Georg Thiel: Wie man sich das Leben zurückholt

Georg Thiel nimmt sich eines schwierigen Themas geistreich und humorvoll an.
Georg Thiel nimmt sich eines schwierigen Themas geistreich und humorvoll an.(c) Johannes Tichy

Der Wiener Autor Georg Thiel hat mit „Jud“ einen schönen Roman über einen Mann geschrieben, der zu seinen Wurzeln zurückkehren muss, bevor er nach vorn schauen kann.

Ein Foto. Ein Jugendlicher kniet auf der Straße vor einem Haus und schreibt mit einem improvisierten Pinsel – einem mit einem Fetzen umwickelten Holzstäbchen – das Wort „Jud“ auf die Mauer. Dahinter ein feister Mann mit Hakenkreuzarmbinde. Er sieht dem Jungen scheinbar teilnahmslos, jedenfalls herablassend zu; Schaulustige, darunter Kinder, an seiner Seite. Das Foto gibt es. Es stammt aus den Beständen der Österreichischen Nationalbibliothek. Um dieses Bild herum hat Georg Thiel seinen Roman geschrieben.

Titus, ein mittelprächtig erfolgreicher Fotograf, der in England mit einer egozentrischen Deutschen zusammenlebt, erhält nach langer Durststrecke im Jahr 1958 endlich einen lukrativen Auftrag: Er soll nach Brüssel zur Weltausstellung fahren und dort Bilder für eine Reportage machen. Der Journalist Rupert, mit dem er in Brüssel tätig wird, erweist sich als ein hoch gebildeter Mann mit Logorrhö und britisch-trockenem Humor. Rupert ist nichts heilig, am allerwenigsten die Kirche und der Papst. Die beiden ungleichen Männer – der Ich-Erzähler ist eher wortkarg – durchstreifen die Pavillons der einzelnen Länder. Im österreichischen bricht der Fotograf zusammen. Erinnerungen an seine Kindheit in Wien brechen über ihn herein, die Vergangenheit hängt als dunkler Schatten im Raum, sie ist übermächtig.

Aufbruch nach Wien. Rupert und Erika, eine junge Frau, die die Gäste durch die Ausstellungen führt, reden auf Titus ein: Er solle nach Österreich fahren, sich der Vergangenheit stellen, es sei „eine Naturnotwendigkeit. Dazu muss man Freud nicht gelesen haben“, behauptet Rupert, unterstützt von Erika, die ins gleiche Horn stößt. Es ist wie in Hölderlins Gedicht „Lebenslauf“: „Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt all uns nieder.“

Titus steigt in den Zug nach Wien. Dort übermannen ihn heftige Zahnschmerzen. Im Wartezimmer des Zahnarzts blättert er in der Österreich-Ausgabe des „Stern“. Darin entdeckt er – das Foto. Er, Titus, wie er gelähmt vor Angst „Jud“ auf die Mauer schreibt, hinter ihm die Menge, die tatenlos zusieht, und jener Mann mit der Hakenkreuzbinde. Entschlossen beginnt Titus, nach seinem Peiniger zu suchen.

Es ist ein schmales Bändchen, auf gerade einmal 200 Seiten erzählt Thiel diese Geschichte. Auschwitz wird nur in einem Dialog erwähnt. Von Gaskammern, Folter, Vivisektionen und anderen Gräueln ist nie die Rede. Und dennoch ist all das spürbar, schwingt im Text mit wie die Lieder, die in der Wehrmacht gesungen wurden und im Buch auch 1958 noch immer von dem Fotografen angestimmt werden, der das „Jud“-Foto gemacht hat.


Imposanter Subtext. Erniedrigung, Todesangst, Folter hat Thiel in ebendieser Szene mit dem Fünfzehnjährigen verdichtet, von der der Ich-Erzähler selbst im Roman sagt, dass sie bei Gericht vermutlich nicht einmal als Straftat anerkannt würde. Der Subtext dieses Buches spannt einen Raum auf, imposanter, monströser als der Text selbst. Das ist große Kunst.

En passant wirft Thiel auch noch andere wichtige Fragen auf, etwa die durch die #MeToo-Debatte wieder virulente nach der moralischen Bewertung von Kunst. Sie bleibt naturgemäß unbeantwortet. Und noch etwas wird deutlich: Nazi bleibt Nazi, egal, ob sich dessen Ressentiments gegen Juden, Roma und Sinti, Amerikaner oder andere Gruppen von Menschen richten.

Der erzählerischen Gerechtigkeit folgend schreibt Thiel jedoch nicht nur über die Mitläufer, sondern auch über jene, die sich damals mutig gegen die Nazis gestemmt haben. Es hat sie gegeben. Beruhigend – in einer Zeit, in der mancherorts wieder Lieder zweifelhaft ästhetischen Werts, aber unzweifelhaft unmoralischen Inhalts kursieren.

Neu Erschienen

Georg Thiel
„Jud“
Braumüller Verlag
220 Seiten
22 Euro