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Jazz: „Den Menschen die Unsicherheit nehmen“

100 Konzerte in fünf Tagen. ''Ich erhöhe die Kapazitäten'', sagt Tina Heine.
100 Konzerte in fünf Tagen. ''Ich erhöhe die Kapazitäten'', sagt Tina Heine.(c) Jazz & the City, wildbild
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Tina Heine, Intendantin von Jazz & The City in Salzburg, freut sich: „Jazz ist wieder in aller Munde.“

Tina Heine, die sich als Intendantin des Elbjazz-Festivals einen Namen gemacht hat, stellt heuer ihr erstes Programm für Jazz & The City in Salzburg vor. Mit dem Kulturmagazin sprach sie über Frauenquote, Gratismentalität und europäische Lesarten des Jazz.

Wie haben Sie den Jazz überhaupt für sich entdeckt?

Tina Heine: Durch Papa. Er spielte traditionellen Jazz zwischen Dixieland, New Orleans und Swing rauf und runter und Mama sagte meist, mach das Gedudel aus. Sie war mehr für klassische Klavierkonzerte und für Popmusik à la Beatles und Rolling Stones. Mein Vater nahm mich schon mit zwölf, dreizehn Jahren auf Konzerte in Celle mit. Das fand ich natürlich super.

Haben Sie auch als Musikerin Erfahrung?

Nur wenig. Ich spielte Saxofon in der Schulband, hatte allerdings keine Geduld gut zu werden. Einmal durften wir Vorgruppe von Dizzy Gillespie sein. Nach dem Konzert hat er sich ans Klavier gesetzt und uns Harmonien gezeigt. Das ist ein ganz besondere Erinnerung für mich.

Sie engagierten sich sehr früh in einem nur mit Männern besetzten Jazzförderkreis. Warum?

Weil ich die Musik liebte, aber auch die Atmosphäre, die den Jazz umgibt. In jener Zeit kaufte ich mir meine ersten Platten. Darunter „Kind Of Blue“ von Miles Davis. Aber Platten zu kaufen war mir nicht genug. Also hab ich hinter den Kulissen von Konzerten gearbeitet, habe Karten abgerissen, Brote geschmiert ...

Jazz wurde seit den Sechzigerjahren oft für tot erklärt. Wie sehen Sie den Status?

Als ich vor neun Jahren begann über Elbjazz nachzudenken, fiel mir auf, dass unter der Wahrnehmungsschwelle der meisten Menschen musikalisch sehr viel passiert. Gerade der junge europäische Jazz fand zu lange in Locations statt, die nur von Spezialisten besucht werden. Da haben wir mit Elbjazz dagegengesteuert. Heute finde ich, ist Jazz wieder in aller Munde.

Wird Jazz heute von jungen Leuten für ein altes Publikum gespielt?

Ganz und gar nicht. Bei Elbjazz war das Durchschnittsalter zwischen 30 und 50. Um die 25 Prozent waren sogar unter 30 Jahren.

Wie haben Sie das geschafft?

Man muß den Jazz anders erzählen. Wir haben zum Beispiel die Spielorte fast gleichwertig wie die Künstler beschrieben. Wir haben damals den kommunikativen Fokus auf den Hafen und die Gastronomie gelegt. „Gute Zeit mit guten Leuten und guter Musik“ lautete unsere Devise. Damit lockten wir Menschen, die zum Teil gar nicht wussten, dass sie Jazz mögen.

Kann man heutzutage ein Jazzfestival nur machen, wenn man auch Blues, Soul und Weltmusik bucht?

Bei den Begrifflichkeiten bin ich sehr offen. Diese klaren Genregrenzen sind ohnehin eine Illusion. Musiker haben meist keine Lust sich diesbezüglich festzulegen. Schön ist, dass ich bei Jazz & The City keinen Headlinerdruck habe, wie in Hamburg, wo es passieren konnte, dass ich Caro Emerald buchen mußte, um gewisse Locations vollzubekommen. Stars haben es bei Elbjazz nicht gebracht. Es war die Summe der sinnlichen Reize, die da 15.000 bis 20.000 Menschen anlockte.

