Wirtschaftslehren aus der Fankurve

Rapidpräsident Michael Krammer.
Daniel Novotny

Rapid-Präsident Michael Krammer über unterschätztes Fußballmanagement, Lehren aus Fehlkäufen und von den Ultras – oder Taktik, die im Management wie am Rasen funktioniert.

Zwei Mannschaften, zwei Tore, wer öfter trifft, gewinnt – so kompliziert ist das am grünen Rasen an sich ja nicht. „Nachdem ich einige Jahre Unternehmen als CEO geführt hatte, dachte ich, einen Fußballverein zu führen, kann keine Hexerei sein. Dann bin ich drauf gekommen, im Fußball ist alles intensiver“, erzählt Michael Krammer aus der Zeit um 2013, als er nach Jahren als Mobilfunkmanager (Max.mobil, Telering, Orange) die Rapid-Präsidentschaft übernahm.

So einfach war das also nicht. „Rapid ist mit unglaublicher Emotion verbunden, das hatte ich unterschätzt. Der Umsatz ist volatil, hängt mit Spielerfolg oder Transfermarkt zusammen, und letztlich wird alles Wirtschaftliche völlig nachrangig, wenn wir nicht gewinnen.“ Dann kommen Öffentlichkeit und Fans dazu. „In der Wirtschaft heißt es immer, wir wollen Kunden zu Fans machen, was das bedeutet, sind sich viele nicht bewusst.“

In Alpbach zieht Krammer eine Art Fazit über Lehren aus dem Fußball für die Wirtschaft. Was also ist es, das man sich vom scheinbar banalen Spiel abschauen kann? „Viel. Man sagt, eine Firma ist gut aufgestellt – woher kommt das? Es geht um Taktik, Aufstellung, Zusammenspiel. Man kann das vom Feld übertragen, die Spieler wären Mitarbeiter, der Trainer der CEO, der Doppelpass ein soziales System, eine Flanke ein Angebot zur Zusammenarbeit.“

Das Gefüge braucht Beachtung

Ein Lerneffekt ist für ihn auch der Fokus auf die Zusammensetzung von Teams: „Wir schauen im Recruiting auf Fähigkeiten und Leistungsbereitschaft, aber zu wenig auf Umfeld und Teamgefüge. Passt jemand hinein? Habe ich zu viele gleiche? Wir haben bei Rapid junge Spieler geholt, die top waren, aber nicht mit der Öffentlichkeit, dem Status der Rapidspieler in Wien, umgehen konnten. Auch Fehlkäufe haben mir viel über den Faktor Leistungsumfeld gezeigt.“

Der zweite zentrale Lernfaktor für ihn: Der ideelle Gedanke, die Frage, „Was macht uns aus?“ Sinnfragen stellen sich Fans im Stadion selten – „deren Beziehung zu Rapid ist eine der stärksten, die es gibt. Man wechselt vielleicht den Mann oder die Frau, Partei, Religion. Aber nie den Verein“. In der Wirtschaft ist das anders. „Die Sinnfrage ist unterschätzt, wir fragen in der Wirtschaft nach dem Wie und dem Was, selten nach dem Warum. Dabei sieht man bei allen supererfolgreichen Unternehmen, dass sie ideelle Ziele haben – am Ende immer ein Verbessern der Welt.“

Ein Leitbild zur Motiavtion - für Verein und Firma 

Für wirkliche Identifikation von Kunden oder Mitarbeitern brauche man diesen Sinn. Auch in seinem Stammmetier, dem Mobilfunk, hat er das nun klar definiert: „Unser ideelles Ziel ist Freiheit für alle Mobilfunknutzer“, sagt Krammer, der 2013 den virtuellen Mobilfunkanbieter Ventocom gegründet hat, über den branchenfremde Marken, Hofer oder eben Rapid, als Mobilfunkanbieter auftreten.
Ein systematisches Leitbild hat nun auch Rapid. Gestützt von einer Mitgliederbefragung wurde das als „Gemeinsam, kämpfen, siegen“ formuliert.

Marktforschung unter Fans, die Entwicklung eines Leitbildes – sind das Indikatoren einer Kommerzialisierung? „Es ist ein ständiges Austarieren, ein Pendeln zwischen Welten“, sagt Krammer. Zum einen, Rapid als Firma so zu führen, dass es ein Mitgliederverein bleibt, der nicht an Oligarchen oder Konzerne verkauft wird – andererseits zu verhindern, dass der Stadionsprecher den Sponsor jedes Eckballs ansagen muss, weil fast jeder Grashalm verkauft wird.

Also Austarieren, wo man Geld und Umsatz liegen lassen muss, um den ideellen Wert zu erhalten – und wo man Fans und Mitglieder überzeugen muss, dass die Bilanz stimmen sollte. „Die Besonderheit der Marke bedarf besonderes Abwiegen.“ Und das braucht auch die, nennen wir sie so, spezielle Fankultur, für die Rapid auch bekannt ist.

Weg vom Klischee

Ist es mühsamer, so einem Club als Präsident vorzustehen als einem Unternehmen? „Der Unterschied ist, bei einem Communityverein wie Rapid sind die Mitglieder eine Art Shareholder, sie zahlen dafür. Du hast sie nicht auf der Payroll und kannst durchgreifen. Es gibt keine Alternative zur steten Debatte“. So wurden zum Interessensabgleich schon Gesprächsrunden zwischen Anführern der Ultras und Sponsorenvertretern initiiert. „Da gab es auf beiden Seiten ein ,Aha!‘ und erstaunlich konstruktive Gespräche“. Nachsatz: Auch wenn das ganze Verständnis „in der Fankurve in einer Zehntelsekunde weg ist. Trotzdem gibt es keine Alternative zur steten Debatte.“

Krammer will nun andere Aspekte als das Rapid-Klischee, soziales oder karitatives Engagement junger Fans etwa, stärker zeigen. In Alpbach, sagt er, sei Rapid dabei, um zu zeigen, „dass da mehr dahinter ist“, ein weitsichtiges Unternehmen, statt einem Club, bei dem es nur um banalen Fußball geht.