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Ein Film aus Mexiko, für die Spanier untertitelt: No, por favor!

Netflix hat den Film produziert, mit Untertiteln in zwei spanischen Versionen.
Netflix hat den Film produziert, mit Untertiteln in zwei spanischen Versionen.(c) Photo by Carlos Somonte (Carlos Somonte)/ Netflix
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SubtextDer Oscar-Anwärter „Roma“ läuft in Spanien übersetzt mit Untertiteln. Das hat dort heftige Debatten ausgelöst. Aber wie sprachlich entspannt sind eigentlich wir?

So wird aus einer medialen Schneeflocke eine interkontinentale Lawine: Im Dezember ging Jordi Soler ins Kino, in Barcelona, wo der Schriftsteller aus Mexiko schon lange lebt. Er erfreute sich an „Roma“ von seinem Landsmann Alfonso Cuarón. Für diesen Bilderreigen über eine Jugend in Mexico City könnte der Regisseur bald den Bann brechen, dass noch nie ein Streifen in einer anderen Sprache als Englisch den Oscar für den besten Film bekommen hat. Tolle Sache. Ganz furchtbar aber fand der Kinogänger Soler, dass er spanische Untertitel vorgesetzt bekam – für einen Film auf Spanisch! Dabei unterscheidet sich dessen mexikanische Variante vom Kastilischen, das man in Spanien spricht und in das (teilweise falsch) übersetzt wurde, nicht mehr als amerikanisches von britischem Englisch.

„Bevormundend, beleidigend und zutiefst provinziell“, twitterte Soler erbost. „Damit wollen sie uns kolonialisieren.“ Rasch rumorte es in den Foren. In die lichten Höhen der Leitmedien drang die Debatte vorige Woche, als sich der Meister selbst erregte: Die entstellende Textfassung sei „engstirnig und ignorant“. Seitdem melden sich alle zu Wort, von Linguisten bis zu Leitartiklern.

Netflix schweigt - und gibt nach

Nur Netflix schweigt. Der Streamingdienst hatte den Film produziert, mit Untertiteln in zwei spanischen Versionen. Nun bleibt nur der Originaltext für Hörgeschädigte. Die übersetzte Fassung ist verschwunden, kommentarlos, vom Sturm der Entrüstung hinweggefegt. Die Kinos aber halten an ihr fest, und damit ebbt die Polemik nicht ab.

Zu viel der Aufregung? Die Wunde, die da aufreißt, ist tief: 550 Millionen Menschen haben Spanisch als Muttersprache, nur sieben Prozent von ihnen leben in Spanien. Aber dort hockt die „Real Academia“, die über die Reinheit der Hochsprache wacht. Nur mit viel Mühe hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein neutrales Spanisch eine Illusion ist. Dass es eine Weltsprache stärker macht, wenn sie regionale Nuancen bewahrt. Zumal Fernsehserien, Kino und Internet längst dafür gesorgt haben, dass Spanischsprechende auf beiden Seiten des Atlantiks abweichende Ausdrücke problemlos verstehen. Und jetzt bauen ausgerechnet diese Medien neue Mauern, die niemand braucht. Also: Wehret den Anfängen, rettet den Reichtum dieser Sprache, die zu gleichen Teilen Cervantes, Márquez und Cortázar gehört!

Wienerisch ohne Verständnishilfe

Nur noch kleinlaut meinen manche: Die Untertitel waren schon praktisch. Die Franzosen hätten da, bei Filmen aus Québec, ja auch keine Hemmungen. Aber wie sieht es in unserem Sprachraum aus? Wissenschaftlich ist die Sache entschieden: Der Austriazismus ist ein nicht weniger hohes Deutsch als das Hannoveranische. In der Praxis bleiben Schieflagen: Eine österreichische Theaterschauspielerin reüssiert auf deutschen Bühnen nur, wenn sie sich ihren Akzent austreibt. Umgekehrt käme kein bundesdeutscher Mime auf die Idee, seinen Tonfall für ein Engagement an der Burg zu modulieren.

Entspannter geht es im Fernsehen zu. Der „Tatort“ aus Luzern wird zwar synchronisiert, aber in ein schweizerisch gefärbtes Hochdeutsch, um das Lokalkolorit zu wahren. Die Kommissare aus Wien lässt man ohne jede Verständnishilfe aufs Publikum los. Ein Berliner Blatt erstellte für die vorletzte Folge ein Glossar. Seitdem wissen die Preußen, dass man mit einer Puffn schießt, dass schiach nicht schön und gschissn nicht gut ist. Mit dem Bayerischen plagen sich alle Nichtbayern lustvoll ab, schon seit den seligen Zeiten des Monaco Franze. Denn nichts klingt so komisch wie das, was man nur ahnend versteht: A Hund war er fei scho, a verreckter.

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2019)