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Wie heißt Prokrastination auf Englisch? Brexit

Morgenglosse Je näher das Austrittsdatum rückt, desto stärker wird der Eindruck, dass die Briten nach jeder nur erdenklichen Ausrede Ausschau halten, um ja nicht entscheiden zu müssen, wie sie als EU-Outsider ihr Leben organisieren wollen.

Unter dem Fachterminus Prokrastination versteht man den psychologischen Impuls, notwendige Tätigkeiten und/oder Entscheidungen auf den Sankt Nimmerleinstag aufzuschieben. Schätzungen zufolge leiden rund zehn Prozent der Bevölkerung an einer pathologischen Ausprägung dieses Leidens. Prokrastination ist also keine bedauerliche Seltenheit, sondern ein weit verbreitetes Phänomen – und daher vergleichsweise gut erforscht. Weitgehend unbekannt blieb bisher allerdings die Tatsache, dass nicht nur Individuen, sondern gesamte Gesellschaften und Staaten an Aufschieberitis erkranken können.

Mit Großbritannien liegt nun das Paradebeispiel einer klinischen „Procrastinatio nationalis“ vor, wie man dieses neuartige Phänomen bezeichnen könnte. Seit dem heutigen Donnerstag läuft im Vereinigten Königreich der große Countdown: In exakt einem Jahr, am 29. März 2019, bricht jenseits des Ärmelkanals der letzte Tag der EU-Mitgliedschaft an. Angesichts der Tatsache, dass die Briten vor knapp zwei Jahren für den Austritt aus der EU votiert hatten, würde man davon ausgehen, dass die Vorbereitungen auf den Brexit weit gediehen sind. Dem ist allerdings nicht so. Im Gegenteil – je näher das Austrittsdatum rückt, desto stärker der Eindruck, dass die Briten nach jeder nur erdenklichen Ausrede Ausschau halten, um ja nicht entscheiden zu müssen, wie sie als EU-Outsider ihr Leben organisieren wollen. Die Europafeinde auf den Regierungsbänken wettern zwar in regelmäßigen Abständen über die Verhandlungsführung der EU-Kommission, doch insgeheim dürften sie alles andere als unfroh darüber sein, dass Brüssel ihnen die Entscheidungen abnimmt.

Angesichts dieser Vorgänge in London drängt sich unweigerlich eine Frage auf: Wer wird für die Briten entscheiden, wenn sie nicht mehr in der EU sind? Die Antwort auf diese Frage gibt es – wie könnte es auch anders sein – morgen. Und wenn nicht morgen, dann übermorgen...