Jihadisten-Prozess: Aufregung um einsamen Koffer vor Gericht in Graz

Ein blaues Gepäcksstück versetzte das Wachpersonal in Aufregung, der zweite Verhandlungstag begann mit Verspätung. Vor Gericht stehen zwei Männer, ein Österreicher und ein Bulgare.

Im Grazer Straflandesgericht ist am Dienstag der Prozess gegen zwei mutmaßliche Jihadisten fortgesetzt worden. Sie sollen beide mit der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sympathisiert haben. Einer soll Mitglieder angeworben haben, beim zweiten wurden umfangreiche Anleitungen für terroristische Aktivitäten gefunden. Zunächst sorgte am zweiten Verhandlungstag aber ein Koffer für Aufregung.

Dass die beiden Angeklagten als äußerst gefährlich eingestuft werden, zeigte sich nicht nur in der umfangreichen Bewachung durch Polizei und Justizwache, sondern auch an der Aufregung, die ein Koffer vor Verhandlungsbeginn vor dem Gerichtsgebäude auslöste. Das blaue Gepäckstück stand beim Eingang und konnte zunächst niemandem zugeordnet werden. Daraufhin wurde niemand mehr in das Gerichtsgebäude gelassen, die Absperrung wurde großräumig angesetzt. Wie sich kurze Zeit später herausstellte, gehörte der Koffer einer Frau, die offenbar jemanden besuchen wollte - die Haftanstalt Jakomini ist ebenfalls im Haus - und ihn einfach vergessen hatte.

Österreicher hatte "zentrale ideologische Rolle"

Die Verhandlung begann dadurch mit einiger Verzögerung. Zunächst wurden Zeugen vom Verfassungsschutz gehört, die teilweise bei den Hausdurchsuchungen bei den beiden Verdächtigen dabei gewesen waren. Der ältere der Angeklagten, ein 38-Jähriger Österreicher, soll in einem radikalen Glaubensverein in Wien "eine zentrale ideologische Rolle" eingenommen haben.

Laut Anklage hat er mehrere Personen, darunter zwei Ehepaare mit insgesamt neun Kindern überredet, nach Syrien zu gehen und sich dem Jihad anzuschließen. Bei der Hausdurchsuchung fand sich bei ihm ein Testament, das er erst kurze Zeit vorher verfasst hatte. Ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes beschrieb ihn als Vertreter einer "ursprünglichen Richtung des Islam, die alle demokratischen Strömungen ablehnt". Er lehnt auch das Gericht ab, außerdem seinen Pflichtverteidiger, der daher nur schweigend der Verhandlung beiwohnt.

Beim jüngeren Beschuldigten, einem 24-jährigen Bulgaren, wurde man bei der Hausdurchsuchung fündig. Die Beamten entdeckten einen USB-Stick mit Anleitung für Sprengstoffherstellung, Erzeugung und Einsatz von chemischen Waffen, Zündung mittels Handy und ähnlichem. "Das war ein Lehrgang zur Durchführung von Terroranschlägen" befand der Staatsanwalt. Zusätzlich wurden beim Beschuldigten an der Türschnalle seines Zimmers Spuren des Sprengstoffs TNT (Trinitrotoluol) gefunden.