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Wie wählt Österreich?

Hofer oder Van der Bellen? Die "Presse am Sonntag" hat dieses Mal ausnahmsweise zwei Coverseiten, auf einer Hälfte der Ausgaben finden Sie Richard Hödl auf der ersten Seite, auf den anderen Ingeborg Suppin-Fabisch. Welche Seite wählen Sie?
Hofer oder Van der Bellen? Die "Presse am Sonntag" hat dieses Mal ausnahmsweise zwei Coverseiten, auf einer Hälfte der Ausgaben finden Sie Richard Hödl auf der ersten Seite, auf den anderen Ingeborg Suppin-Fabisch. Welche Seite wählen Sie?Die Presse (Clemens Fabry)
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Das Land ist vor der Bundespräsidentenstichwahl gespalten wie nie. Sind es wirklich nur die Enttäuschten gegen die Eliten, die Wütenden gegen das Establishment? Wir haben uns auf einer Tour durch Österreich umgehört.

Hier sitzen wir also in der Blase in Wien. Die „Lügenpresse“, die Politiker, die Meinungsforscher, die alle nicht mehr wissen, was draußen los ist. Man bestärkt sich gegenseitig auf Twitter in seiner Meinung, glaubt, die Wähler schon zu verstehen, wenn man in der U-Bahn zufälligerweise ein Gespräch über Politik belauscht hat und fällt dann aus allen Wolken, wenn Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wird oder Norbert Hofer den ersten Wahlgang deutlich gewinnt. Man müsse aufhören mit dem Elitendialog, riet Deutschlands SPD-Chef Sigmar Gabriel diese Woche bei einem Treffen mit SPÖ-Chef Christian Kern. Die beiden sprachen über die Zukunft der Sozialdemokratie und müssen eigentlich befürchten, dass ihre Parteien diese Zukunft schon hinter sich haben. Die einstigen Arbeiterparteien verlieren seit Jahren massenweise Wähler an die Parteien am rechten Rand – nicht in erster Linie, weil diese einfache Lösungen anbieten, sondern weil sie als einzige die Sorgen vieler Menschen artikulieren und ihnen damit das Gefühl geben, ihre Ängste ernst zu nehmen.

Vor dem Wahlgang zeigt sich Österreich gespalten wie selten. Die zwei Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten könnten politisch nicht weiter auseinander sein: Hier Norbert Hofer, der als Chefideologe das Parteiprogramm der FPÖ 2011 erstellte. Da Alexander Van der Bellen, offiziell unabhängig, aber viele Jahre Parteichef der Grünen. Dazwischen ist wenig Platz. In der Theorie kennt man die 49,7 Prozent, die bei der aufgehobenen Stichwahl am 22. Mai Hofer, und die 50,3 Prozent, die Van der Bellen ihre Stimme gegeben haben: Der FPÖ-Kandidat wurde vor allem von Arbeitern gewählt, von Personen mit einem Lehr- oder einem Pflichtschulabschluss. Frauen und Personen mit Matura oder Universitätsabschluss stimmten dagegen mehrheitlich für Van der Bellen. Die Medien brechen es herab auf den Kampf der Enttäuschten gegen die Eliten, der Wütenden gegen das Establishment.

Diffuse Ängste

Aber wer sind die Menschen hinter den Statistiken, den Zahlen und den Stereotypen? Wir haben uns auf die Suche nach den Wählern gemacht, die am Sonntag über den nächsten Bundespräsidenten entscheiden, und haben eine tiefe Spaltung nicht nur zwischen Stadt und Land erlebt, sondern sogar innerhalb von Gemeinden. Das bestimmende Thema sind die Flüchtlinge, die diffusen Ängste vor einer Zukunft, in der alles schlechter ist, und eine generelle Unzufriedenheit vor allem mit „denen da oben“.

