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Die letzten Tage der Menschheit in Alpbach: „Man muss hinschauen wollen“

Luiza Puiu

Präparierte Ratten, die Szenen aus Karl Kraus' „letzten Tagen der Menschheit“ nachspielen: Deborah Sengl hat ihre Ausstellung nun auch ins Alpbacher Congress Centrum gebracht.

„Wie gut die Ratten zum Thema des Forums passen, ist mir erst später aufgefallen“, sagt Deborah Sengl. Resilienz, also die Fähigkeit, mit Störungen und Belastungen in einem System fertig zu werden, sich anzupassen – diese Fähigkeit haben die Nagetiere. „Die würden auch einen Atomkrieg überleben.“ Die Rede ist von den rund 200 präparierten weißen Ratten im Kunst-Foyer des Alpbacher Congress Centrums. Sengl stellt mit ihnen Szenen aus Karl Kraus' Stück „Die letzten Tage der Menschheit“ nach, in dem der Autor in mehr als zweihundert lose zusammenhängenden Szenen die Unmenschlichkeit, Absurdität und den Zynismus des Ersten Weltkrieges darstellt.

2014 anlässlich des 100. Jahrestags des Kriegsbeginns hat die Wiener Künstlerin die Schau zunächst für das Essl Museum in Klosterneuburg gestaltet. Danach war die Ausstellung unter anderem im Kärntner Stift Millstatt, im Österreichischen Kulturforum in der slowakischen Hauptstadt Bratislava und in der Nationalgalerie in der albanischen Hauptstadt Tirana zu sehen. Nun ist sie beim Forum Alpbach gelandet. „Es war eher ein Zufall“, erzählt Sengl. Alpbach-Geschäftsführer Philippe Narval habe die Ausstellung beim Forum haben wollen – und über Sengls Mann sei dann der Kontakt zustande gekommen. Also stehen die Schaukästen mit den Ratten nun eben im Congress Centrum – angeordnet rund um den gläsernen Lichthof in Form eines Rundgangs.

Alle sind mitschuldig am Krieg

Der Zusammenhang mit der Resilienz, der ist bei den Ratten naheliegend. Beim zweiten Teil des heurigen Alpbach-Mottos, der Diversität, ist die Assoziation schon etwas schwieriger. „Alle Ratten sind weiß, bis auf den ,Nörgler', der das Geschehen von außen betrachtet – der ist schwarz“, sagt Sengl. Und doch sieht sie einige Aspekte der Diversität in ihren Figuren. Denn so wie Kraus in seinem Stück das Bild gezeichnet habe, dass irgendwie alle am Krieg mitschuldig sind, seien die von ihm beschriebenen Individuen – und analog dazu auch Sengls Ratten in den Schaukästen – doch alle ganz anders. „Und man hat oft Probleme, das andere zu akzeptieren“, meint die Künstlerin. „In der heutigen Zeit ganz besonders.“ Insofern sei die Ausstellung derzeit noch viel aktueller als 2014.

„In diesen vier Jahren ist viel passiert.“ Beispielhaft sei die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, aber auch der Rechtsruck in vielen Ländern, der auch populistische Strömungen in Regierungen gespült habe. Eine direkte Analogie der heutigen Zeit zu der Situation in Karl Kraus' Stück sieht sie aber nicht – „ich bin eine positive Zweckpessimistin, ich glaube nicht, dass wir vor dem Dritten Weltkrieg stehen“. Aber sehr wohl würden viele Dinge schleichend passieren, die Stimmung sich aufheizen und Hass wieder eine größere Rolle spielen. „Es kommt in kleinen Schüben. Und das ist viel gefährlicher als die großen Schritte, weil sie sich so einschleichen.“

Mitverantwortlich dafür seien auch die Medien – die traditionellen wie auch die sozialen. Sie, meint Sengl, würden eine negative Stimmung schaffen. Und wie in einer Echokammer würde die dann immer weiter reproduziert. „Medien könnten da eine viel positivere Rolle spielen.“

Schleichende Bedrohungen

Das Feedback zu ihrer Arbeit, das sei gemischt. Auf der einen Seite gebe es viele eher technische Fragen – etwa ob die Ratten extra für dieses Kunstwerk sterben mussten. (Nein – sie waren Futtertiere für Greifvögel und Schlangen. Nach ihrem Tod wurden nur die Felle erhalten und präpariert. Dazu arbeitete sie, so wie auch bei anderen Arbeiten, eng mit einem Tierpräparator zusammen.) Und auf der anderen Seite gebe es auch immer wieder inhaltliche Rückmeldungen – und da sei es besonders spannend, wenn Menschen das Werk von Karl Kraus nicht kennen. In Tirana, zum Beispiel, seien die Menschen meist ohne Wissen über das Stück in die Ausstellung gegangen. „Hierzulande kennt man ihn“, meint Sengl, „oder sollte ihn jedenfalls kennen.“ Was aber auf jeden Fall von den meisten verstanden werde: dass Bedrohungen oft schleichend daherkommen.

Kein klassisches Publikum

Besonders spannend an der Ausstellung in Alpbach sei, dass es hier eben nicht das klassische Museen- und Galerienpublikum gebe. „Ich verlasse auch gerne die Kunstwelt“, meint die Künstlerin. „Ich schätze die Auseinandersetzung mit Menschen in anderen Bereichen.“ Wobei das Forum auch für sie einige Überraschungen bereithielt. „Ich dachte bis jetzt, dass es da vor allem um Politik geht. Mir war nicht bewusst, was für eine tolle Arbeit mit jungen Menschen hier geleistet wird.“

Das sei auch etwas, das sie von ihrem ersten Aufenthalt aus Alpbach mitnehmen werde – die Energie und Begeisterung, mit der die Studenten aus der ganzen Welt hier zusammenarbeiten. Das sei schon ein anderes Setting als anderswo. Hier bei den Gesprächen im Tiroler Bergdorf sei man offener und bereit, auch neue Dinge zu lernen. „Man muss hinschauen wollen“, meint Sengl. Und viele Menschen würden das heute gar nicht mehr wollen. „Die wollen nichts mehr sehen, sondern einfach nur glauben, was sie denken.“

Zur Person

Deborah Sengl inszenierte 2014 im Essl Museum „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus mit präparierten Ratten. Die Ausstellung ist während des Forums im Alpbacher Congress Centrum zu sehen.

Art-Talk: Am 30. (19.30 Uhr) und 31. August (13 & 18 Uhr) führt die Künstlerin durch die Schau


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