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Ein Puzzlespiel mit historischen Tierknochen

NETHERLANDS PALEONTOLOGY DODO
(c) EPA (Museum Naturalis / Handout)
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Archäologie.Zu welchem Tier gehört der Knochenteil? Der Archäozoologe Alfred Galik erkennt das an feinen Details. Er hat in seiner wissenschaftlichen Arbeit auch schon Überreste von Löwen, Stachelschweinen und einem Kamel untersucht.

Alfred Galik bekommt immer wieder ungewöhnliche Post. Das Paket, das vor ihm auf dem Tisch liegt, stammt aus dem deutschen Hornstaad-Hörnle und ist in etwa so groß wie eine Schuhschachtel. Unter dem Pappdeckel finden sich Hunderte Proben kleiner Fischknochen, fein säuberlich gesiebt und geschlämmt, also von Pflanzenresten und anderem getrennt. Jede einzelne wurde händisch nummeriert und in Plastikkästchen verpackt. Archäologen, die in dem am Bodensee gelegenen Ort eine jungsteinzeitliche Seeufersiedlung ausgraben, haben sie geschickt und wollen Rat. Denn der promovierte Paläontologe gehört zu den europaweit raren Kennern von Tierknochen, die ganz unterschiedliche Klassen von Lebewesen an ihren Überresten erkennen.

 

Dokumente des Wandels

Galik bestimmt Muscheln, Schnecken, Reptilien, Vögel, Fische und auch Säugetiere. Die Knochenteile der Tiere verraten nicht nur, wie sich die Menschen einst ernährten; sie zeigen auch, wie die Tiere früher gehalten wurden oder wo der wirtschaftliche Schwerpunkt einer Region lag: etwa auf Milch-, Woll- oder Fleischwirtschaft. Oder wie sich die ökologischen Bedingungen über die Jahrhunderte veränderten.

Es scheint, als gebe es kaum einen Knochen, den Galik in seiner Forschungstätigkeit der vergangenen siebzehn Jahre nicht schon in Händen gehalten hat. Römische und griechische Fundstellen sind ihm genauso vertraut wie solche aus dem Mittelalter. Er forscht in Österreich genauso wie in Italien oder Griechenland und zuletzt vermehrt in der Westtürkei: Denn Ephesos ist ein Schwerpunkt des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI), an dem er seit dem Frühjahr im Rahmen eines neuen bioarchäologischen Schwerpunkts tätig ist. Und das seit Jahresbeginn Teil der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist.

In jedem Plastikkästchen liegen mehrere Knochenteile. Galik untersucht sie morphologisch, ihn interessieren ihre Struktur und Form. Mit Blick auf ein circa vier Zentimeter langes Knochenstück meint er, dass es sich dabei wohl um den rechten Unterkieferknochen eines Hechts handeln dürfte. Vermisst man den Knochen genauer, ließe sich auch auf die Größe des Tieres zurückschließen. „Aber so einen Meter dürfte dieses schon lang gewesen sein“, schätzt er und legt die Probe zurück zu einem Frontalknochen und zwei weiteren Wirbeln eines Hechts. Ob es derselbe ist, muss er noch klären.

Fische sind jedenfalls eines von Galiks Spezialgebieten. Sie finden sich auch in großen Schachteln hinter ihm, die wie Umzugskartons wirken. Das mag zunächst plausibel erscheinen, schließlich ist der Forscher erst vor wenigen Monaten von der Veterinärmedizinischen Universität in Wien hierher übersiedelt. Tatsächlich aber bilden die Schachteln – gleich einem Karteikasten – ein Ordnungssystem für die Fischüberreste. Sie lagern auf den Regalen, geordnet nach Art und Gattung, Süß- und Salzwasserfischen.

 

Ein Fisch, Hunderte Knochen

Galik selbst fischte schon als Kind gern, gab es später auf – und begann wieder, als er Vergleichsmaterial für seine Forschung brauchte. Denn seine Knochensammlung wirkt wie ein Lexikon: Ist ein Fund nicht klar einordenbar, holt er sie hervor. Und kann so etwa auch auf Länge, Gewicht und Alter zurückschließen. „Ein Fisch hat, je nach Art, mehrere Hundert Knochen“, sagt er. Die kleinsten Knochen, die der Forscher untersucht hat, waren einen halben bis einen Millimeter große Fischknochen. Die größten waren der Oberschenkelknochen eines Mammuts und der Wirbel eines Wals: Bei Letzterem habe er mit beiden Händen ordentlich zupacken müssen, um ihn überhaupt aufheben zu können, erzählt Galik.

