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Tirols Ayatollah: Auf den Spuren von Andreas Hofer

Andreas Hofer
(c) APA (TLMF)
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Vor 200 Jahren wurde Andreas Hofer in Mantua von französischen Soldaten hingerichtet. In Tirol muss man an diesem Wochenende ohne Lederhose oder Dirndl gar nicht erst vor die Tür gehen.

Eine einzelne Kerze brennt vor dem schlichten Denkmal mit dem dürren Adler, der aussieht, als wolle er seine nicht vorhandenen Muskeln zeigen. Links liegen ein paar Hundstrümmerln im Schnee, dahinter ist eine Problemstoff-sammelstelle. Erinnern soll das Denkmal am Südtirolerplatz in Wien an einen Mann, der seine Muskeln etwas beeindruckender gezeigt hat als der Adler und dafür am gestrigen Samstag vor 200 Jahren „zu Mantua in Banden“ erschossen wurde.

In Wien hat man zu Andreas Hofer ganz offensichtlich ein nüchternes Verhältnis. In Tirol dagegen muss man an diesem Wochenende ohne Lederhose oder Dirndl gar nicht erst vor die Tür gehen. Vor jedem auf Hochglanz polierten Hofer-Denkmal, vor jeder Gedenktafel – und eines von beiden gibt es fast in jedem Ort – marschieren Schützen auf, werden Messen gefeiert und Kränze niedergelegt. In Mantua trafen sich am Samstag die Landeshauptleute von Tirol, Südtirol und dem Trentino, um der Erschießung des Freiheitskämpfers in einem großen Festakt zu gedenken.


Freiheitskämpfer oder Terrorist? Oder doch eher des Terroristen? Nach Jahrzehnten der madonnenhaften Verehrung hat man auch in Tirol ein etwas sachlicheres Verhältnis zum Volkshelden entwickelt. Nicht so weit, dass Denkmäler zwischen Hundstrümmerln und Problemsammelstellen stehen. Aber doch. Als eine oberösterreichische Künstlergruppe Ende vergangenen Jahres das Hofer-Denkmal am Berg Isel mit Postern, Bildern und Symbolen der RAF zuklebte, der deutschen Terroristengruppe der 1970er-Jahre, war die Empörung nicht einmal sonderlich groß. Vor einigen Jahrzehnten hätten sie vermutlich noch vor einer schnellen Eingreiftruppe der Schützen fliehen müssen. Aber mittlerweile hat man Andreas Hofer schon ganz andere Dinge genannt, als ihn nur mit Andreas Baader zu vergleichen. Die Diskussion ist wieder Beweis dafür, dass des einen Menschen Freiheitskämpfer des anderen Terroristen ist. Es hängt von der Perspektive ab.

Man hat sich in Tirol im Gedenkjahr 2009, als es um die 1809 gewonnenen Berg-Isel-Schlachten ging, sehr um einen etwas objektiveren Blick zurück bemüht. Die Festrede bei der gestrigen Feier hielt Meinrad Pizzinini, der in seiner klugen Hofer-Biografie die historischen Abläufe darstellt und weder in simple Heldenverehrung noch in pauschale Abqualifizierung verfällt. Er beschrieb auch die dunklen Seiten des Kämpfers, der etwa in der Pockenimpfung der aufgeklärten Bayern ein Teufelszeug sah oder dem „Weibsvolk“ vorschrieb, „ihro Brust- und Armfleisch“ zu bedecken.


Aversion gegen Wien. Teilweise freilich verkehrte man im Gedenkjahr vor lauter Übereifer die einst kritiklose Heldensaga in wahre Tiraden auf einen Mann, der nicht mehr gewesen sei als ein „Taliban der Alpen“, ein Tiroler Ayatollah Khomeini. Eine Historikerin will laut „Süddeutscher Zeitung“ sogar herausgefunden haben, dass das Wort „Freiheit“ in keinem Befehl, in keinem Laufzettel und auch in keinem Brief des Andreas Hofer jemals vorkam. So viel zum Freiheitskämpfer. Es mag schon sein, dass es in dem sieben Monate dauernden Kampf gegen Napoleon im Jahr 1809 in Wirklichkeit nur darum ging, von Wien unterdrückt zu werden und nicht von den Bayern und Franzosen. Dass Kaiser Franz I. als Dank Hofer und das Land mit dem Frieden von Schönbrunn betrog, löste in Tirol eine Wien-Aversion aus, die seit damals mehr oder weniger in der Muttermilch weitergegeben wird.

