Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

US-Wahl 2016: Eine Kampagne, die zum brutalen Porno wurde

Häme und Spott über den Wahlkampf in den USA sind mehr als unangebracht. Aber er ist auch ein guter Anlass zur Reflexion und Analyse unserer eigenen Lage.

Heute geht der niveauloseste, brutalste und schamloseste Wahlkampf in der Geschichte der USA endlich zu Ende. Von Anfang an standen so staatstragende Themen wie die vermeintliche Penislänge von Donald Trump oder seine Lust, Frauen zu begrapschen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. „Sex, Lies and Videotape“ – wie gut passt da doch Steven Soderberghs Filmtitel aus dem Jahr 1989! Am Ende weiß man nicht einmal genau, für welche Wirtschafts-, Außen- oder Gesellschaftspolitik eigentlich Hillary Clinton oder Donald Trump stehen. Es ist erschütternd!

Doch wie sehr wird auch hierzulande in der Politik gelogen, dass sich die Balken biegen? Inzwischen hat sich in den USA zumindest eine eigene, raffinierte Technologie dagegen entwickelt: So konnte man während der TV-Konfrontationen zwischen Clinton und Trump auf einem Live-Stream einen laufenden Faktencheck der Aussagen der Kandidaten mitverfolgen. Genial und verheerend vor allem für Trump, der ja diesbezüglich überhaupt keinen Genierer zeigte.

Tatsächlich hilft alle Empörung nichts. Ebenso wenig wie das Nachtrauern früherer Zeiten, als Wahlkämpfe noch von gegenseitigem Respekt, Anstand und einem sauberen Streit um inhaltliche Positionen geprägt waren – angeblich, jedenfalls. Wie auch immer: Die Emotionalisierung, Sexualisierung, Enthemmung, die Unsachlichkeit und persönliche Verunglimpfung im Wahlkampf haben sich bewährt. Es ist wie bei einem Porno: Alle schreien „Igitt, igitt“ und erregen sich insgeheim daran. (Übrigens machen Porno-Seiten zirka 30 Prozent des weltweiten Internetverkehrs aus; angeführt wird die Liste angeblich von den Deutschen.)

Jedenfalls führt dieses Agieren zu einer regressiven Dynamik in der Gesellschaft. Statt eines ruhigen und sachlichen Wettstreits dominieren die Emotionen – zusätzlich befeuert durch die unreflektierten, polarisierenden und von herkömmlichen ethischen Normen befreiten Postings in den sozialen Medienkanälen. Die Wahl gewinnt die- oder derjenige, die/der es schafft, die meisten Menschen davon abzubringen, den anderen Kandidaten zu wählen und womöglich überhaupt von der Wahlurne fernzubleiben. Diese Technik wird die heutige Wahl in den USA mehr entscheiden als alle anderen Themen.

Auch in Österreich entwickeln sich Wahlkämpfe zunehmend in diese Richtung. Wir werden lernen müssen, damit zu leben. Ohne ständige und unmittelbare Präsenz in den diversen sozialen Medien geht heute gar nichts mehr.

Die „zornigen weißen Männer“ dominieren diese US-Wahl und werden auch uns in Europa noch viel beschäftigen. Es sind jene zunehmend perspektivenlosen und daher frustriert-aggressiven Menschen, für die Antworten gefunden werden müssen. Dieses Mal hat Donald Trump es geschafft, sie abzuholen. Er sprach aus, was sie denken – noch dazu in genau ihrem Tonfall und mit der dazugehörigen Emotionalität. Und Trump scherte sich keinen Deut um die Political Correctness. Seine Wähler werden es ihm danken und seine Fans bleiben, auch wenn er nicht Präsident werden wird.

Auch in Österreich wird den Sozialdemokraten wie auch Konservativen und Liberalen noch etwas zu diesem immer größer werdenden Wählersegment einfallen müssen.

Letztlich geht es bei dieser US-Wahl sicher nicht um einen Kampf der Geschlechter. Hillary Clinton wird zur Präsidentin gewählt oder wird es nicht, nicht weil oder obwohl sie eine Frau ist. In diesem Punkt muss ich Sybille Hamann widersprechen (siehe ihr „Quergeschrieben“ vom 2. 11.). Es gibt viele gute Gründe, Hillary Clinton nicht wählen zu wollen. Diese mögen lächerlich geringfügig sein gegenüber all dem, was gegen Donald Trump spricht. Aber es ist legitim, ihrer Person, ihrem Umfeld und den politischen Zielen der Demokraten zu misstrauen. Gewinnt Clinton die Wahl, dann, obwohl sie keine gute Kandidatin war.

Und möge sie als Präsidentin dann endlich aus ihren Fehlern lernen. . .

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Mag. Martin Engelberg ist Psychoanalytiker, geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group, Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien und Herausgeber des jüdischen Magazins „NU“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2016)