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Wie uns mehr Wissen über Finanzfragen nützt

Die Finanzbildung in der Bevölkerung ist nach wie vor gering. Das nützen gerade auch Finanzberater weidlich aus. Mit zunehmendem Verbraucherwissen aber würden Beraterleistungen tendenziell weniger bedeutend.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Mit Finanzbildung soll neben dem verantwortungsbewussten Umgang mit Finanzen auch ein Basiswissen über Anlage-, Finanzierungs- und Versicherungsthemen vermittelt werden, um Gespräche auf Augenhöhe zwischen Anbietern und Nachfragern von Finanzdienstleistungen zu ermöglichen.

Bereits vor rund einem Jahrzehnt hat die Europäische Kommission die Forderung nach mehr Finanzbildung erhoben. Es folgten die Bildung einer Expertengruppe für Finanzbildung sowie zahlreiche Veranstaltungen, Berichte und Absichtserklärungen. Durchschlagende Umsetzungserfolge in den Mitgliedsländern blieben aber aus.

Positiv war immerhin die mediale Themenpräsenz, mit der „Financial Education“ und „Financial Literacy“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch fanden. Diese Wortwahl schlug sich auch im aktuellen Programm der österreichischen Bundesregierung nieder.

 

Bringschuld und Holschuld

Von Finanzwissen können Verbraucher, die sich ein geordnetes persönliches Finanzleben und einen von Finanzsorgen freien Kopf wünschen, zweifach profitieren. Einerseits durch sachlich besser fundierte Entscheidungen, andererseits durch das gute Gefühl, nicht alles glauben zu müssen, was einem andere erzählen.

Dass diese Verbrauchermündigkeit von Banken, Versicherungen und Finanzberatern als ambivalent empfunden werden kann, ist plausibel: Wissensvorsprünge erlauben dem Berater eine bessere Steuerung des Verkaufsprozesses, auch wenn damit die Gefahr späterer Streitigkeiten, bei denen mangelhafte Aufklärung über Chancen und Risken von Finanzdienstleistungen geltend gemacht wird, steigt.

Verbraucher mit Eigenwissen sind jedenfalls nicht auf blindes Fremdvertrauen angewiesen und können Finanzdienstleistungen besser verstehen, kritisch hinterfragen und bewusst auswählen.

Bei Jugendlichen ist Finanzbildung wohl eine Bringschuld. Denn in jungen Jahren gibt es infolge noch fehlender oder beschränkter Geschäftsfähigkeit kaum einen Grund, sich eigeninitiativ und anlassbezogen mit Finanzthemen zu befassen. Hier hat die Bildungspolitik diese Bringschuld zu erfüllen und das Thema in den Lehrplänen zu verankern.

Erwachsene werden hingegen über Jahrzehnte mit Anlage-, Finanzierungs- und Versicherungsentscheidungen konfrontiert: beispielsweise bei der Finanzierung einer Wohnung, beim Leasen eines Automobils, beim Versichern von Personen- und Sachrisken, bei der Vorsorge für das Alter etc. Diese Entscheidungen prägen den Lebensstandard mitunter nachhaltig und schaffen ausreichend Motivation, Finanzwissen als Holschuld zu begreifen. Immerhin winken damit finanzielle Vorteile.

 

Nachlassende Bankberatung

Mit zunehmendem Verbraucherwissen werden Beraterleistungen tendenziell weniger bedeutend. Wenn auf beiden Seiten ohnehin alles klar ist, werden Beratungsprozesse kürzer oder sogar obsolet. Das passt gut in eine Zeit, in der die Finanzwirtschaft ihre persönlichen Dienst- und Beratungsleistungen immer mehr reduziert und in der die Nachfrager eine zeit- und ortsgebundene Beratung als immer weniger attraktiv empfinden.

Es ist zu erwarten, dass persönliche Beratungsgespräche weiter an Bedeutung verlieren und flexiblere Kommunikationsformen zur Norm werden. Dies muss kein Nachteil sein, wenn vor, während und nach der Inanspruchnahme von Finanzdienstleistungen begleitender Zugriff auf Finanzwissen besteht.

