Teresa Scheicher: Warum Papier-Design entschleunigt

Flugfeld. Teresa Scheicher lässt in ihrer Papeterie Paperbird Ideen und Kraniche fliegen.
Flugfeld. Teresa Scheicher lässt in ihrer Papeterie Paperbird Ideen und Kraniche fliegen.(c) die Presse (Carolina Frank)

Papier bremst die Gedanken. Und dafür hat die Designerin Teresa Scheicher ein paar Ideen in ihrer Papeterie versammelt.

Weihnachten kommt einmal im Jahr. So die grundsätzliche Annahme. Inzwischen weiß man aus empirischen Beobachtungen, dass Weihnachten durchaus noch öfter vor der Tür steht. Auch in der Löwengasse im dritten Wiener Bezirk ist das so. Etwa, wenn der Bote die neuen „Proben" bringt, Muster von Geschenkpapier. Für Teresa Scheicher die helle Freude. Wenn ihre Hände endlich wieder das dürfen: etwas Neues fühlen, drüberstreichen. Oder auch knicken, kleben, falten. Schließlich ist Papier das ganze Jahr über nicht so spürbar wie in der Zeit vor Weihnachten. Denn dann überzieht und umhüllt es die Welt der Dinge mit Geschenkpapier. Scheicher verpackt auch so gern, erzählt sie. Auch für Kunden, in ihrer Papeterie Paperbird.

Vogelfrei. Und wenn die neuen Papiermuster sich zu jenen Formen falten, die sie umhüllen sollen, dann ist auch mal Zeit für persönlichere Gesten, ein paar handgeschriebene Worte auf Papier etwa. Oder ein paar Gedanken, die der nahen Zukunft gewidmet sind: dem Kalender des nächsten Jahres. In der Löwengasse haben diese Gedanken und Gesten ein kleines Universum, das Scheicher eingerichtet hat, mit Papierideen, die aus aller Welt eingeflogen sind, aber auch aus ihrem eigenen Kopf, wie etwa Papierkraniche, die hier durch den Raum flattern.

„Die Menschen möchten gern wieder etwas anderes spüren, andere Oberflächen als nur glatte Displays", sagt Scheicher. Sie selbst suchte stets den stofflichen Kontakt, dabei waren es anfangs vor allem Textilien – in Berlin hat sie Modedesign studiert. „Aber irgendwie ist es mit dem Papier und dem Umgang damit ganz ähnlich wie beim Nähen von Kleiderstoffen. Wenn sich der eigene Entwurf, die eigene Idee materialisiert, ist das einfach sehr befriedigend." Vor allem, wenn man – vom ersten Gedanken bis zum letzten Schliff und Knick –alles selbst in der Hand hat. Und das Resultat auch nicht größer ist als ein kleiner Glückskranich aus Papier.

Oder Dutzende Papiervögel. Zumindest hängen so einige an Nylonfäden von der gewölbten Decke bei Paperbird. Scheicher faltet die Vögel zu ganzen Schwärmen, sie schweben über Notizbüchern, Glückwunschkarten, Kalendern, Art-Prints, Geschenkpapieren und Scheichers eigenen Papierentwürfen. Karten sind es zunächst. Notizbücher, Kalender und ganze andere Dinge sollen bald ihr eigenes Design-Portfolio be­­reichern.

Büttenpapier. Handgeschöpft wird mit dem Sieb aus einer ­„Fasersuppe“.
Büttenpapier. Handgeschöpft wird mit dem Sieb aus einer ­„Fasersuppe“.(c) Aus „Papier. Material, Medium und Faszination“, Prestel Verlag

