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Werden Laien endlich ernst genommen?

Gegen Zölibat und für Diakoninnen: Der Linzer Bischof Scheuer richtet diese Wünsche an den Papst. Werden Laien endlich ernst genommen?

Der Leidensdruck muss schon groß sein, wenn ein Bischof wie Manfred Scheuer, kein ungestümer Reformer, vorprescht. Er hat sich Mut ge- und einen Brief an Papst Franziskus verfasst. Darin bittet er um eine Audienz bei seinem irdischen Chef. Gehe nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst? Das Befolgen des Satzes mag manchmal hilfreich sein. Im konkreten Fall ganz und gar nicht.

Denn es geht um nichts Geringeres als um Änderungen auf Ebene der Weltkirche. Konkret verlangt Bischof Scheuer dreierlei: die Abschaffung des Zölibats, also des vor der Priesterweihe abzulegenden Gelöbnisses, ehelos zu bleiben; die Möglichkeit des Dispenses vom Zölibat für bereits Geweihte; und, vielleicht zunächst am leichtesten umzusetzen, aber mit potenziell besonders weitreichenden Folgen (Tabuthema Priesterinnen!): die Weihe von Frauen zu Diakoninnen. Ob es Zufall ist, dass die Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken erst am Freitag in Bonn dieselben Forderungen erhoben hat?

Mit der Wunschliste nicht gerade an das Christkind, sondern an Jesus Christi Stellvertreter auf Erden wendet sich also Bischof Scheuer für seine Oberösterreicher nach Rom. Was ist mit den Wienern? Den Steirern, Salzburgern, was mit den Vorarlbergern? Stehen die den genannten Wünschen gleichgültig oder gar ablehnend gegenüber? Ist Oberösterreich die unrühmliche(?) Ausnahme? Das muss ausgeschlossen werden.

Woher diese Gewissheit kommt? Genau vor 20 Jahren – so lang ist es schon her – hat der heutige Grazer Altbischof Johann Weber für den damals plötzlich erkrankten Kardinal Christoph Schönborn die Salzburger Delegiertenkonferenz zum Abschluss des „Dialogs für Österreich“ leiten müssen. Damals gab es Voten zu unterschiedlichen Themen, natürlich keine Beschlüsse – wo kämen wir denn da hin! Mit Zweidrittelmehrheit wurden (haben wir es schon erwähnt? Vor 20 Jahren!) unter anderem genau die jetzt von Bischof Scheuer genanten Forderungen gutgeheißen.

Stimmberechtigt waren zu jener Zeit Delegierte aller Diözesen. Und: Die Bischöfe selbst haben deren Auswahl vorgenommen. Seither ist der Prozess versandet und vergessen, tragende Persönlichkeiten haben sich aus dem Kirchendienst verabschiedet. Kein Symposium, keine Veranstaltung von Rang hat an das Jubiläum des Delegiertentags erinnert. So viel dazu, wie ernst in der katholischen Kirche Laien genommen werden, wenn sie sich nicht exakt so verhalten, wie Bischöfe das gern hätten.

Umso überraschender mutet das aktuelle Agieren des Linzer Bischofs Scheuer an, der von einem „Rumoren“ im Kirchenvolk spricht. Wenn nicht alles täuscht, kann sein ungewöhnlicher Alleingang Richtung Rom so gedeutet werden: Es gibt neuerdings auch Rumoren unter den Bischöfen.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2018)