Werden Finanzdienstleistungen in Anspruch genommen, enden diesbezügliche Verträge häufig mit der Formulierung, dass der Verbraucher die Vereinbarung „gelesen, verstanden, akzeptiert“ habe. Was Verbraucher zur Unterzeichnung vorgelegt bekommen, sind oftmals umfangreiche Vertragswerke aus den Händen erfahrener Juristen, die in erster Linie der rechtlichen Absicherung von Anbietern und Beratern dienen.

Ob solche Dokumente ein klares Bild über das Funktionieren sowie über die Chancen und Risken von Finanzdienstleistungen geben, darf bezweifelt werden. Und dass ein Verbraucher zugibt, etwas akzeptiert zu haben, was er vielleicht gar nicht gelesen und schon gar nicht verstanden hat, kommt zwar vor, doch meistens geschieht das dann erst vor Gericht.

Über das geringe Finanzwissen der Bevölkerung besteht kein Zweifel, und über die Notwendigkeit von Maßnahmen, um das Wissen über Finanzfragen zu verbessern, herrscht Einigkeit. Es ist daher erfreulich, dass laufend neue Initiativen vorgestellt werden.

 

Unüberbrückbarer Wildwuchs

Wer bei Google eine diesbezügliche Benachrichtigung einrichtet, erlebt die zahlreichen Aktivitäten nahezu zeitverzugslos mit. Diese beinhalten meist aber nur einzelne oder wenige Themen und zeichnen sich durch vollkommen unterschiedliche analoge und digitale Darbietungsformen aus.

Damit entsteht ein unüberblickbarer inhaltlicher und didaktischer Wildwuchs, der zur Orientierungslosigkeit beim Verbraucher führt. Hilfreicher wäre es, möglichst alle relevanten Finanzthemen auf einer zentralen Plattform mit einer durchgängigen inhaltlichen und didaktischen Struktur bereitzustellen.

Banken und Versicherungen sind bemüht, das Thema Finanzbildung mitunter auf unterhaltsame Weise („Edutainment“) zu inszenieren. Es geht dabei fast immer um Kinder und Jugendliche, und es kommt auf jeden Fall gut an, etwas für den Nachwuchs zu tun. Auch wenn es richtig ist, dass mit Finanzbildung gar nicht früh genug begonnen werden kann, handelt es sich bei nüchterner Betrachtung um eine Zielgruppe, die von der Inanspruchnahme von Finanzdienstleistungen noch Jahre entfernt ist.

 

Beschämend geringes Wissen

Vor diesem Hintergrund ist überhaupt nicht einzusehen, dass Finanzbildung im Regelfall reflexartig an die Jugend adressiert wird und dass die um ein Vielfaches größere Zielgruppe erwachsener Verbraucher gar nicht im Fokus steht. Ob hier die Unschuldsvermutung gilt oder ein dunkler Anfangsverdacht angebracht ist, bleibt ungewiss.

An Studien über den Stand des Finanzwissens der Bevölkerung besteht wahrlich kein Mangel, alle paar Wochen werden neue Erhebungen mit ohnehin schon seit Jahren bekannten Ergebnissen publiziert: Die Kenntnisse zu Finanzthemen sind besorgniserregend gering und eigentlich beschämend. Dieser Erkenntnis folgen im Regelfall gebetsmühlenartige Hinweise, dass dringender Handlungsbedarf für Finanzbildung bestehe, und es werden Forderungen nach mehr Engagement zur Verbesserung des entsprechenden Wissens erhoben.

Auch Medien greifen das Thema gern auf und leisten damit einen Beitrag, das Problembewusstsein etwas länger am Leben zu erhalten. Im besten Fall bis zum Erscheinen der nächsten Studie.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Prof. Dr. Gerhard Weibold blickt auf langjährige Lehrtätigkeiten an Universitäten und Akademien, unter anderem an der WU Wien, zurück. Er ist Vorstand und Geschäftsführer von Unternehmen in Österreich und in Deutschland. Sein inhaltlicher Fokus richtet sich seit geraumer Zeit auf das Thema Finanzbildung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2018)