Zu sehr darf man einem Volk seinen Helden freilich nicht schlecht machen. Was wäre Tirol ohne die Berg-Isel-Schlachten und ohne Andreas Hofer? Was die Schweiz ohne Wilhelm Tell? Ein blutiger Freiheitskampf, aus welchen Gründen immer er geführt wurde – und sei es von völlig Durchgedrehten, wie im texanischen Alamo – ist identitätsstiftend und gibt einem Volk Stolz und Selbstvertrauen. Es soll einmal ein Niederösterreicher aufstehen, der auf sein Bundesland so stolz ist wie ein Tiroler (und früher einmal ein Kärntner, bevor die Dörflers und Scheuchs kamen).

Und es geht ja nicht nur um Erlässe, Reden und Befehle. Es geht darum, dass sich ein Wirt gegen eine Übermacht aufgelehnt hat. Nicht nur wegen Privilegien, die man den Tirolern wegnahm – etwa das Recht, nicht zum Wehrdienst eingezogen zu werden – oder wegen Steuererhöhungen. Es ging auch und vor allem um Überzeugungen. Erst als man den Herz-Jesu-Kult, die mitternächtliche Messe und Folklorisches wie das Kirchenglockenläuten gegen Regen und Gewitter verbot (das es übrigens in vielen Ortschaften noch immer gibt und das angeblich sogar einen wissenschaftlichen Hintergrund hat), griff man zu den Mistgabeln. Für ihre Prinzipien und Traditionen nahmen Hofer und seine Mitkämpfer den Tod in Kauf. Keine kleine Sache in einer Zeit der Beliebigkeit, in der sich Überzeugungen schneller ändern als das Wetter.

Wirklich groß geworden ist Hofers Mythos mit der Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg, als die Sieger willkürlich eine Grenze zwischen Österreich und Italien zogen. Das war der Nährboden für den „Befreiungsausschuss Südtirol“, der ab 1950 durch Anschläge vor allem auf Strommasten die Loslösung von Italien erreichen wollte. Viele Einheimische sahen in den „Bumserern“ Freiheitskämpfer in der Tradition Hofers, der zum Patron Gesamttirols wurde. Damals schuf man auch die riesige Dornenkrone aus Metall, die die Leiden der Südtiroler in Italien mit denen Jesu Christi vergleichen soll und die bei keinem Schützenumzug fehlt.


Emotionale Südtirol-Debatte. Die „Unrechtsgrenze“, die Tirol teilt, sorgt auch heute noch für Emotionen. Als der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf in der „Presse am Sonntag“ eine Volksabstimmung über eine Rückkehr Südtirols zu Österreich forderte, führte das zu einer tagelangen, heftigen Diskussion. Eine solche Abstimmung würde mittlerweile wahrscheinlich negativ ausgehen. Die Jungen können mit diesem Nationalismus wenig anfangen, und im grenzenlosen Europa hat man längst die Europaregion Tirol etabliert.

Die Politik holt sich Hofer immer dann wieder hervor, wenn es darum geht, das Land für oder gegen etwas zu einen. Dann erklingt stets der Schlachtruf „Mander s'isch Zeit“. Selbst die Grünen, sonst gerne Hofer-kritisch, besannen sich des Kämpfers, als es im Europawahlkampf 1996 gegen den Alpentransit ging. Wie oft Eduard Wallnöfer den Schlachtruf tätigte, ist unzählbar. Der legendäre Landeshauptmann verstand es wie kein anderer, mit dem Mythos Politik zu machen. Wie bei einer kurzen Diskussion darüber, ob nicht Osttirol an Kärnten angeschlossen werden soll. Wallnöfers damaliger knapper Kommentar: „10.000 Schützen und sonst noch ein paar Leut', die dagegen sind.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2010)