Verlängerte Asteroid die jüngste Eiszeit?

Der 31 Kilometer große Krater auf Grönland.APA/AFP/NASA/JOHN SONNTAG

Geologie. In Grönland hat sich ein Einschlagkrater gefunden, der ein Klimarätsel lösen könnte, das der Jüngeren Dryas.

Vor 10.700 Jahren breitete sich in Europa die Weiße Silberwurz – Dryas octopetala – wieder aus, die sich zuvor zurückgezogen hatte, in den Norden und auf die Berge, weil die jüngste Eiszeit zu Ende war. Aber nun wurde es wieder kälter, um acht Grad und für tausend Jahre. Der dänische Biologe und Geologe Knud Jessen nannte 1935 diese Periode nach der Blume – Jüngere Dryas – spätestens seit damals sucht man Erklärungen für die Klimaanomalie.

Sie konzentrierten sich auf den großen Wärmetransport der Ozeane durch ein Förderband („conveyor belt“), das im Nordatlantik beginnt: Dort stürzt Oberflächenwasser in die Tiefe, kilometerweit, es wandert um die Erde und kehrt als warmes Oberflächenwasser an Europas Küsten zurück, als Golfstrom. Aber der kann Wärme nur bringen, wenn im Atlantik Wasser in die Tiefe gestürzt ist. Und das kann es nur tun, wenn sein Salzgehalt hoch ist, der macht es dicht.

Kommt viel Süßwasser dazu, kommt am anderen Ende keine Wärme. Das hätte geschehen können, als nach der Eiszeit die Gletscher Nordamerikas schmolzen und sich hinter Eismauern zu riesigen Seen sammelten. Als sie durchbrachen, in den Atlantik, könnte das die Jüngere Dryas initiiert haben. Es haben sich nur keine Flusstäler gefunden.

Und für den Auslöser der Jüngeren Dryas gibt es seit etwa 20 Jahren noch einen Kandidaten: Ein Asteroid sei über Nordamerika explodiert, die in Brand gesteckten Wälder hätten den Himmel verdunkelt. Einen Krater gibt es nicht, aber von einer kleinen Forschergruppe wurden immer neue Indizien vorgezeigt, die bei der Mehrheit auf immer harschere Kritik stießen.

Aber nun hat man einen Krater gesichtet, nicht in Nordamerika, sondern in Grönland, er liegt tief unter dem Eis, hat 31 Kilometer Durchmesser und stammt von einem eisenhaltigen 1,5-Kilometer-Asteroiden, der mit einer Sprengkraft von 700 Megatonnen einschlug (die Bombe von Hiroshima hatte 13 Kilotonnen; der Einschlag in Chicxulub, der die Saurier ausrottete, 100 Millionen Mal so viel).

Sprengkraft von 54 Hiroshima-Bomben

Teile des Asteroiden kannte man schon – ein 20-Tonnen-Fragment, das auf dem Eis gelandet war, diente Inuit als Quelle für das Eisen ihrer Harpunen –, und eine verdächtig runde Formation bei Hiawatha im Nordwesten der Insel hatte man beim Überfliegen mit Radar auch schon gesichtet. Aber solche Formationen können auch von Vulkanen stammen. Deshalb nahm Kurt Kjær (Naturhistorisches Museum Kopenhagen) alles näher in Augenschein, aus der Luft und auf dem Boden, er fand in Sedimenten Gläser und geschockten Quarz, die nur durch einen Einschlag entstanden sein können (Science 362, S. 738).

Allerdings weiß man nicht, wann der kam, es war irgendwann in den vergangenen 100.000 Jahren (zuvor war die Region eisfrei, der Krater wäre durch Erosion eingeebnet worden): Kjær hat Hinweise darauf, dass es vor 11.700 Jahren war, darauf deuten etwa Schichtungen des Eises in der Umgebung, andere Forscher sehen einen früheren Zeitpunkt. Aber wann auch immer: Der Einschlag muss enorme Mengen von Schmelzwasser in den Nordatlantik gebracht und den „conveyor belt“ stillgelegt haben.