Das Falten von Papier, das spürt auch Scheicher jedesmal, ist ein ziemlich kontemplativer Vorgang. „Es ist so ‚lowtech‘ wie nur irgendwie denkbar", schreibt dazu Nicola von Velsen in der Buch gewordenen Hymne ans „Papier", so der Titel (Prestel Verlag). Kein Hilfsmittel, keine Instrumente. Nur das Hirn, das sich mit der Hand verbindet. Mehr braucht es nicht. Der deutsche Künstler Erwin Hapke hat die Reduktion und das Faible fürs Falten ziemlich extrem gelebt. Keine Medien, kein Internet; in selbst gewählter Klausur, in einer alten Dorfschule bei Unna, entfaltete er ein faszinierendes Universum aus Papier. 35 Jahre saß er am Schreibtisch und faltete Objekte: menschliche Gestalten, Tiere, geometrische Figuren, ganze Architekturmodelle. Nach seinem Tod fand man in seinem Haus Hunderttausende Objekte. „Der zarten Seele des Papiers entweicht eine ungeahnte Tiefenzeit, die uns anrührt und ein beinahe verschollenes Heimweh nach der Wirklichkeit wachruft", so beschreibt Matthias Burchardt in dem Band „Papier" die Wirkung der gefalteten Welt von Erwin Hapke. Vor allem in den Zeiten „digitaler Informations- und Bildgewitter".

Schöpfungsmythos. Schon einige Designer stiegen deshalb in den letzten Jahren auf die Bremse. In Form von Papier. Für sich selbst und schließlich auch für Kunden. Auch Michele Falchetto, ein Wiener Grafikdesigner, gehört dazu – mit seiner Idee des „Moduletto". Einem Kalender-Notizbuch-System, das analoge Haptik und digitale Logik verbindet. Mit einem Gummiband. „Ein Kalender aus Papier hat eingebaute Verschnaufpausen. Etwa wenn man ihn aus dem Schuber zieht. Oder in ihm blättert", meint Falchetto. Gut, wenn man einem Gedanken noch einen Moment gönnen will, obwohl schon der nächste wartet. Das Schöne und gleichzeitig das Pro­blem an Papier: die Verbindlichkeit. Der Jahreskreis ist so streng definiert wie die Wochentage. Traditionelle Papierkalender haben da kaum Platz für unerwartete Abzweigungen aus der Alltagsroutine und dem Wochenplan. Doch im „Moduletto" -System schnürt das Gummiband das Papier zu immer neuen Seiten-Konstellationen zusammen.

Teresa Scheicher kennt da eine andere Verschnaufpause für sich selbst. Das Geschenkeverpacken. Eine gute Bremse im Überfluss der sinnlichen Eindrücke, den Dingen noch mal extra Aufmerksamkeit zu schenken, indem man sie schön verpackt. Und je kreativer die Geschenke eingepackt sind, desto bewusster und entschleunigter kann das Auspacken geraten, auch unter dem Weihnachtsbaum. Auch die Produktion von Papier, die händische, ist selbst schon fast ein kontemplativer Vorgang, sprichwörtlich ein Schöpfungsakt. Beim handwerklichen Papierschöpfen schwingen sich Hände, Körper und Wasser ein, an der Bütte ensteht fast so etwas wie eine Choreografie, damit die Papierbögen auch homogen, gleichmäßig dick werden. Sieb eintauchen, herausheben, leichtes Schütteln.

Am Anfang von allem steht jedenfalls: die Faser. Oder besser: eine Suppe von Fasern. Und am Ende die unterschiedlichsten Texturen. Von der Welt der Mode und ihrem haptischen Zugang scheint sich das Universum des Papiers also gar nicht so zu unterscheiden, meint auch Scheicher. Vor allem ist Papier wie auch die Kleidung ein Bedeutungsträger. Von all den Zeichen, die man darauf kritzelt, malt und druckt. Und ein Speichermedium noch dazu: von Gefühlen. Da kommt es gerade recht, wenn wieder öfter Weihnachten vor der Tür in der Löwelstraße steht. 

(c) Beigestellt

Buchtipp

„Papier. Material, Medium und Faszination". Herausgegeben von Neil Holt, Nicola von Velsen und Stephanie Jacobs. Erschienen im Prestel Verlag.