Auf dem Tisch steht eine weitere Schachtel mit Knochenteilen. Anhand der Knochenschichten und des dazwischenliegenden Knochenmaterials sei klar, dass es sich um das Schulterblatt eines Rindes handeln müsse, sagt er und legt die Probe zurück zum Schulterblatt eines Schweins und zwei Rinderzehenknochen.

Meist war er in seiner Forschung sein eigener Lehrer. Ordnete stundenlang Knochenteile Tieren zu. Das sei ein bisschen wie Vokabellernen, nur, dass man auch die Körperregion bestimmen müsse, erzählt er. So ergibt sich – wie bei einem Puzzle – nach und nach ein Bild vom Leben und Sterben eines Tieres. Eine fast detektivische Aufgabe also? Durchaus, genau das mache einem neugierigen Menschen auch Spaß, sagt er. Weil man fast immer nur Fragmente finde, sei ein Abgleich mit digitalen Datenbanken mit 3-D-Scans jedenfalls schwierig.

Manchmal traut der Forscher aber auch seinen geschulten Augen fast nicht: Etwa als er im Tullner Feld zu einem Skelettfund gerufen wurde, der größer war als ein Pferd, und sowohl Merkmale eines Trampeltiers als auch eines Dromedars aufwies. Die genetische Untersuchung der Überreste bestätigte schließlich im Frühjahr 2015 Galiks Vermutung: Es handelte sich um ein Hybrid – die Mutter war ein Dromedar, der Vater ein Trampeltier. Die Erkenntnisse veröffentlichte er im Fachjournal „Plos One“, allerdings am ersten April. Daher dachte mancher auch an einen Aprilscherz, schließlich wurde die Entdeckung der Forschergruppe aber international als Sensation gefeiert.

Tatsächlich waren Kamele – neben Pferden – im Osmanischen Heer wichtige Reit- und Transporttiere. Das Tier könnte aus einem Tauschhandel stammen und daher in der Region verblieben sein, vermutet der Forscher. Ähnlich könnten sich auch die Funde eines einst für die Gegend völlig untypischen Araberpferdes und eines Windhundes erklären lassen. Offiziere und Ritter erhielten hier nach überlebter Legionszeit ihr Ausgedinge und könnten exotische Andenken aus ihrer aktiven Zeit mitgebracht haben.

Nicht schlecht staunte er auch, als er im Theater von Ephesos vor den Resten junger Stachelschweine und denen einer Hyäne stand. „Die Tiere dürften in den Kammern und Kanälen vor Ort gelebt haben“, erklärt Galik. Auch Löwen und Leoparden hat er schon untersucht.

 

Wie Menschen lebten und aßen

Für die Forschung sei aber oft spektakulär, was mitunter nach außen gar nicht so wirke: etwa die Untersuchung der Langzeitveränderungen in den Fischgemeinschaften entlang der österreichischen und ungarischen Donau. So lasse sich etwa das finale Verschwinden der Störe ab dem ersten Kraftwerksbau am Eisernen Tor und die Überfischung in der Donau dokumentieren. Als Nächstes will Galik untersuchen, wie sich Tiere und Ökologie in Ephesos über große Zeiträume veränderten. Auch diese Erkenntnisse sollen zeigen, wie die Menschen hier einst lebten. Und was sie aßen.

LEXIKON

Archäozoologie ist die Wissenschaft, die sich mit tierischen Überresten aus archäologischen Ausgrabungen befasst. Knochenteile, Fischschuppen, Eierschalen oder Muscheln usw. erlauben Rückschlüsse auf das Leben in früheren Epochen. Wovon ernährten sich die Menschen? Wie hielten sie ihre Tiere? Aber auch: Wie veränderten sich die verschiedenen Tierarten mit der Zeit? Viele Funde stammen aus Haushalts- oder Schlachtabfällen, manche von Tieren, die in Fallen gerieten oder auch von solchen, die eines natürlichen Todes starben. Teilweise wurden Tiere auch bei der Bestattung historischer Persönlichkeiten mit beerdigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2016)