Gaza: 15 Tote bei Ansturm auf israelische Grenze

March 30 2018 Gaza City Gaza Strip Palestinian Territory A wounded Palestinian is evacuated d
Zusammenstöße im Gazastreifen: Palästinenser tragen einen Verletzten.Zusammenstöße im Gazastreifen: Palästinenser tragen einen Verletzten.

Zigtausende Palästinenser aus dem Gazastreifen rückten nach einem Aufruf der Hamas auf die Grenzsperre zu Israel vor. Israelis reagierten mit Tränengas und scharfer Munition.

Vom Kibutz Kfar Gaza aus hörte man Schüsse und Sirenen der Krankenwagen, die auf der anderen Seite der Trennanlagen Verletzte bargen. Mindestens 15 Tote und mehr als 1000 Verletzte (die meisten durch Tränengas) zählte das palästinensische Gesundheitsamt bis Freitagabend, nachdem Zigtausende Palästinenser dem Aufruf der islamistischen Hamas gefolgt und vor die Grenzsperre zu Israel gezogen waren.

Die Soldaten reagierten mit Tränengas, aber auch mit scharfen Schüssen, wenn Demonstranten versuchten, den Zaun zu erklimmen oder zu beschädigen. Genau für solche Fälle hatten die israelischen Streitkräfte mehr als 100 Scharfschützen entlang der Grenze zu Gaza postiert. Meistens versuchten junge Männer den Zaun zu überwinden, weshalb alle der Getöteten Burschen bzw. Männer im Alter von 16 bis 30 waren.
In einem Fall verhalfen die Angreifer einem siebenjährigen Mädchen über den Zaun. Es wurde von der Armee in Sicherheit gebracht und später zu seinen Eltern nach Gaza überstellt. Zeugenberichte, wonach der Zaun an einer Stelle in größerem Maße durchbrochen worden und Hunderte Menschen auf israelisches Gebiet gestürmt seien, ließen sich bis zum späten Abend indes nicht bestätigen.

Der UNO-Sicherheitsrat wird sich am Freitag in einer Dringlichkeitssitzung mit der Situation im Gazastreifen befassen. Der Antrag zur Sitzung wurde von Kuwait gestellt, teilten Diplomaten mit.

Gedenken an die Vertreibung

Mit dem „Großen Marsch der Rückkehr“ an der Grenze zwischen Gaza und Israel wollen die Palästinenser an das Schicksal der Vertriebenen vor 70 Jahren erinnern. Die Protestaktion mit fünf grenznahen Zeltstädten soll bis 15. Mai dauern, dem Tag der „Nakba“ (Katastrophe), an dem die Palästinenser des Beginns ihrer Flucht gedenken, als Israel gegründet wurde.

Schon bevor die Proteste begannen, war ein palästinensischer Bauer durch Beschuss eines israelischen Panzers gestorben. Der Mann hatte sich laut Information des Armeesprechers „verdächtig verhalten“. Bei Israels Sicherheitskräften herrscht seit Tagen erhöhte Alarmstufe. Viermal innerhalb weniger Tage war es Palästinensern, die zum Teil bewaffnet waren, gelungen, nach Israel einzudringen. Soldaten und Grenzpolizisten haben Order, zivile Opfer zu vermeiden, dennoch solle auf Palästinenser, die sich der Grenze nähern, im Zweifel scharf geschossen werden.
Abgesehen davon, dass unter dem Deckmantel des Protests Terroristen nach Israel eindringen könnten, besteht die Sorge, dass sich Menschenmassen geschlossen auf die Grenze zubewegen, um die Trennanlagen niederzureißen.

Für Tausende Wehrdienstleistende der Infanteriebrigaden Nahal und Giv‘ati bedeutet der Große Marsch der Rückkehr, dass sie die Pessach-Feiertage im Einsatz verbringen werden. Auf palästinensischer Seite sind es vor allem Männer und Burschen, die sich dem Protest anschließen, aber auch Frauen und Kinder sind dabei.
Ismail Hanijeh, Chef des Hamas-Politbüros, nannte den Protest ausdrücklich „friedlich“. Nur die palästinensische Flagge soll bei der parteiübergreifenden Kundgebung zu sehen kann. Ziel sei, sich gemeinsam „den Herausforderungen“ zu stellen, vor denen die Palästinenser stünden. Die Belagerung des Gazastreifens gehöre dazu, und auch der „Jahrhundertdeal“, den US-Präsident Donald Trump für den Nahen Osten plant. Hanijeh schloss sich gestern sogar selbst für kurze Zeit dem Protest in der Grenzregion an.

Laut Berichten der Zeitung „Haaretz“ sind Israels Diplomaten angewiesen, die „Provokation“ im Gazastreifen den palästinensischen Politikern anzulasten, die „die Flammen des Konflikts entzünden“ wollten und „die Anspannung erhöhen“. Sollten Menschen Schaden nehmen, hieß es im Vorfeld, sei die Hamas dafür verantwortlich zu machen. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman twitterte auf Arabisch: „Jeder, der sich dem Zaun nähert, riskiert sein Leben.“
Der israelisch-arabische Abgeordnete Ayman Odeh von der antizionistischen Vereinten Liste forderte Israel dazu auf, „den Beschuss umgehend einzustellen und den Menschen in Gaza das legitime Recht zu geben, ihre Stimme zu Gehör zu bringen“.

Linke gegen Gewalt

Die linke israelische Friedensgruppe „Andere Stimme“ wünschte den „Freunden in Gaza“, dass der Protest friedlich vonstatten gehen werde. „Gewalt von eurer oder unserer Seite ist niemals die Antwort.“ Im Westjordanland und in überwiegend arabisch bevölkerten Städten Israels fanden gestern Gedenkveranstaltungen zum „Tag der Erde“ statt, an dem vor 42 Jahren sechs israelische Araber bei Protesten gegen Landenteignung erschossen worden waren.