Börse-Chef fordert "Chancengleichheit" mit Banken

INTERVIEW CHRISTOPH BOSCHAN
APA/HELMUT FOHRINGER

Banken und ihre eigenen Wertpapierhandelsplattformen seien viel weniger streng reguliert, sagt Börse-Chef Christoph Boschan. Hier hätten die Regulierungsbehörden Handlungsbedarf.

Christoph Boschan, Chef der Wiener Börse, fordert im Wettbewerb mit außerbörslichen Handelsplattformen von den Regulierungsbehörden faire Wettbewerbsbedingungen. "Viele Banken betreiben selbst Wertpapierhandelsplattformen, sind aber weniger streng reguliert", kritisiert er. Ohne diese "Chancengleichheit" wären die hochregulierten Börsen zu schlechteren Preisregimen gezwungen.

"Der Börse ist es bisher regulatorisch verboten, die gleichen attraktiven Kursstellungen wie die Bankensysteme anzubieten. Fairer Wettbewerb sieht anders aus", betont Boschan.

Die Wiener Börse werde sich auch weiterhin um Internationalisierung bemühen, führte Boschan aus. Die österreichische Anlegerschaft dürfe nicht darauf angewiesen sein, mit ihren Orders ins Ausland zu gehen. Deshalb werde er sich bemühen, alle Investmentgelegenheiten, die der Österreicher haben will, auch an der Heimatbörse verfügbar zu machen. An der Wiener Börse sollen auch den österreichischen Emittenten die mit Abstand besten Preise zur Verfügung stehen und zustande kommen. "Das ist wesentlich für uns im Marktplatzwettbewerb. Wenn wir nicht die Preisführerschaft haben, dann finden die Umsätze wo anders statt. Da werden wir sicherlich die eine oder andere Marktmodellierung vornehmen", sagte Boschan. Spruchreif sei aber noch nichts.

2017 und 2018 seien fast 600 neue ausländische Aktien nach Wien geholt worden und alleine in diesem Jahr seien rund 700 Anleihen zusätzlich in den Handel aufgenommen worden.

KMU-Börse startet am 21. Jänner

Die Vorbereitungen für den Handelsstart des KMU-Segments "direct market plus" seien praktisch abgeschlossen: "Wir haben bereits ein sogenanntes direct network eingerichtet, wo wir Kapitalsuchende und Kapitalgeber zusammen bringen, richtig im Sinne von Kapitalaufnahme", sagte Boschan. Der börsliche Sekundärmarkt dazu werde am 21. Jänner mit acht bis zehn Kandidaten starten. Weitere Kandidaten sollten im Laufe des Jahres folgen.

Für die Wiener Börse selbst sei 2018 ein intensives Jahr gewesen. "Wir haben eine ganze Menge neuer Instrumente an den Markt gebracht", so Boschan. Mit der Umsatzentwicklung zeigte sich der Börsenchef zufrieden: 2018 dürfte der Aktienhandelsumsatz um sechs Prozent auf fast 70 Mrd. Euro steigen. "Das ist in einem strukturell schwachen Markt wie Österreich durchaus beachtlich", sagte Boschan. Mit 86 Prozent stamme der Großteil von internationalen Börsenmitgliedern. Der Umsatz mit ausländischen Aktien entwickle sich "einigermaßen zufriedenstellend" und liege seit Start bei 1,6 Mrd. Euro.

Mit einer Performance von minus zwölf Prozent liege der Leitindex ATX  im europäischen Durchschnitt. Langfristig orientierten und diversifiziert agierenden Anlegern könnten solche monatlichen oder halbjährlichen Kursschwankungen eigentlich egal sein, denn seit seinem Bestehen weise der ATX eine durchschnittliche jährliche Rendite von sechs bis sieben Prozent auf.

Längere Handelszeiten

 2019 sollen die Handelszeiten ausgeweitet werden, "wo wir uns an die europäischen Standards angleichen werden", so Boschan. Im kommenden Jahr wird so auch an vier Feiertagen - Christi Himmelfahrt (30. Mai), Fronleichnam (20. Juni), Mariä Himmelfahrt (15. August) und Allerheiligen (1. November) - regulär gehandelt.

Weitern auf der Wunschliste von Boschan befindet sich die Befreiung von Privatanlegern von der Kapitalertragsteuer (KESt) auf Kursgewinne und Dividendenausschüttungen. Zumindest sollte ein Freibetrag geschaffen werden, um die Privatanleger zu stärken.