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Darf man einen Flughafen nach einem Vergewaltiger benennen?

Santiago du Chili 1972 Portrait du poete Pablo Neruda dans sa maison � Isla Negra en banlieue de l
Pablo Neruda wurde 1971 der Nobelpreis für Literatur verliehen(c) imago/Leemage (imago stock&people)
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In Chile soll ein Flughafen den Namen des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda tragen. Doch es gibt Protest, denn der Poet hat in seinen Memoiren eine Vergewaltigung gestanden.

In Chile ist eine heftige Debatte über den Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda entfacht. Es gibt Proteste gegen den Plan, den Flughafen von Santiago nach dem Schriftsteller zu benennen. Kritikpunkt der Aktivisten: Neruda hat in seinen Memoiren gestanden, eine Frau vergewaltigt zu haben, berichtet der „Guardian“. Die Umbennenung sei daher unangebracht.

Die Memoiren sind zwar schon vor mehr als 40 Jahren erschienen, doch erst jetzt sorgt die Vergewaltigung für eine Debatte. In Chile, so der „Guardian“, hat die Proestkultur in den vergangenen Jahren an Stärke gewonnen, auch durch die globale #metoo-Bewegung. In gesellschaftlichen Fragen ist Chile fortschrittlicher als andere lateinamerikanische Lander. In den vergangenen Jahren wurde etwa die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt und Abtreibungen in einigen Fällen legalisiert.

Es gebe keinen aktuellen Grund, den Flughafen umzubenennen, sagte eine Aktivistin dem „Guardian“. Schon gar nicht jetzt, da „Frauen gerade erst angefangen haben, Missbrauchstäter bloßzustellen.“ Derzeit trägt der Flughafen den Namen von Arturo Merino Benítez, dem Gründer der chilenischen Luftwaffe und der nationalen Luftlinie.

„Sie hatte ihre Augen die ganze Zeit offen“

In seinen Memoiren schildert Neruda, wie er 1929, als er als Diplomat in Ceylon (heute Sri Lanka) stationiert war, ein Hausmädchen vergewaltigte. Sie habe seine Avancen ignoriert, schreibt der Nobelpreisträger in der posthum erschienenen Autobiografie „Ich bekenne, ich habe gelebt“. Da habe er sie „mit festem Griff am Arm gepackt“ und in sein Schlafzimmer gezogen. Der Geschlechtsverkehr selbst sei „wie zwischen einem Mann und einer Statue“ gewesen: „Sie hatte ihre Aufgen die ganze Zeit offen und war völlig teilnahmslos“, heißt es in den Memoiren. „Sie hatte jedes Recht, mich zu verachten.“

„Sehr wenige Menschen benehmen sich bewundernswert“

Die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende, die sich stark für Frauenrechte einsetzt, spricht sich für die Umbenennung aus. Sie sei zwar abgestoßen von einigen Aspekten aus Nerudas Leben, sagte sie dem „Guardian“. Aber das schmälere sein schriftstellerisches Werk nicht.

„Sehr wenige Menschen – insbesondere mächtige oder einflussreiche Männer – benehmen sich bewundernswert“, sagt Allende. „Unglücklicherweise war auch Neruda ein Mensch mit Fehlern, wie wir alle in der einen oder anderen Weise, aber 'Canto General' ist trotzdem ein Meisterwerk.“ Der Gedichtzyklus über den Kampf Lateinamerikas gegen den Kolonialismus gilt als ein Hauptwerk des Dichters. 1971 hatte er den Nobelpreis für Literatur „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“ erhalten, wie die Schwedische Akademie formulierte. 

Neruda wurde möglicherweise ermordet

Pablo Neruda hat Chile nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als politischer Aktivist geprägt. Er war ein Freund des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende und starb am 23. September 1973, nur zwölf Tage nach dem Militärputsch Pinochets, im Alter von 69 Jahren. Als offizielle Todesursache wurde Krebs angegeben, doch das haben internationale Experten heuer ausgeschlossen.

Um die Todesursache zu klären, hatte die chilenische Justiz 2013 die Exhumierung von Nerudas Überresten angeordnet. Ein 16-köpfiges Gremium von Fachleuten aus Kanada, Chile, Spanien, Dänemark und den USA hat die über Jahre gesammelten Gerichtsakten und medizinischen Befunde analysiert.

Ungeklärt ist, ob der Dichter und Gegner des Militärmachthabers  Pinochet womöglich ermordet wurde. Die Familie des Schriftstellers geht davon aus, dass er vergiftet wurde. 2013 hatte sein Chauffeur Manuel Araya seinerseits berichtet, Neruda sei nach einer mysteriösen Injektion am Vorabend seiner geplanten Ausreise nach Mexiko gestorben.

Neruda wollte nach Mexiko ins Exil gehen, um sich dort in der Opposition gegen Pinochet zu engagieren. Seine Beisetzung wurde zur ersten großen Protestaktion gegen Pinochets Militärherrschaft. Immer wieder skandierten seine Anhänger „Kamerad Pablo Neruda“ und die Menge antwortete „Anwesend“. Pinochet herrschte bis 1990.

>> Bericht im „Guardian“

(her/APA/dpa)