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Airbnb: Nur schwarze Schafe oder System?

In Barcelonas altem Hafenviertel Barceloneta rebellieren die Bewohner gegen die Ferienapartments, die ihnen den Wohnraum stehlen. „Keine Touristenwohnungen“ steht auf der Fahne.
In Barcelonas altem Hafenviertel Barceloneta rebellieren die Bewohner gegen die Ferienapartments, die ihnen den Wohnraum stehlen. „Keine Touristenwohnungen“ steht auf der Fahne.(c) APA/AFP/PAU BARRENA
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Städte wie Barcelona sehen in den Airbnb-Vermietern Ursache und Nutznießer ihrer Wohnungsnot. Airbnb betont hingegen: Die meisten wollten nur ihr Taschengeld aufbessern.

Wien. Wenn sich ein Wohnungseigentümer als Airbnb-Gast in seine eigene Immobilie einschleusen und die Schlösser tauschen muss, um das wilde Kommen und Gehen der Untermieter zu stoppen, läuft etwas schief. Die Barcelonerin Montse Pérez griff jüngst zu diesem Trick, nachdem ihr Mieter – ein mutmaßlich hochseriöser Finanzberater einer britischen Firma – ihr schickes, kleines Altstadtapartment ohne ihre Einwilligung oder die nötige Lizenz über die Vermittlungsplattform mit ordentlichem Aufpreis weitervermietet hatte.

Barcelona ächzt unter den Touristenmassen. Die Wut der Einwohner findet in Airbnb, dem größten der Privatunterkunftsportale, einen konkreten Katalysator. Denn entgegen der Gesetzeslage lässt die Plattform weiter Inserate für Ferienwohnungen ohne Lizenz zu. 2016 setzte es dafür 600.000 Euro Strafe von der Stadt.

 

Profis oder Private?

Der Fall des doch nicht so ehrbaren Finanzberaters gibt Kritikern neuen Stoff: Er dürfte in einem professionellen Vermieternetzwerk agieren – und damit einer jener Profiteure sein, die die Stadt für den schwindenden Wohnraum und die steigenden Mietpreise mitverantwortlich macht.

Bei Airbnb geht die Erzählung anders: Der allergrößte Teil der Nutzer seien Private, die sich ihr Budget aufbesserten. „Reisen mit Airbnb steht für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Tourismus, von dem die Menschen in Europa vor Ort profitieren“, betonte Policy-Chef Chris Lehane auf dem OECD–Forum in Paris Anfang Juni. 340 Mrd. Euro und eine Million Stellen brächte die 2008 gegründete Firma den europäischen Städten bis 2020 laut einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie. Der typische europäische Gastgeber ist laut Airbnb mit 27 Nächten und 2400 Euro Jahreseinnahmen eher ein netter Privatvermieter, der am Morgen auch Frühstück und Insidertipps teilt, als ein profitgieriges Netzwerk.

Ist es also ein rein in Barcelona verwurzeltes Problem, das die Stadt nun mit 40 eigens abgestellten Inspektoren in den Griff bekommen will? Ein Blick nach Berlin spricht gegen diese Annahme. Die Datenanalyse „Airbnb vs. Berlin“, die 2016 für den Grimme Online Award nominiert war, ergab, dass Anfang 2015 die Top Ten der Berliner Vermieter zusammen 281 Wohnungen anboten. Die Zahl der Apartments und die Aliasse der Gastgeber seien Indizien, dass die Plattform als Gewerbeportal missbraucht werde, schrieben die Autoren.

Seit Mai 2016 kann die Suche nach dem gebuchten Airbnb-Apartment in Berlin zur Schnitzeljagd werden. Seitdem ahndet die Stadt rechtswidrige gewerbliche Vermietungen mit bis zu 100.000 Euro und ruft Nachbarn zu anonymen Hinweisen auf. Um dem zu entgehen, geben Gastgeber öfters falsche Adressen an und lotsen ihre Gäste Schritt für Schritt zur richtigen Wohnung.

Airbnb hatte schon vor der Verschärfung den Teilrückzug angetreten. Die Plattform strich zahlreiche Angebote von mehrfachen Wohnungsanbietern aus ihrer Datenbank. Das sei eine „routinemäßige Qualitätsinitiative“, hieß es. Die Zahl der Airbnb-Gastgeber in der deutschen Hauptstadt wuchs 2016 ungeachtet aller Rechtsschranken dennoch um rund elf Prozent gegenüber 2015 auf 22.700 Personen an, gab das Unternehmen jüngst bekannt.

 

Vereinter Widerstand

„Nirgends auf der Welt nutzen Reisende Airbnb mehr als in Europa“, sagte Lehane in Paris. Umso mehr fürchtet das kalifornische Unternehmen das Negativimage, das Eklats wie jüngst in Barcelona nach sich ziehen. Man versuche, mit den Städten einzeln in persönlichen Austausch zu treten, sagt eine Unternehmenssprecherin. Vereinter Widerstand ist das Letzte, was Airbnb brauchen kann. Aber just an dem Tag, als Lehane vor OECD-Vertretern die Vorteile der Plattform pries, forderte das Europaparlament EU-weite Regeln für die Unternehmen der Sharing Economy. Neben besseren Haftungs- und Arbeitnehmerschutzregeln will es effizientere Kriterien sehen, um private von professionellen Anbietern zu trennen.

Sollte so ein Gesetz eines Tages in Kraft treten, würde es sich mit einem Grundsatz von Airbnb spießen: Personenbezogene Nutzerdaten werden den Behörden im Normalfall nicht ausgehändigt. Man nehme den Datenschutz sehr ernst, heißt es vom Unternehmen. Das mussten nicht nur die Berliner, sondern auch schon das österreichische Finanzministerium erfahren: 2015 wollte es an die österreichischen Nutzerdaten von Online-Zimmervermietern wie Airbnb herankommen. „Wir sind in Verhandlungen“, heißt es auch zwei Jahre später noch aus dem Ministerium.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2017)