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Wien-Analyse: SPÖ verhalf Van der Bellen zum Sieg

(c) APA/HELMUT FOHRINGER
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Van der Bellen konnte in mehr als drei Vierteln aller Sprengel zulegen – das hat er vor allem der SPÖ zu verdanken, die für ihn gekämpft hat. Häupl half auch aus Eigennutz nach.

Wien. Mit Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen fuhr die Wiener SPÖ am Sonntag einen fulminanten Wahlsieg ein. Er holte in Wien laut Endergebnis inklusive Briefwahlstimmen 65,7 Prozent oder 533.697 Stimmen – drei Viertel der Briefwähler stimmten für Van der Bellen. Norbert Hofer dagegen kam auf 278.894 Stimmen (34,3 Prozent). Insgesamt stieg die Wahlbeteiligung in Wien durch die Briefwähler auf 71,8 Prozent.

Dass Van der Bellen im Vergleich zum Mai in mehr als drei Vierteln aller Sprengel zulegen konnte, das hat er neben den Grünen nämlich vor allem deren großem Koalitionspartner zu verdanken. Die Wiener SPÖ tat deutlich mehr, als nur eine Wahlempfehlung auszusprechen: Wochenlang sah man Wahlkämpfer der SPÖ für Van der Bellen werben, Material verteilen und Gespräche führen. Die SPÖ stellte Plakatständer zur Verfügung, und schlussendlich hielt Bürgermeister Michael Häupl eine Brandrede bei Van der Bellens Wahlkampfabschlussfeier. Er bezeichnete Hofer als „eine Art von Mensch gewordenes Hassposting“, das sich nicht mehr hinter einer grinsenden Maske verstecken kann.

(c) Quelle: BMI, Stadt Wien / Grafik: Die Presse

Das Versagen der FPÖ in Wien

Häupl kämpfte diesen Kampf aber nicht nur für Van der Bellen, sondern auch für sich in der Frage der Ausrichtung seiner eigenen Partei. Diese kämpft nach wie vor um eine einheitliche Linie – intern und gegenüber anderen Parteien. Innerhalb der Partei gab es zuletzt Querelen zwischen dem aufmüpfigen rechten Lager und dem in der Wiener Regierung dominanten linken Flügel. „Das eindeutige Wahlergebnis für Van der Bellen und dass Simmering gedreht werden konnte, das wird vor allem jenem Teil der SPÖ Aufwind bringen, der jenen Weg weitergehen will, der bei den Gemeinderatswahlen eingeschlagen wurde“, sagt Meinungsforscherin und Ifes-Chefin Eva Zeglovits. Heißt: Der linke Flügel wurde mit dem Ergebnis vorerst gestärkt.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat schon mehrmals den Anspruch auf Wiens Bürgermeisterstuhl gestellt. Zeglovits sieht die gläserne Decke der FPÖ aber bei den erreichten 35 Prozent. Im Vergleich zur Wien-Wahl 2015, bei der die FPÖ rund 31 Prozent holte, sehe man, dass nicht viel mehr mobilisiert werden konnte. Florian Oberhuber vom Meinungsforschungsinstitut Sora: „Das ist vor allem der Haltung der anderen Wiener Parteien geschuldet, wovon die meisten einen weltoffenen Weg wählen und in ihrer Haltung konstant bleiben.“ In der Steiermark etwa hätten sich SPÖ und ÖVP inhaltlich wie sprachlich zuletzt an die FPÖ sehr angenähert – Hofer konnte rund 55 Prozent der Stimmen für sich gewinnen.
Vor allem in Wien könnte die zum Schluss wieder schärfer gewordene Kampagne einen negativen Effekt für Hofer gehabt haben. Dazu käme, dass einige Tausend Hofer-Wähler dann doch daheim geblieben sind, während Van der Bellen österreichweit mit 144.000 eine positive Nichtwählerbilanz aufweisen kann. Van-der-Bellen-Anhänger hätten es geschafft, vor allem im persönlichen Umfeld stark zu mobilisieren, so Oberhuber.

Im ersten Wahlgang mit fünf Kandidaten konnte Hofer noch in sechs Bezirken die meisten Stimmen holen, bei der ersten Stichwahl am 22. Mai nur mehr einen – am 4. Dezember wurde dann auch Simmering gedreht. Die Wahlbeteiligung ist in diesen drei Wahlgängen stetig auf mehr als 70 Prozent gestiegen. Wie schon im Mai war Van der Bellens stärkster Bezirk Neubau, wo er 82,37 Prozent holte. Auch wenn Hofer den blauen elften Bezirk verlor, erzielte er hier mit 47,64 Prozent sein bestes Ergebnis.
Überraschend: Entlang der U6 sind die Sprengel durchwegs Grün – obwohl die Drogenproblematik hier eine große Rolle spielt und Sicherheit eines von Hofers Kernthemen war. Und: Je mehr Zuzüge es in einem Bezirk im Jahr 2015 in Relation zur Bevölkerung gab, desto besser war jetzt das Ergebnis für Van der Bellen – das hat wohl auch damit zu tun, dass Zuzüge am häufigsten in den innerstädtischen Bereichen stattfinden und die Grünen dort tendenziell stark sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2016)