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Stephen Hawking hatte nichts gegen Gott

Physiker Stephen Hawking (1942–2018).
Physiker Stephen Hawking (1942–2018).(c) APA/AFP/ANDREW COWIE
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Gibt es einen Gott? Wie hat alles angefangen? Werden wir auf der Erde überleben? Wie gestalten wir unsere Zukunft? Die nun erschienenen „Kurzen Antworten“ des im März gestorbenen Physikers sind bestürzend naiv.

„Es gibt kan Gott“, konstatierte der Wiener Liedermacher Sigi Maron (1944–2016) auf seinem letzten, mit diesem schlichten Satz betitelten Album. Und vor dem Refrain zählte er auf, was es alles in seinen Augen sehr wohl gebe: nämlich Gute, Schlechte, Linke, Rechte, unten, oben, Wien, Leoben, G'scheite, Deppen, Wiesen, Steppen, Schwarz und Rot.

Nun, zu ganz so entschiedenen Existenzaussagen ist der englische Physiker Stephen Hawking (1942–2018) im ersten Kapitel seines nun erschienenen Buchs „Kurze Antworten auf große Fragen“ nicht gelangt. Immerhin trägt es den Titel „Gibt es einen Gott?“. Dies sei „eine berechtigte Frage im Bereich der Wissenschaft“, erklärt Hawking, drei Seiten nachdem er versichert hat: „Dabei habe ich gar nichts gegen Gott. Auf keinen Fall möchte ich den Eindruck erwecken, in meiner Arbeit gehe es darum, die Existenz Gottes zu beweisen oder zu belegen.“

Man darf ihm posthum widersprechen. Genau diesen Eindruck hat er in seinen populärwissenschaftlichen Büchern erweckt, und das war ein Grund für seinen Ruhm. „Wenn das Universum wirklich völlig in sich abgeschlossen ist“, schrieb er in der „Kurzen Geschichte der Zeit“ (1988), „dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende: Es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“ Dieser Anschauung ist er nicht treu geblieben: „Die von Roger Penrose und mir bewiesenen Theoreme zeigten, dass das Universum einen Anfang gehabt haben muss“, heißt es im neuen Buch.

Aus mathematischen Theoremen soll schlüssig eine Aussage über die physikalische Welt folgen: Was für ein irrer Glaube! Physiker, die diesem Glauben anhängen, kann man nur bitten, Kants „Kritik der reinen Vernunft“ zumindest in einer „Reader's Digest“-Version zu lesen. Hawking hat das offenbar nie getan: Kant habe geglaubt, dass die Zeit absolut sei, schreibt er, „mit anderen Worten, sie reichte von der unendlichen Vergangenheit bis zur unendlichen Zukunft“. Das mag (man verzeihe den billigen Spott) Kant in einem anderen Universum gesagt haben, in diesem sah er Raum und Zeit als „Anschauungsformen“, abhängig vom erkennenden Subjekt. Und dass wir grundsätzlich nicht sagen können, ob die Welt einen „Anfang in der Zeit“ habe oder nicht.

Die quasi transzendentale Aussage, dass das Universum, wie Hawking sagt, gleich mit Raum und Zeit „spontan aus nichts“ entstanden sei, hilft nicht aus dem Dilemma der reinen Vernunft. Die Anmaßung, diese über ihr Zuständigkeitsgebiet hinaus zu strapazieren, hat der theoretischen Physik der letzten zwei Jahrzehnte ja eine riesige, vielleicht gar unendliche Flut an Universen eingebracht, die, nur weil die Theorie sie erlaubt, existieren sollen, auch wenn sie der Erfahrung nicht zugänglich sind. „Die Stringtheorien“, schreibt Hawking, „sagen voraus, dass eine große Zahl von Universen, entsprechend den vielen verschiedenen möglichen Geschichten, aus dem Nichts geschaffen worden ist.“

Man könnte nun darüber grübeln, ob dieses (großgeschriebene) Nichts dasselbe ist wie das oben genannte, eines bestimmten Artikels entbehrende, daher klein geschriebene; jedenfalls ist (bzw. war) Hawking gewiss, dass seine Transformation in ein Universum – oder eben in viele Universen – „ganz in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen“ passiert sei. Und wer diese kenne (die Physiker also, die sie gleich selbst schreiben), kenne die Gedanken Gottes. „Meine Vorhersage lautet: Wir werden am Ende dieses Jahrhunderts wissen, was Gott denkt.“

 

„Wir alle sind Zeitreisende“

Bestürzend naiv sind auch Hawkings Exkurse über künstliche Intelligenz: Er glaube nicht, „dass es einen qualitativen Unterschied zwischen dem Gehirn eines Regenwurms und dem eines Computers gibt“, schreibt er. Also würden die Computer „in den kommenden hundert Jahren die Menschen hinsichtlich der Intelligenz überholen“. Und dem Quantencomputer prophezeit er sogar, dass er „die Biologie des Menschen verändern“ werde.

Genug. Will jemand noch von Hawking wissen, ob wir auf der Erde überleben werden? Wir müssen zu den Sternen, das hat er oft gesagt, und das liest man auch in diesem seltsamen Kompendium. Aufgepoppt mit Sätzen, die man bisher eher Matthias Strolz zugeschrieben hätte: „Wir alle sind Zeitreisende, die gemeinsam auf dem Weg in die Zukunft sind. Lasst uns also gemeinsam daran arbeiten, aus dieser Zukunft einen Ort zu machen, den wir gerne besuchen. Seid tapfer, neugierig, entschlossen und überwindet alle Widrigkeiten! Wir können es schaffen!“
Darauf gibt es wirklich nur mehr eine (sehr) kurze Antwort, Bob der Baumeister hat sie uns überliefert: Yo!

Info

Stephen Hawking
„Kurze Antworten auf große Fragen“
Klett-Cotta Verlag
254 Seiten, 20 €

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2018)