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Bye, bye Boris – das unernste Talent

Boris geht. Außenminister Johnson kündigte am Montag überraschend seinen Rücktritt an.
Boris geht. Außenminister Johnson kündigte am Montag überraschend seinen Rücktritt an.(c) REUTERS (Stefan Wermuth)
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Außerhalb der Regierung droht Johnson der Regierung noch gefährlicher zu werden als innerhalb.

London. Im Mittelpunkt des politischen Wirkens von Boris Johnson stand immer nur ein Thema: Boris Johnson. Mit seinem Rücktritt gestern, Montag, löste er einen politischen Knalleffekt aus, der bis zum Sturz der Regierung von Premierminister Theresa May führen könnte. Sein wohl bekanntester Ausspruch bringt sein Denken wohl auch am besten auf den Punkt: „Wenn ich die Wahl habe, den Kuchen zu haben und den Kuchen zu essen, ist meine Position, dass ich ihn sowohl haben als auch essen möchte.“

Mit saloppen Sprüchen, knalligen Reden und flapsigen Antworten konnte Johnson seit seinem Eintritt in die Politik rasch die Herzen der Briten gewinnen. Der Wuschelkopf und das schlampige Auftreten von BoJo sind Kult. Schon in seinem früheren Beruf als Journalist wurde Johnson rasch zur Legende – nicht immer aus den richtigen Gründen: Nach einem ausgezeichneten Studium der Klassik in Oxford gewann der brillante Stilist raschen einen Job bei der angesehenen „Times“. Als sein Chefredakteur allerdings herausfand, dass er es mit den Fakten und den Recherchen nicht gar zu ernst nahm, war Johnson den Job bald wieder los.

Doch wie Johnson selbst von sich sagte: Er hat ein unfehlbares Talent, sich sein eigenes Unglück einzubrocken – und auch wieder herauszufinden. In seiner nächsten Station als Brüssel-Korrespondenten erfreute er mit (ebenfalls oft frei erfundenen) Schauergeschichten nicht nur das europaskeptische britische Publikum. Auch die damalige Premierminister Margaret Thatcher habe amüsiert ein Auge auf ihn geworfen, hieß es. So dauerte es auch nicht lange, bis er in die Politik wechselte. Aber auch hier endete seine erste Amtsperiode als Abgeordneter für den Wahlkreis Henley unrühmlich. Johnson wurde vom damaligen Parteichef Michael Howard 2008 hinausgeworfen, denn wieder einmal hatte er es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Dieses Mal ging es aber um für einen Konservativen eher unziemliche außereheliche Aktivitäten.

 

Bürgermeister in London

Als Bürgermeister von London (2008-10) nützte Johnson aber die Bühne einer der größten Städte der Welt, um sich landes- und bald auch weltweit in Szene zu setzen. Bar realer politscher Verantwortung warb er unermüdlich für die britische Hauptstadt, engagierte sich erfolgreich für die Olympia-Bewerbung, umgarnte Investoren und warb um Entscheidungsträger ebenso wie um Meinungsbildner. Damals war er ein liberaler Konservativer, der unter anderem sagte: „Wir können uns nicht vor Europa abwenden. Wir sind Teil von Europa.“

Zu einer politischen Gestalt nationaler Bedeutung wurde Johnson 2016 mit dem Brexit-Referendum, wo er nicht nur ein Wortführer für den Ausstieg war. Die EU verglich er nun mit Hitler und Napoleon, den Wählern versprach er 350 Millionen Pfund in der Woche zurück und die Wiederherstellung der vollen Souveränität. Er sagte all das, und noch viel mehr, aber gleichzeitig war man nie sicher, ob er alles ganz ernst meinen würde. Vom Sieg des Brexit-Lagers war er so schockiert, dass es ihm buchstäblich die Sprache verschlug. Er tauchte vorerst unter.

An seiner Stelle schaffte es Theresa May, die Führung der Konservativen zu übernehmen. Zu allgemeinen Überraschung nahm sie ihn als Außenminister in ihr Kabinett, wohl in der Erwartung in innerhalb der Regierung besser kontrollieren zu können als außerhalb. Ein Trugschluss.

Oft war May in den vergangenen zwei Jahren gefragt worden, wie lange sie sich noch von Johnson unterminieren lassen wolle. Stets hatte sie geantwortet: „Boris ist Boris.“ Am Ende schien aber nicht mehr viel Sympathie übrig zu sein. Im Parlament dankte sie ihm gestern lediglich für seine „Leidenschaft“. Ob ihn die nun dazu bringen wird, May direkt herauszufordern, war für alle Beobachter die entscheidende Frage.

Nichts dergleichen hat May von ihrem früheren Brexit-Minister David Davis zu befürchten, Er wurde durch den 44-jährigen Staatssekretär Dominic Raab ersetzt. Der Vater zweier Kinder und Sohn eines tschechischen Juden, der 1938 vor den Nazi Zuflucht finden konnte, ist ebenfalls ein Brexit-Verfechter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2018)