Hören Europäer den Jazz anders als die Amerikaner?

Ich denke schon. Schön ist, dass in Europa jede Nation den Jazz anders rezipiert. Die Niederlande verharren ziemlich im Fahrwasser der Amerikaner. Dazu kommen Einflüsse aus ihren ehemaligen Kolonien. Die Deutschen sind sowieso eher akademisch, während die Skandinaviern schon von klein an das Spielen nach Gehör erlernen. Sie sind später viel mutiger. Ich besuche Festivals in ganz Europa. An jedem Ort liegt der Fokus auf etwas anderem. In Madrid auf wehen Melodien, in Oslo auf harschen Saxofonsoli und in Deutschland auf Free Jazz.

Gerhard Eder, der verstorbene Impresario von Jazz & The City hat es glänzend verstanden, Kunstanspruch und Kulinarik zusammenzubringen. Wie sieht es bei Ihnen bezüglich musikalischen Experimenten aus?

Ich habe mal eine Produktion mit Matthew Herbert fürs Hamburger Thalia-Theater gemacht, bei der er mich sehr beeindruckt hat. Trotz gelungener Proben am Vortag, schrieb in der Nacht noch einmal alles um. Er meinte, das Publikum verdiene mehr als Routine. Wo, wenn nicht auf den Bühnen, können wir ausprobieren? Mir geht es auch darum, Konzerte anzubieten, wo man nicht schon im Vorhinein weiß, wie es aufgeht.

Zu Ihren Neuerungen zählt, dass Sie mit dem Zählkartensystem aufhören. Warum und wie soll das funktionieren?

Ich erhöhe die Kapazitäten. Es findet mehr parallel statt. Mir geht es sehr um den Aspekt, dass sich die Besucher treiben lassen können. Ab heuer muß niemand mehr schon 14 Tage vorher wissen, welche Konzerte er bei Jazz & The City besucht. Wie in Hamburg geht es mir in Salzburg darum, dem Jazz neue Hörer zu gewinnen.

Offenbar auch außerhalb der Landesgrenzen. Sie haben einen Jazz & The City-Pressetermin in München angesetzt ...

Für meinen Geschmack kennen viel zu wenig Menschen Jazz & The City außerhalb Österreichs. Da ist noch was drin. So ein Festival ist doch ein toller Anlaß für eine kleine Reise außerhalb der Saison. Die Stadt über die Musik und die Musik über die Stadt kennenzulernen, das halte ich für eine wichtige Wechselwirkung.

Das heurige Programm in Salzburg bietet viele Frauen. War das ein bewusster Akt?

Ja, weil mir Inga Horny vom Altstadt-Verband sagte, dass ihr das wichtig ist. Aber Quote will ich keine buchen. Tendenziell habe ich in den letzten Jahren ja eher männlich programmiert, weil ich über diese Frauen-Männer-Problematik gar nicht nachdenke.

Bei Jazz & The City zahlt der Besucher nichts. Schadet das nicht der Musik in Zeiten grassierender Gratismentalität?

Das ist nicht leicht zu sagen. Es bleibt natürlich ein wenig ambivalent. Natürlich hat man Diskussionen mit Veranstaltern, die das ganze Jahr über anbieten. Die Idee für Jazz & The City ist, es möglichst schrankenlos zu halten. Auch als Gegenentwurf zu teuren Veranstaltungen, die sich immer weniger Leute leisten können. In Salzburg können selbst die Obdachlosen in der ersten Reihe sitzen.

Jazz & The City

19.-23. Oktober 2016

u.a. Rolf Kühn, Mario Rom´s Interzone, Yvonne Male, Torun Eriksen, Malia, Cory Henry & The Funk Apostels, Das Kapital, Bill Frisell, Uri Caine Trio, David Helbock,

Gesamtprogramm: www.salzburgjazz.com

("Die Presse" Kulturmagazin, 21.10.2016)