Wiens sechster, siebenter und achter Bezirk sind Stammgebiet von Van der Bellen: Nirgendwo sonst in Österreich – abgesehen von seiner Tiroler Heimatgemeinde Kaunertal – haben so viele Menschen den ehemaligen Grünenchef gewählt, zwischen 78 und 80 Prozent. Früher waren diese Bezirke fest in der Hand der ÖVP. Doch die neuen Konservativen in Jeans wählen die Grünen oder die Neos. Hofer kann nur auf jene ÖVP-Stammwähler hoffen, für die es eine Doktrin ist, nicht grün zu wählen.

„Natürlich Van der Bellen“, erklärt einer im Traditionscafé Hummel in Wiens achtem Bezirk auf die Frage, wen er wählen werde. Erklären will er das nicht, weil „ich mich mit Hofer gar nicht auseinandersetzen will“. Ingeborg Suppin-Fabisch ist offener. Sie unterstützt Van der Bellen nicht nur, weil sie ihn für einen „authentischen, humanistischen und geradlinigen Kandidaten der Mitte“ hält, sondern auch als ein Zeichen „gegen die Angstmacherei, mit der der Freiheitliche arbeitet“. Gerade in diesen schwierigen Zeiten benötige das Land an der Spitze jemanden, „der seinen Intellekt einsetzt und nicht jemanden, der mit Bauchgefühl arbeitet“.

Ingeborg Suppin-Fabisch wählt den ehemaligen Grünen-Chef
Ingeborg Suppin-Fabisch wählt den ehemaligen Grünen-ChefDie Presse (Clemens Fabry)

Die 46-Jährige ist ein Musterbeispiel für eine Grünwählerin: Akademikerin, guter Job, Wohnung in Wien-Josefstadt, verheiratet, zwei Kinder. Ein zuversichtlicher, optimistischer Mensch. Fragt man sie nach Zukunftsängsten, antwortet sie mit dem Klima. Probleme mit Ausländern hat sie noch nie gehabt. Im vergangenen Sommer war sie zwar nicht am Westbahnhof, um die Züge voll mit Flüchtlingen zu begrüßen, aber nur deshalb, weil sie schlicht keine Zeit hatte. „Der Wahlkampf der FPÖ ist weit weg von der Realität“, meint Suppin-Fabisch. „Wien ist eine der lebenswertesten Städte der Welt, Österreich eines der sichersten Länder. Jetzt verunsichert man die Menschen und kreiert Ängste, für die es keinen rationalen Hintergrund gibt, nur um ihre Stimme zu bekommen.“

Ob sie die Menschen verstehe, die diese Ängste als ihre eigenen identifizieren? Suppin-Fabisch zögert. Ja, sie verstehe, wenn sich manche überfahren fühlten von den vielen Flüchtlingen. Aber hier sei die Politik gefordert, die für Integration sorgen müsse. „Ausländer können eine enorme Bereicherung sein, wenn sie integriert sind und die Sprache beherrschen. Man lebt miteinander und lernt voneinander, da ist es völlig egal, ob in einem Bezirk 20 oder 50 Prozent nicht österreichische Staatsbürger leben.“

„Natürlich Hofer“

Setzt man sich am Bennoplatz in Wien-Josefstadt ins Auto und fährt nur etwa eine halbe Stunde Richtung Westen nach Niederösterreich, steigt man politisch in einer anderen Welt aus. Kirchbach ist eine kleine Katastralgemeinde von Sankt Andrä-Wördern. Es gibt drei Gasthäuser und einen recht geselligen Stammtisch, der sich oft samstags im Sommer trifft und je nach Zusammensetzung als Böser- oder Netter-Buben-Tisch firmiert. So oder so, etwas ist er jedenfalls nie: ein Unterstützungsverein der Grünen oder von Alexander Van der Bellen. „Natürlich Hofer“, erklärt einer auf die Frage, wen er wählen werde. Und ähnlich wie der Van-der-Bellen-Wähler im Café Hummel will er sich mit dem Gegenkandidaten nicht einmal auseinandersetzen.
 
