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Attentat in Kanada: Welle der Solidarität mit Muslimen

Gedenken an die Attentatsopfer. In Québec und anderen kanadischen Städten versammelten sich zahlreiche Menschen.
Gedenken an die Attentatsopfer. In Québec und anderen kanadischen Städten versammelten sich zahlreiche Menschen.(c) REUTERS
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Nach dem Mordanschlag auf Betende einer Moschee rufen Politiker aller Parteien zum Zusammenhalt auf. Der Verdächtige hatte im Internet gegen Flüchtlinge gehetzt.

Ottawa. Eisige Temperaturen konnten Tausende Kanadier nicht davon abhalten, auf Straßen und Plätzen ihre Solidarität mit ihren muslimischen Mitbürgern zu zeigen. Sie steckten Kerzen in Schneeberge und zeigten Plakate, die ihre Verbundenheit mit der muslimischen Gemeinde, aber auch ihre Entschlossenheit demonstrierten, Kanada als offenes und tolerantes Land zu erhalten. Flaggen an öffentlichen Gebäuden waren auf halbmast gesetzt.

Bereits am Sonntagabend waren in der Moschee im islamischen Kulturzentrum in Sainte-Foy, einem Stadtteil der Stadt Québec, unmittelbar nach dem Abendgebet sechs Menschen erschossen und zahlreiche weitere verletzt worden. Alle Opfer sind Männer im Alter zwischen 35 und 60 Jahren, darunter ein Professor für Ingenieurwesen und ein in der muslimischen Gemeinde Québecs sehr populärer Inhaber einer Fleischhauerei.

Die Polizei verhaftete als Tatverdächtigen einen 27 Jahre alten Kanadier, Student an der Universität Laval in Québec. Gegen Alexandre B. wurde Anklage wegen sechsfachen Mordes und fünffachen versuchten Mordes erhoben. Nach dem Attentat war zunächst von zwei verhafteten Tatverdächtigen die Rede gewesen, bis die Polizei mitteilte, dass einer der Festgenommenen fälschlicherweise verdächtigt wurde. Er war in der Moschee und rannte weg, was die Polizei auf ihn aufmerksam machte.

 

Troll in sozialen Medien

Die Behörden sind nun überzeugt, dass es nur einen Täter gibt. Kanadische Medien konnten bereits einige Informationen über den Verdächtigen sammeln. Freunde und Nachbarn beschrieben Alexandre B. als einen lange Zeit stillen und unauffälligen jungen Mann, der allerdings in jüngster Zeit rechtsgerichtete Ideen aufgegriffen und eine fremdenfeindliche Haltung angenommen haben soll. Auslöser hierfür könnte der Besuch der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen in Québec im Frühjahr 2016 gewesen sein. Danach soll er im Internet durch extreme Positionen aufgefallen sein.

Organisationen, die Flüchtlinge unterstützen, haben ihn angeblich als „online troll“ gekannt, also einen, der im Internet mit seinen Aussagen provoziert. Er sei einer, „der regelmäßig extreme Kommentare machte, die Flüchtlinge und Feminismus verunglimpften“, sagte François Deschamps, der eine Facebook-Seite zur Unterstützung von Flüchtlingen unterhält, der Zeitung „Globe and Mail“. Er habe den Tatverdächtigen sofort erkannt, als die ersten Fotos von diesem am Montag veröffentlicht wurden. „Es war kein direkter Hass, eher Bestandteil dieser neuen nationalistisch-konservativen Identitätsbewegung, die eher intolerant als hasserfüllt ist.“

Der Mann soll Marine Le Pen, aber auch die Positionen Donald Trumps unterstützt haben, sagte ein langjähriger Freund des Beschuldigten der „Globe and Mail“. In den großen Städten Kanadas und kleineren Gemeinden bis hoch in die Arktis kamen Menschen zusammen, um der Opfer zu gedenken. Nachdem die führenden Politiker des Landes – der liberale Premierminister Justin Trudeau und die Vorsitzenden der vier anderen im Parlament vertretenen Parteien – im Parlament ihre Entschlossenheit ausgedrückt hatten, das Klima der Toleranz in Kanada verteidigen zu wollen, begaben sie sich nach Québec, um dort an der Mahnwache teilzunehmen und ihre Solidarität und Betroffenheit auszudrücken.

 

„Terrorakt gegen Kanada“

„Dies war ein Angriff auf die innersten und am meisten geschätzten Werte der Kanadier, die Werte der Offenheit, der Vielfalt und der Freiheit der Religion. Wir werden dadurch nicht eingeschüchtert, wir werden nicht mit mehr Gewalt auf Gewalt reagieren. Wir werden Angst und Hass mit Liebe und Mitgefühl entgegentreten“, sagte Trudeau im Parlament, Gedanken, die er dann auch in Québec formulierte. An die eine Million Kanadier muslimischen Glaubens gerichtet sagte Trudeau, das Verbrechen gegen die muslimische Gemeinschaft sei ein Terrorakt gegen Kanada und gegen alle Kanadier.

Auch die konservative Interimsparteivorsitzende Rona Ambrose und der sozialdemokratische Parteivorsitzende Tom Mulcair riefen zur Solidarität mit den Muslimen auf. „Wir versprechen, dass wir zusammenstehen und gegen die Kräfte des Hasses, der Bigotterie, der Islamfeindlichkeit und gegen jene, die mit der Politik der Angst und der Spaltung hausieren gehen, kämpfen werden“, sagte Mulcair. Er nannte keinen Namen, aber viele Zuhörer verstanden dies als Absage an die Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Dass Trumps Sprecher Sean Spicer den Anschlag von Québec als Beleg dafür sah, dass Trumps Einreisebann für Menschen aus sieben muslimischen Ländern richtig sei, wurde in Kanada mit Verwunderung aufgenommen. Kanadische Medien wiesen ihn darauf hin, dass Muslime in Québec die Opfer sind – und der mutmaßliche Täter ein junger Kanadier.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2017)

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