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Pakete suchen ihren Weg wie Mails

FILE PHOTO: United Parcel Service employees work at the new package sorting and delivery UPS hub in Corbeil-Essonnes and Evry
Die Warenströme sollen in Zukunft eine Art „physisches Internet“ bilden.(c) REUTERS (Charles Platiau)
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Physisches Internet. Offene, global vernetzte Logistiksysteme sollen Waren ähnlich wie E-Mails, und damit schneller, effizienter und umweltfreundlicher ans Ziel bringen.

Man stelle sich Folgendes vor: Nach einer Onlinebestellung beim Lebensmittelhändler werden die georderten Waren automatisch in passende Boxen verpackt. Diese sucht daraufhin eigenständig ein adäquates, in der Nähe befindliches Transportmittel, um möglichst rasch zur der Wohnadresse nächstgelegenen Abholstation gebracht zu werden. Weil auch Schokolade darunter ist, aber gerade die hochsommerliche Hitzewelle rollt, wählt die Box nicht einfach irgendein Fahrzeug, sondern ein klimatisiertes. Was wie Science Fiction klingt, könnte in einigen Jahren Realität werden. Und zwar als Physisches Internet (PI). „In Zukunft sollen Güter so versendet werden wie heute Mails“, sagt Florian Ehrentraut vom Institut für Technische Logistik der TU Graz. Nur, dass beim physischen Internet standardisierte Güter an die Stelle der Datenpakete treten. Und in standardisierten Boxen verschickt werden, die laut Ehrentraut letztendlich auch automatisch verladen werden können. Er sieht in der Technologie einen „radikalen Ansatz, der das bestehende System umwerfen kann“.

Auch Oliver Schauer, Leiter des Kompetenzbereichs Verkehrslogistik & Mobilität an der FH OÖ in Steyr, ist davon überzeugt, dass das Physische Internet anhand der Analogien zum digitalen Internet die Logistik neu gestalten wird. „Dieses offene, globale Logistiksystem beruht auf physischer und digitaler Vernetzung. In Zukunft könnte die weltweite Distribution ähnlich wie das digitale Internet unabhängig von bestimmten Frachtführern und Verkehrsträgern erfolgen“, beschreibt Schauer. „Wenn Sie ein Mail abschicken, interessiert es Sie ja auch nicht, welche Router, Kabel und Provider es nimmt“, erklärt Schauer.

Die Vorteile: Güter könnten rascher und effizienter befördert, Kapazitäten optimal ausgenutzt werden, Kraftstoffverbrauch und Emissionen würden reduziert. Das zeigt eine auf Simulationen basierende Studie von Benoit Montreuil, Professor an der Georgia Tech University, dem „Erfinder“ des physischen Internets. Demnach könnte ein großer Lebensmittelhändler in Frankreich die zurückgelegten Entfernungen um 23, den Kraftstoffverbrauch um 29 und die durchschnittliche Lieferzeit um 79 Prozent senken.

 

Pilotprojekt bestätigt Potenzial

Mittlerweile werden diese Simulationen in Echtzeitprojekte umgesetzt: Eines davon, das zweijährige Forschungsprojekt „Atropine – Fast Track To The Physical Internet“, wurde vor kurzem abgeschlossen. An Bord waren neben dem Logistikum Steyr die Johannes Kepler Universität Linz, der FH OÖ Campus Hagenberg sowie Industriepartner und Logistikdienstleister. „Es hat sich gezeigt, dass die Gesamtkilometerleistung um 25 Prozent zurückgegangen ist, die Anzahl der Fahrten konnte um 20 Prozent reduziert werden“, zieht Schauer Bilanz. Bei den Gesamtkosten sei eine Verringerung um bis zu 15 Prozent möglich. Doch nicht nur monetäre und ökologische Vorteile sind möglich. Auch die Arbeitsbedingungen der LKW-Fahrer würden sich verbessern, glaubt Ehrentraut. Statt Fernfahrten zu absolvieren, würden sie nur noch von Hub zu Hub fahren und könnten abends bei den Familien sein.

Noch steckt diese Technologie allerdings in den Kinderschuhen. „Der wunde Punkt ist die Verpackung“, sagt Ehrentraut. „Dafür brauche es Standards. „Aber es ist ausgeschlossen, dass es für alle Produkte einen Typ Container geben kann, es wird wohl branchenspezifische Lösungen geben“, sagt Ehrentraut, der 2016 im Rahmen des EU-Projektes Modulushca (Modular Logistics Units in Shared Co-Modal Networks) Prototypen standardisierter Behälter in verschiedenen Größen mitentwickelt hat.

 

Pakete werden selbst „smart“

Von diesen Boxen oder Containern als „Verpackung“ zu reden, ist übrigens weit untertrieben. Denn sie sind wesentlich mehr als das: So speichern sie in Smart Tags Informationen über die in ihnen transportierten Güter, die Temperatur, Beschleunigungswerte des Fahrzeugs und andere Daten. Darüber hinaus kommunizieren die Container untereinander sowie mit der Logistik-Infrastruktur, um eigenständig den für sie am besten geeigneten Transportweg suchen.

Neben fehlender Verpackungsstandards gibt es noch weiter Hürden: „Es ist die Frage, wer zuerst in diese Container oder in Handhabungssysteme in Lagern und Logistikzentren investiert. Das wird ein riesiger finanzieller Aufwand“, sagt Ehrentraut. Schauer sieht darüber hinaus noch andere Stolpersteine: „Für mich ist weniger die Technologie das Hemmnis, sondern der Kopf“. Denn die Unternehmen müssten für das Physische Internet Transportkapazitäten und andere sensible Daten preis- und die Kontrolle von Prozessen aus der Hand geben. „Es geht um Vertrauen, Kooperation und Datensicherheit“, sagt Schauer. Dass das Projekt scheitern könnte, glaubt er nicht: „Die Community, die das Physische Internet vorantreibt, wird immer größer“. Auch die europäische Forschungsplattform Alice (Alliance for Logistics Innovation through Collaboration in Europe) ist optimistisch: Ging sie 2016 davon aus, das Physische Internet bis 2050 umsetzen zu können, so hat sie Ende 2017 ihre Prognose deutlich nach unten revidiert: auf 2030.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2018)