„Lieber tot als rot“ wird hier auf „Lieber hin als grün“ abgewandelt. Auch wenn die Gemeinde mehrheitlich an Van der Bellen ging (57 zu 43 Prozent bei der Stichwahl), im Sprengel Kirchberg stimmte man für Hofer (53 zu 47 Prozent). Auch hier machen wir die Erfahrung, dass sich kaum jemand öffentlich zu Hofer bekennen will. Wir finden Richard Hödl, der bereit ist, mit Namen in der Zeitung zu stehen, obwohl ihn die Mama gewarnt hat: „,Dein ganzes G'schäft machst dir kaputt', hat sie g'sagt“, erzählt Hödl, und meint: „Schon interessant, oder, wenn man in einer Demokratie überlegen muss, ob man sagen kann, wen man wählt.“
Richard Hödl wählt den freiheitlichen Kandidaten.
Richard Hödl wählt den freiheitlichen Kandidaten.Die Presse (Clemens Fabry)

Er wählt auf jeden Fall Norbert Hofer. So wie er seit 1986 auf Bundesebene die FPÖ wählt („In der Gemeinde und im Land wähle ich schwarz“), „auch wenn manche einen deshalb als rechtsradikal bezeichnen“. Nein, rechtsradikal ist der selbstständige Auto- und Oldtimermechaniker sicher nicht. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, politisch interessiert, in seinem Haus stapeln sich Bücher von Peter Scholl-Latour, er hat eineinhalb Jahre auf Sri Lanka, Bali und Java gelebt („Ich war auch schon Ausländer“, sagt Hödl), und er schaut sich im Fernsehen so viele politischen Sendungen an, dass es manchmal seiner Freundin zu viel wird.

Schwierige Zeiten

Warum also Hofer? „Wir brauchen einen Bundespräsidenten, der die Regierung beaufsichtigt und kontrolliert.“ Und das mache Van der Bellen nicht, „weil er Teil von ihnen ist“. Außerdem spreche der Freiheitliche mit seinen Themen „uns“ an. Mit „uns“ meint der 49-Jährige die kleinen Selbstständigen, die Mittelschicht und die Arbeiter. „Ich sehe es ja bei meinen Kunden: Die Menschen haben kein Geld mehr. Früher hat man sich ein umfassendes Service beim Auto geleistet, jetzt lässt man nur noch das Notwendigste reparieren.“ Van der Bellen sei weit weg von diesen Problemen. Ob er glaube, dass Hofer als Dritter Nationalratspräsident näher an diesen Sorgen dran sei? Hödl: „Ihm nehme ich zumindest ab, dass er sie versteht.“

Es ist kurz ruhig in der Werkstatt. Hödl schaut, wartet, dann sagt er: „Jetzt reden wir über die Ausländer.“ Natürlich sei es problematisch, wenn so viele unkontrolliert ins Land kämen. „Wenn jemand verfolgt wird und in Not ist, soll er kommen. Aber einfach durchwinken . . .“ Er lässt den Satz unvollendet. „Und dann zahlt man ihnen auch noch alles, ohne dass sie etwas arbeiten müssen. Den Ausländern geht es finanziell ja besser als vielen Inländern.“ Pause. „Die da oben haben kein Problem damit, wir hier unten schon.“

Wir hier unten, die da oben

Die Unterscheidung hört man ein paar Autostunden entfernt oft. Im österreichischen Rust-Belt, der Obersteiermark, der zwar nicht ganz so rostig ist wie jener in den USA von Michigan über Ohio nach Pennsylvania. Aber man ist auch hier weit weg von den Glanzzeiten der Stahlindustrie, als alle gute und sichere Jobs hatten. Dann baute die Industrie ab und damit begann die Verunsicherung. In Mürzzuschlag lebten 1971 noch mehr als 12.000 Menschen, heute sind es knapp 8700. Die Entwicklung sieht man an den leer stehenden Geschäften in der Wiener Straße und den unvermieteten Wohnungen in den einstigen Arbeitersiedlungen. Vom Wandel vom Stahl- zum Rostgürtel und der Kampfansage an das undefinierte Establishment profitierte in den USA Donald Trump, hier die FPÖ.

