Österreicher als Hardliner unter deutschen Burschenschaften

TRAUERFEIERLICHKEITEN FUER LH JOERG HAIDER
Burschenschafter bei der Trauerfeier für Jörg Haider (Archivbild)(c) APA (Roland Schlager)

Die deutsche Politologin Alexandra Kurth nennt die FPÖ "großes Vorbild" für die deutschen Burschenschaften. Dass man in Burschenschaften "hineinstolpert", sei nicht mehr richtig: "Man entscheidet sich bewusst."

Sind die österreichischen Burschenschaften radikaler als ihre deutschen Pendants? Jein, sagt die Gießener Politikwissenschafterin Alexandra Kurth. Die meisten Burschenschaften seien nämlich im Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) organisiert, der nach Abspaltungen radikaler geworden sei, meint die Expertin. Die Österreicher hätten dabei "versucht, sich als Hardliner zu inszenieren".

Konkret nannte Kurth etwa die Olympia Wien, der auch der FPÖ-Abgeordnete Martin Graf angehört; auch die FPÖ-Politiker Norbert Nemeth und Harald Stefan, beide in der Koordinierungsgruppe der FPÖ-Historikerkommission, sind Mitglieder der Olympia. Das Auftreten der österreichischen Burschenschafter sei in Deutschland "von einigen begrüßt worden, von anderen abgelehnt".

Insgesamt sei die Lage in Deutschland etwas unübersichtlich, da es mittlerweile drei Dachverbände gebe. Die letzte Spaltung erfolgte nach Bekanntwerden von rassistischen Vorfällen bei einigen Burschenschaften im Jahr 2011. "Damals wurde ein Abgrund an Rechtsextremismus deutlich, der davor so nicht sichtbar war", meinte Kurth.

"Europa der Vaterländer"

"Der größte Dachverband ist nach wie vor die DB. Das ist auch der rechteste", sagt die Politologin. Infolge des Austritts von liberaleren Burschenschaften in den 1990er-Jahren und nach 2011 habe sich die DB "ganz stark radikalisiert". Unter anderem bemühe sie sich auch, rechtsextreme Kräfte in Europa zusammenzuführen.

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Die DB sei auch der einzige Dachverband, der österreichischen Burschenschaften offen stehe, darunter die jüngst in die Schlagzeilen gekommene Bruna Sudetia. Diese Burschenschafter würden "eigentlich Österreich ablehnen", meint Kurth - und schenkt dabei entsprechenden gegenteiligen Beteuerungen von österreichischen Burschenschaftern keinen wirklichen Glauben. Auf den Hinweis, dass sich diese öffentlich zum Staat Österreich bekennen, sagte sie: "Die Debatten im Verband laufen da anders." Sie gingen in Wirklichkeit in Richtung "großdeutsches Reich" in einem "Europa der Vaterländer".

Kurth bestätigte auch die Kontakte der "Bruna Sudetia" nach Ostdeutschland. Als die Burschenschaft im Jahr 2016 den Vorsitz der DB hatte, seien ihre Mitglieder eigens nach Sachsen gereist, um bei Pegida-Protestmärschen mitzumachen.

"FPÖ großer Arbeitsmarkt für Burschenschafter"

Für die deutschen Burschenschaften spiele die FPÖ "eine große Rolle". "Das ist das große Vorbild", sagte sie mit Blick auf die starke Verankerung von Burschenschaftern in der FPÖ: "Die FPÖ ist ein großer Arbeitsmarkt für Burschenschafter. Darum bemühen sich auch die deutschen Burschenschaften." Allerdings gebe es bisher erst "zaghafte Erfolge", etwa bei der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD).

Das Verhältnis zur belasteten Geschichte sei bei den deutschen Burschenschaften "sehr unterschiedlich". "Auf der einen Seite haben wir eine beginnende Aufarbeitung. Andere Burschenschaften weigern sich bis heute, sich damit auseinanderzusetzen, äußern sich beschönigend oder geschichtsrevisionistisch", sagte Kurth.

Die Expertin würde es nicht überraschen, wenn NS-Liedgut wie jenes in Österreich auch bei Burschenschaften in Deutschland auftauchte. "Mir ist das nicht bekannt, aber ich würde es auch nicht ausschließen", sagte sie. Die Frage sei vielmehr: "Warum sollte es das nicht geben?"

"Man entscheidet sich bewusst"

Dass rechtsextreme Burschenschaften im Osten Deutschlands besonders stark sind, will Kurth nicht sagen. Allerdings sei dort das allgemeine gesellschaftliche "Klima" für solche Gruppierungen besser. So sei etwa eine Burschenschaft aus dem hessischen Gießen ins sächsische Leipzig übersiedelt, nachdem sie wegen Kontakten zur rechtsextremen NPD in die Kritik geraten war.

Die Skandale um rassistische Vorfälle bei den deutschen Burschenschaften sieht Kurth nicht wirklich aufgearbeitet. Damals habe es geheißen, dass die Burschenschaften durch die Affäre und den Abgang von Mitgliedern geschwächt werden. Mittlerweile sei sie vorsichtig in der Prognose, "ob das eine Stärkung oder Schwächung bedeutet": "Es ist völlig offen, wie das ausgeht." Durch das Überbleiben eines harten Kerns und die Radikalisierung entstehe nämlich auch eine gewisse Dynamik.

Jedenfalls sei es heute nicht mehr so, dass junge Studenten - wie dies noch in den 1980er-Jahren der Fall gewesen sei - etwa auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft in Burschenschaften "reinstolpern". "Man entscheidet sich bewusst."

(APA)