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Wut ist keine Antwort Sie ist erst der Anfang von Politik

Der aktuelle Kinofilm „Kinders“ zeigt, wie Ausgegrenzte und Machtlose ihre Stimme finden. Sind auch Sie wütend auf die Verhältnisse? Dann schauen Sie sich das an!

Okay, jetzt sind also alle wütend. Die amerikanische Arbeiterklasse fühlt sich vom Establishment im Stich gelassen und ist wütend auf die Globalisierung. Die Landbevölkerung fühlt sich unverstanden und ist wütend auf die arroganten Schnösel in den Städten, die allen ihren perversen Lebensstil aufdrängen wollen; Männer fühlen sich durch den Feminismus zurückgesetzt, wissen nicht, wohin mit ihren Gefühlen, und sind wütend auf die Frauen; Weiße, die die Konkurrenz im Nacken spüren, sind wütend auf Nichtweiße; jene, die vor vier Generationen eingewandert sind, sind wütend auf jene Zuwanderer, die erst in erster Generation da sind.

Und nachdem der Schock zu sickern begonnen hat, werden natürlich auch die anderen wütend. Die fortschrittlichen Amerikaner auf die bornierten Provinzler, die ihr weltoffenes Multikulti-Amerika zerstören wollen, die Minderheiten auf die Mehrheit, von der sie sich über Nacht plötzlich wieder an den Rand gedrängt fühlen. Die Liberalen in Europa sind wütend auf die internationale Phalanx der autoritären Rechten und kriegen Angst, die hart erkämpften bürgerlichen Freiheiten wieder zu verlieren. Sogar die „Presse“-Kolumnistenkollegin Bettina Steiner, meist die Gelassenheit in Person, ist wütend: eine „zornige weiße Frau“.

Es ist, in beiden Fällen, jene Art Wut, die schreit: „Ich werde nicht gehört!“ „Man hat auf mich, meine Sorgen, meine Bedürfnisse, meine Ängste vergessen!“ „Ich habe keine Stimme! Und sehe, außer mich ,auf den Boden zu schmeißen und mit den Beinen zu strampeln‘“, wie Steiner das treffend beschreibt, „keine Chance, mir Aufmerksamkeit zu verschaffen.“

All den Wütenden in Österreich, die zwischendurch ein paar Stunden Zeit haben, sei ein Kinobesuch ans Herz gelegt. „Kinders“ heißt der großartige neue Film der Regiebrüder Arash und Arman Riahi, und auch er beginnt mit der Wut der Nichtgehörten. Die neunjährige Ariuana sitzt zu Beginn des Films auf einer Wiese, die Hände zu Fäusten geballt, die Augen zusammengekniffen, und sagt: „Sozusagen – mein Hauptgefühl ist Wut. Wut, Wut, Wut!“ Auch Ariuana hat Ängste und Sorgen, die kein Ventil finden. Sie hat ihren Vater verloren, aber sie kann mit niemandem darüber reden. Sie fühlt sich unverstanden, in ihrer Klasse nicht zugehörig, ausgegrenzt, weiß nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Alles geht ihr auf die Nerven, in der Familie, im Sommercamp, sie hat das dringende Bedürfnis, sich zu rächen, und manchmal schlägt sie dann zu.

„Kinders“ ist jedoch kein Film über jugendliche Amokläufer, wie man jetzt vermuten könnte, sondern ein Film über das Singen. Der Film begleitet Ariuana und einige Dutzend Gleichaltrige dabei, wie sie langsam ihre Stimme finden. Es sind Kinder, die vom Schicksal schwere Rucksäcke umgeschnallt bekommen haben, die am Rand der Gesellschaft aufgewachsen sind, bildungsfern, mit strauchelnden, überforderten Eltern. Häufig haben sie Gewalterfahrungen gemacht. Sie wohnen in überbelegten Substandardwohnungen oder in Krisen-WGs, sie besuchen Brennpunktschulen, wurden von der Gesellschaft als „Problemkinder“ abgestempelt – und kaum jemand hätte ihnen in der Erfolgsgesellschaft je eine Chance gegeben.

Beim Chorsingen jedoch erfahren sie, was in ihnen steckt. Sie probieren aus, wie ihre Stimme klingt, zaghaft zuerst, aber immer selbstbewusster. Sie lernen Atmung und Konzentration auf das Wesentliche, kriegen ein Gefühl für Rhythmus, den eigenen Körper, die eigene Wirkung.

Außenseiter finden ihren Platz in der Gruppe, einige der Schüchternsten trauen sich plötzlich ein Solo zu. Am Ende stehen die Kinder auf den schönsten Konzertbühnen der Stadt, spüren, wie das Publikum zu ihnen aufschaut, und wissen: Wir können etwas, was für andere Bedeutung hat. Man hört uns zu.

Wer „Kinders“ gesehen hat, ahnt: Wut ist ein starkes Gefühl, aber es ist noch keine letztgültige Antwort. Politisch gesehen ist Wut erst der Anfang. Was wir daraus machen, liegt ganz an uns.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

Vergangene Woche wurde sie für ihren im „Falter“ erschienenen Text „Elf Monate mit Fatima“ mit dem
Prälat-Ungar-
Journalistenpreis
ausgezeichnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2016)