Beim Schichtwechsel vor dem Böhler-Edelstahlwerk in Kapfenberg hört man viele Gründe, warum man Hofer unterstützt: In erster Linie sind es die Ausländer, die einem den Job wegnehmen würden und kriminell seien. Man fühlt sich vernachlässigt, die Probleme der Arbeiter würden niemanden interessieren, die Regierung streite nur und bringe nichts weiter. In Kapfenberg, diesen Eindruck bekommt man, geht es nicht um die Wahl zwischen zwei Personen, sondern um eine Abstimmung über den Ist-Zustand der Politik. Wer sich am glaubwürdigsten von ihr distanzieren kann, gewinnt.

Es gibt kein Ausländerproblem

„Angst machen mit frei erfundenen Geschichten kann die FPÖ einfach am besten“, meint Wolfgang Kuhelnik, Geschäftsführer der Bezirks-SPÖ Bruck-Mürzzuschlag. Gegen das Bauchgefühl komme man mit rationalen Argumenten nur schwer an. „In unserer Gegend gibt es sicher kein Ausländerproblem, weil es gar nicht so viele Ausländer gibt.“ Aber aus Gerüchten und Stimmungen werden schnell Fakten und daraus Wahlergebnisse.

Sein freiheitliches Gegenüber, Hannes Amesbauer, lässt das nicht gelten. Das Problem der Sozialdemokratie sei, dass sie den Bezug zu den Menschen verloren habe. „Wir machen Bürgerstammtische, stehen beim Schichtwechsel vor den Werken, wir hören zu.“ Bei der FPÖ fühlten sich die Menschen ernst genommen und mit ihren Ängsten akzeptiert. „Woanders beschimpft man sie dafür.“ Diese Arroganz räche sich jetzt.

Einer ist Tiroler, der andere Burgenländer

Es gibt am Sonntag auch andere Wahlmotive. Hoch oben über dem Tiroler Lechtal, auf 1300 Meter Seehöhe, liegt Pfafflar. Eine kleine Gemeinde, die langsam ausstirbt. 2014 wurde die Volksschule geschlossen, zuletzt hatte sie noch vier Schüler. Es sind vor allem ältere Menschen, die noch hier leben, die Jungen ziehen hinunter ins Tal. Bei der Stichwahl fuhr Alexander Van der Bellen hier sein drittbestes Ergebnis ein.
 
79,1 Prozent stimmten für ihn. In Zahlen: 34 Einwohner wählten den Ex-Grünenchef, neun Norbert Hofer. Es sei, mutmaßt Bürgermeister Bernd Huber, wohl daran gelegen, dass viele ÖVP-Wähler nicht zur Wahl gingen (die Partei kam bei der Nationalratswahl 2013 auf 72 Prozent) und vielleicht ein, zwei Familien an jenem Sonntag im Mai nicht da waren. Im Gasthaus „Zur Gemütlichkeit“ hat man eine andere Erklärung für den Wahlausgang. „Ein Kandidat ist Tiroler, der andere Burgenländer“, erklärt ein Einheimischer. „Was glaubst, wen wir wählen!“

Fakten

50,3 Prozent wählten bei der aufgehobenen Stichwahl für das Amt des Bundespräsidenten am 22. Mai den ehemaligen Grünenchef, Alexander Van der Bellen. Der freiheitliche Kandidat, Norbert Hofer, kam auf 49,7 Prozent.

Nach Ländern aufgeteilt gewann Hofer in Niederösterreich, der Steiermark, im Burgenland, in Salzburg und in Kärnten. Van der Bellen erreichte die Mehrheit in Wien, Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2016)