zu einer wichtigen Sprache des Islam.

ERSCHIENEN

„Die Entstehung des Islam“
erzählt und erklärt großartig die Entstehung des islamischen Weltreichs in der Zeit bis 750 n. Chr. Es ist im Beck-Verlag erschienen. Geb., 334 Seiten, 27,80 Euro.


zum Autor

Lutz Berger
ist Professor für Islamwissenschaft und Turkologie an der Universität Kiel. Er hat bereits viel zum vormodernen Islam und dem Islam der Gegenwart veröffentlicht.
Axel Schoen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2016)